Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 100
Große und kleine Versprechen
Von Kito Nedo
KRITIK Die Ausstellung beschäftigt sich mit neun utopischen Strömungen in der Kunst - verzichtet aber auf eine Analyse dieses Phänomens
Utopia Matters Deutsche Guggenheim, Berlin, 23.1.-11.4.2010
Banker und Künstler sind Meister der Utopie. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Berliner Guggenheim - ein Joint Venture zwischen Deutscher Bank und New Yorker Guggenheim Museum - diesem Thema widmen würde. Das Bekenntnis zum utopischen Denken kommt in einem Moment, in dem deutlich wird, dass viele der modernen Ära uneingelöst bleiben: sei es die technische Kontrolle von Naturgewalten, das Ende bewaffneter Konflikte oder die Sicherheit spekulativer Finanzgeschäfte.
Doch selbst in den kleinen Strömungen der künstlerischen Avantgarde gehört das Scheitern von Utopien zur Geschichte des visionären Denkens dazu. Das jedenfalls deutet die von Vivien Greene kuratierte Berliner Ausstellung an, die rund 80 Exponate von neun utopischen Strömungen der jüngeren Kunstgeschichte präsentiert (Katalog:
32 Euro): der Bruderschaften der französischen Primitiven und der religiös ausgerichteten Nazarener, der britischen Präraffaeliten und der Arts-and-Crafts- Bewegung um William Morris, der amerikanischen Cornish Art Colony und des Neoimpressionismus; sie endet mit De Stijl, Bauhaus und russischem Konstruktivismus.
Leider beschränkt sich "Utopia Matters" auf das reine Zeigen und verzichtet auf die Analyse. So wäre es doch interessant gewesen, wenigstens an einem Beispiel die Punkte aufzuzeigen, an denen sich das utopische Versprechen in sein Gegenteil kehrt, wo, wie etwa beim Bauhaus, der "neue Mensch" zum "abstrakten Wohnwesen" (Adolf Behne) degradiert wird. Dann erhielten Ort und Zeit der Ausstellung tatsächlich Relevanz. Stellt doch die Funktionalisierung und Rationalisierung in der Finanzwirtschaft einen Grund dafür dar, dass wir uns derzeit in unseren eigenen Utopien so unheimlich fremd fühlen.
Bildunterschrift:
Gemalte Utopien von Jean Broc (1801, links) und Jean-Pierre Franque (um 1816, rechts)
