Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 58-61
Wir müssen reden
Von Steffen Zillig
Ist das ewige Augenzwinkern out? Muss der Künstler wieder an Ideologien glauben? Brauchen wir neue Konflikte? Für art haben sich drei Kunststudenten für ein Wochenende in Klausur begeben und die großen Fragen von Kunst und Gesellschaft für die Generation der unter 30-Jährigen neu diskutiert. Protokoll eines aufschlussreichen Kamingesprächs
Erschöpft starrten wir durch das Ofenfenster auf die endlich entfachten Flammen und hielten kurz die Zeit an, bevor wir uns die vom Schnee durchtränkten Socken von den Füßen kratzten. Zwei Kilometer zuvor hatte sich das Auto mit kämpferischem Schlussakt von uns verabschiedet, ehe uns die gemeinsame Rutschpartie den Abhang hinab wohl mindestens zwei Leben gekostet hätte. Vorm Ofenfeuer war erst mal wenig, das unwichtiger erschien als Kunst. Aber genau so sollte das.
Zur großen Rederei in die kleine, irgendwo im nordpfälzischen Bergland ausreichend abgelegene Datscha waren stellvertretend angetreten: von der Kunstakademie Düsseldorf Dominic Osterried, 26, von der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Arne Schmitt, 25, und ich, 28, Hochschule für bildende Künste Hamburg. Alle von einigermaßen renommierten Kunsthochschulen, allesamt im neunten Semester und damit im letzten Drittel der Unternehmung Kunststudium. Man hatte sich so halbwegs seinen Pfad getrampelt durch das Dickicht, genannt "künstlerische Freiheit". Eine ganze Weile geht das so:
Man sortiert Wissen, Interessen, stöbert in Bezügen, probiert, sammelt, verwirft. Jetzt war Zeit, sich zu fragen, wohin damit.
Vor allem hatte man uns gefragt, was uns eigentlich auszeichne - uns, den Nachwuchs. Um die Frage zu klären, hatten wir hier oben rund zweieinhalb Tage, und bevor es los ging, schenkten wir uns ein kleines Update in Sachen Akademie. Kunsthochschulen sind recht ergiebige Klatschfabri ken. Wer es darauf anlegt, investierte das Taschengeld in Klamotten und Kokain und spielt ein bisschen Glamour. Als wir das Studium begannen, füllten Künstler auch Seiten von Mode- und Lifestyle-Magazinen.
Die große Party aber ist längst abgefeiert und Dekadenz keine Option, die in die Zeit passt. Vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet die unscheinbare und gar nicht glamouröse Figur des Typografen unser spontanes Ranking von Akademie- Archetypen anführt. Der Intellektuelle unter den Grafikstudenten - ein irgendwie edel scheinendes Hybridwesen aus Freigeist und Handwerker.
Zillig: Allerdings hat unser Professor für Typografie mal eine ziemlich scharfe Trennlinie gezogen zwischen seinem und dem Feld der freien Kunst. Für den Künstler hinge nämlich an jeder neuen Arbeit der komplette existenzielle Rattenschwanz.
Kein Anforderungsprofil, keine Aufgabenstellung entlaste ihn in der Frage: wozu?
Osterried: Vorgestern lag ich in der Badewanne und dachte genau das! Man überlegt: Das und das könnte interessant sein. Man fängt an, über mögliche Formen nachzudenken.
Dann geht man einen Schritt zurück und fragt: Was soll das Ganze? Dann noch einen Schritt und noch einen - bis die Sache sich am Ende selbst erledigt, weil es einfach keinen Grund mehr gibt, sie überhaupt umzusetzen.
Die größte Lektion erteilten Kunstakademien womöglich, indem sie die Studenten einfach ihrem eigenen Zweifel überließen.
Wer ein Kunststudium beginnt, wird kurzerhand Künstler auf Probe - ohne dass ihm irgendjemand sagen würde, was um Himmels Willen ein Künstler, geschweige denn, was Kunst ist. In Leipzig gönnte man den Erstsemestern immerhin noch ein Pflichtprogramm aus Übersichts- und Einführungskursen.
In Hamburg und Düsseldorf verzichtete man auch darauf.
Osterried: Markus Lüpertz, damals unser Rektor an der Kunstakademie Düsseldorf, hat uns in seiner ersten Ansprache ermahnt, wir sollten uns zuallererst darüber im Klaren werden, dass wir von allen sowieso die absolut Talentiertesten wären, die absolute Elite. Für uns war das erst mal der Freischein, ein Jahr lang praktisch nichts anderes zu tun, als zu saufen. Man kommt leider trotzdem schnell dahinter, dass das mit der Elite ein ziemlicher Unsinn ist. Allein schon, wenn man sich die übrigen Studenten anschaut und feststellt, dass die meisten eigentlich ziemliche Vollidioten sind.
Man könnte das seinerseits für elitäres Gerede halten - eine Debatte über Lehrmethoden war jedenfalls schnell verschoben.
Mag sein: Vollidioten gibt es überall. Mag sein: Sich von einer gefühlten Mehrheit abzugrenzen solidarisiert - was immerhin verständlich wäre in einem Studium, von dem andere behaupten, es sei nur der gut kaschierte Wettbewerb darum, wer am Ende das schillerndste Arschloch abgibt. Wir mussten uns zumindest eingestehen, dass wir mit dem Großteil der Kunst unserer Altersgenossen recht wenig anfangen konnten, und dass "Vollidioten" wohl dahingesagt, aber auch keine ganz abwegige Kategorie aufmachte. Was war los?
Ehe wir uns auf den vereisten Weg in die pfälzische Provinz machten, hatten wir uns noch eine Ausstellung angesehen: die "Übermorgenkünstler". Aus fünf deutschen Kunstakademien waren 26 studentische Positionen gewählt und im Heidelberger Kunstverein zu einem hübschen Wechselspiel der gängigen Medien und künstlerischen Methoden arrangiert worden: hier ein ironisches Moderne-Zitat, da die Poesie des minimalen Arrangements von Alltagsgegenständen, etwas romantisch eingefärbte Konzeptkunst und junge Malerei - ja richtig: lässig und rough. Auch Politik wurde nicht ausgeklammert: Ein kleines Wasserbecken in Form des Bosporus wurde von einer Batterie für Weidezäune unter Strom gesetzt. Das knackte und knisterte schön und reflektierte "die gesellschaftlichen Spannungen am Bosporus". Ein großer Raum voll kontrollierter Langeweile, kurzum: deprimierend.
In Arbeitsgesprächen an der Hochschule hört man von Professoren und Kommilitonen oft einen Ausspruch, der Kompliment sein will, aber im Gegenteil den künstlerischen Bankrott erklärt:
"Das funktioniert!", heißt es dann. Und Kunst funktioniert offensichtlich bestens, wenn sie das Denken ihrer Betrachter entlastet.
Wenn sie bekannte Muster und Methoden so aufbereitet, dass sie auf möglichst eingängige Pointen zumarschieren. Der Künstler "entlarvt" dann X als Y, "verschiebt" die Grenze von A nach B und sowieso und in jedem Fall "irritiert" er den Betrachter.
So funktioniert Kunst: als Vorlage für die gleichermaßen müden Mustertexte jener professionellen Kunstversteher, die, sagen wir, aus einem unter Strom gesetzten Planschbecken "gesellschaftliche Spannungen" ableiten. "Simulierter Tiefsinn" hat das jemand mal treffend genannt. Er hatte sich tief eingegraben in den Humus der Hochschulen und besaß in unseren Zeiten obendrein noch ein exzellentes Düngemittel: die allgemeine Verunsicherung. Womöglich war sie das eigentliche Markenzeichen unserer Künstlergeneration.
Schmitt: In Leipzig waren wir neulich vor die Aufgabe gestellt, uns das Werk eines prominenten Künstlers auszusuchen, um es dann in einem Kurzreferat einem Totalverriss zu unterziehen. Die meisten Studenten waren total verschreckt:
Sei es nicht problematisch gleich ein ganzes Werk zu verreißen?
Alles habe doch irgendwo auch seine Berechtigung und so weiter. So eine Reaktion wäre zu seiner Studienzeit in den neunziger Jahren unvorstellbar gewesen, meinte der Professor.
Osterried: Ich vermute mal, die Studenten hätten bei uns nicht anders reagiert.
Schmitt: Vielleicht hat es mit der ausgeprägten Kompromissbereitschaft unserer Generation zu tun. Ich erinnere mich an eine Diskussion aus der Schulzeit. Es ging um einen Tempelstreit zwischen Juden und Moslems. Könne man sich den Tempel nicht einfach teilen, hieß es schnell, die eine Religion würde ihn in der einen Woche nutzen, die andere in der nächsten?
Wer oder was hatte unserer Altersklasse eigentlich die Streitlust genommen? In den Achtzigern geboren, irgendwo in diesen zwei verdrehten Folgejahrzehnten zu Bewusstsein gekommen, waren wir diejenigen, die ihren Eltern den Computer erklärten und im Jugendzimmer den ersten Internetanschluss installierten.
Vielleicht die Letzten, die wussten, wie man eine analoge Kamera bedient und schemenhaft, wie es war, ohne Handy aus dem Haus zu gehen. Wir wuchsen auf im Bewusstsein eines seltsamen Dazwischen.
Der Kommunismus verschwand, vom "Ende der Geschichte" war die Rede und "Globalisierung" das alles schlagende Argument.
Flexibilität wurde zum ultimativen Imperativ, nicht zuletzt für die Vorstellungen von Arbeit, Sozialstaat und Identität. Revolution war nicht mehr, aber überall Reform. So was lehrt Skepsis, aber es schreit dich auch an: Halt dich ran, die Plätze in der Maschine Zukunft sind begrenzt! Kein Wunder, dass sich so viele Kollegen da auf das verließen, was "funktionierte". Mit dem existenziellen Rattenschwanz hatte man auch ohne Kunst genug zu kämpfen.
Mittlerweile war Nachmittag des zweiten Tages. Der Ofen hatte ein wenig an Anziehungskraft eingebüßt, und so saßen wir zu Tisch. Auf dem lag nun seit Stunden schon die alles durchdringende Frage, was wir dem ganzen Schlamassel eigentlich entgegenzusetzen hatten. Vom Gros der Gegenwart gelangweilt bis genervt zu sein gab keine Antwort, und weil ich mich als Quasi- Moderator in die Pflicht genommen fühlte, hämmerte ich eine Weile fragend auf die Anderen ein: Müsste man nicht erst wieder an große Erzählungen, an Geschichte glauben, ehe sie geschrieben werden konnte? Müssten nicht wieder klar unterscheidbare Konzepte auf den Tisch? Konfliktpotenzial? Der Grundsatz jeder Dramaturgie hieß schließlich: ohne Konflikte keine Handlung!
Schmitt: Sorry, aber für mich schwingen in der Frage schon diese Bazon-Brock-Slogans mit: "Wir brauchen ein neues Wozu!" oder "Autorität durch Autorschaft!". Ihr könnt mich ja gerne einen Relativisten schimpfen, aber dieses merkwürdige Unbehagen gegenüber einer allgemeinen Ungewissheit und Komplexität riecht für mich doch stark nach Ideologie.
Zillig: Aber bist du dann nicht in derselben Argumentationslinie wie deine Kommilitonen, die sich dem Verriss einer künstlerischen Position verweigert haben? Slogans sind Mist, und ich hab' bestimmt nicht vor, irgendwelche Manifeste zu verfassen. Aber was mich ankotzt, ist dieses luschige Dahinproduzieren von Dingen, denen offensichtlich jede Dringlichkeit abgeht. Man verlegt sich auf ein möglichst elegantes Irgendwie - und das analog zur Politik. Nimm den Klimawandel, nimm die Finanzkrise. Beides keine unterkomplexen Themen, wohl aber solche, bei denen Problem und Ursache für jeden halbwegs Verständigen auf der Hand liegen.
Schmitt: Was willst du machen? Nach Frankfurt gehen und Banker verhauen?
Zillig: Vielleicht, aber ich würde trennen:
Kunst muss sich als Kunst radikalisieren und Politik als Politik. Wenn Kunst versucht, Politik zu ersetzen, ist keinem geholfen.
Aber für beide muss gelten: Business as usual ist inakzeptabel!
Osterried: Vielleicht kann man hier zwei Arten von Künstlern unterscheiden: Auf der einen Seite die, die nur bestehende Bedürfnisse befriedigen. Auf der anderen solche, deren Zeug für die Betrachter erst einmal unangenehm oder schockierend ist. Und zwar genau so lange, bis sich das Publikum daran gewöhnt, sich sogar regelrecht darin "versenken" kann.
Von da an gibt es auch ein Bedürfnis und einen Markt, der es befriedigt. Das Neue ist aber immer erst mal unangenehm, daran führt kein Weg vorbei.
Schmitt: Also wenn ich mir etwas absolut Neues vorstellen soll, muss ich immer an eine unglaublich große, frei schwebende Schleimkugel denken ... Mir ist ehrlich gesagt eine Kunst lieber, die in ihrer Form vielleicht nicht neu ist, dafür aber Bezug nimmt auf die Welt, die sie umgibt. Ich würde sehr begrüßen, wenn man die Kunst einfach als ein Kommunikationsmittel unter anderen akzeptieren und sie endlich von diesem Avantgarde-Mythos befreien würde.
Osterried: Von anderen Kommunikationsformen unterscheidet die Kunst aber die Freiheit ihrer Sprachen. Natürlich gibt es auch Spezialkünstler, Nerds, die sich ganz auf eine bestimmte Thematik oder Technik einschießen. Für mich trägt Kunst aber immer noch das Versprechen, jeden Tag frei zu sein in der Frage: Womit beschäftige ich mich, wie und womit arbeite ich?
Zillig: Das verpflichtet uns dann aber auch aufs Ganze: Man muss sich mit seiner Welt und seiner Zeit in ein ästhetisches Verhängnis bringen. Also ganz klar Weltbezug, aber mit künstlerischem Risiko. Allerdings leuchtet mir die "Kunst als Kommunikation" auch nicht wirklich ein. Ist sie nicht eine Erfahrung, die immer ein Einzelner macht?
Ob Erfahrung oder Kommunikation, Kunstmarkt hin oder her - Kunst ließ sich jedenfalls nicht an Gegenstände ketten. Zumal in einer Zeit, in der die Digitalisierung den Datenverkehr seiner Materialität bereits weitgehend enthoben hatte. Wir sahen alle wenig Anlass, bei unseren Arbeiten großen Wert auf außergewöhnliche Materialität zu legen. Vielleicht sollte man wissen:
Unsere künstlerischen Baustellen waren grundverschieden.
Dominic Osterried druckte gelbe Rauten auf Papier und nannte das "Papier & Gelb". Seine Bilderwelt war menschenleer - meine voll davon. Als Fotograf war Arne Schmitt draußen in der Stadt - ich fand meinen Rohstoff im Internet. Aber was könnte es sein, das über diese Unterschiede hinausging? Dringlichkeit?
Weltbezug?
Ich fragte ein letztes Mal, als wir schon auf dem Weg waren, das Auto wiederzufinden. "Vielleicht ist es nicht ganz zufällig", meinte Osterried, "dass wir alle gerne in Buch- oder Heftform publizieren?" Schien uns die Bibliothek am Ende sogar erstrebenswerter als der Ausstellungsraum? Zumindest umgab sie noch die Aura ernsthafter Beschäftigung, die so vielen Ausstellungsorten heute abging. Wenn wir auch kein Manifest mitbrachten und auch kein neues Wozu, vielleicht verband uns ja doch so was wie eine Haltung. Sehr wahrscheinlich, dachte ich, würde unsere Kunst weniger prätentiös daherkommen, auch weniger augenzwinkernd. Würde es unangenehm? Gut möglich. Auf jeden Fall würde es ernst, und wir mussten dringend zurück in unsere Städte, an die Arbeit.
