Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 69
Die Schubladen stehen offen
Von Thomas Wagner
Künstler sind autonom und schöpfen alles aus sich selbst, Designer sind die anonymen Gestaltungssklaven ihrer Kunden - alles Quatsch, meint . Die Grenze zwischen "frei" und "angewandt" ist obsolet
Es war in der Adventszeit. Ich war gerade von einer Rundreise zu einem Dutzend britischer Designer zurückgekehrt, da lud man mich zur Weihnachtsfeier in ein Künstlerhaus ein, in dem Stipendiaten monatelang malen, filmen, zeichnen und sich die Köpfe heiß reden, wie unsere Kunstgegenwart funktioniert.
Wir aßen, sprachen über dies und das, ich erzählte, was ich während meiner Reise erlebt hatte, und kurz bevor der Nachtisch kam, fragte ich in die Runde: "Seid ihr sicher, dass ihr auf Dauer gegen die geballte Kraft ganzer Designteams bestehen könnt?
Glaubt ihr, es reicht heute noch aus, der eigenen kleinen Subjektivität Ausdruck zu verleihen? Oder stammt euer Künstlerbild aus dem 19. Jahrhundert?" Die Antwort war Schweigen. Es fühlte sich an, als wäre ich gerade vom Mars gekommen. Design? Massenprodukte?
Dieser kommerzielle Kram?
Vielleicht ist es ja nur eine ganz persönliche Schrulle. Aber im großen Kaufhaus des 21. Jahrhunderts gibt es zwar viele Abteilungen, doch egal um was es sich handelt, ob um die so genannte "freie" oder um die so genannte "angewandte" Kunst, alles ist heutzutage Teil einer die Welt umspannenden Ökonomie, alles ist Ware.
Und bitte, man komme mir jetzt nicht damit, im Design gebe es einen Auftraggeber, der bestimme. Designer agieren wenigstens bewusst dort, wo Kunst und Ökonomie aufeinander treffen, während Künstler nicht selten die Wünsche ihrer Sammler und Galeristen befriedigen, aber mit der Botschaft "Ich bin frei" auf der Stirn herumlaufen. Auf dem Kunstmarkt kommt das gut an. Die Ideologie vom letzten freien Menschen, der aus sich heraus Originale schafft, lässt es in der Kasse klingeln. Ein Künstler wie Leonardo da Vinci hätte überhaupt nicht verstanden, wovon hier geredet wird.
Macht man sich das klar, können liebgewonnene Unterscheidungen wie die zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Design schon mal durcheinander geraten. Und genau das, denke ich, erleben wir gegenwärtig. Wir merken, dass es nicht mehr so ohne weiteres klappt, was gerade entsteht fein säuberlich zu sortieren. Die Grenzen werden durchlässiger, alte, kunsthandwerkliche Materialien und Techniken kehren zurück in die Hochkunst, und zugleich bedrängt das Design mit seiner Arbeitsteilung die individuellen Schöpfungen der Kunst, die es ausbeutet.
Bedeutet Kunst anzuwenden nicht zuallererst: ein Gemälde zu einem Logo machen oder aus einem Warhol ein Halstuch und aus einem Seurat einen Regenschirm? Das ist schnöder Kommerz, natürlich, und ein Halstuch mit einem Marilyn-Kopf ist keine Kunst.
Aber es zeigt, wie sehr die Ökonomisierung von allem und jedem Besitz ergreift. Ist der Freiraum der Kunst, wie Joseph Beuys einmal bemerkt hat, also tatsächlich nur "ein Kaninchenstall"? Wie frei ist der "kreative Akt"? Wie sieht erfolgreich angewandte Kunst aus?
Wie bei Marcel Duchamp, für den seine berühmte "Fountain", ein umgedrehtes und mit dem Namen "R.Mutt" und dem Jahr "1917" signiertes Urinal, angewandte Klempnerei war und der sogar einen "Rembrandt als Bügelbrett" verwenden wollte?
Wie im Fall von Anton Stankowski, der aus seiner Malerei das bis zum heutigen Tage verwendete Logo der Deutschen Bank entwickelt hat? Womit haben wir es zu tun, wenn Tobias Rehberger Designklassiker aus dem Gedächtnis zeichnet und nach diesen Zeichnungen dann in Afrika eben diese erinnerten Designklassiker herstellen lässt? Wird hier freie Kunst auf angewandte Kunst angewandt?
Auch wenn wir den Spieß umdrehen, wird es nicht übersichtlicher.
Nicht nur, weil Designer auch gern Künstler wären und der Bazillus der Unikate auch im Design um sich greift. Ist die "Lockheed Lounge" des australischen Design-Stars Marc Newson eine technizistische Récamiere aus Aluminium, nur eine Liege? Ist es kein künstlerischer Akt, wenn der junge niederländische Designer Maarten Baas Designklassiker kontrolliert abfackelt?
Wer weiß, vielleicht gibt es ja nur noch das: ein kreatives Agieren im Angesicht eines gefräßigen Marktes. Je nachdem, unter welchen Bedingungen es stattfindet und welche Qualität und Funktion es besitzt, nennen wir es mal Kunst und mal Design. Das Gefühl, sich nicht mehr auszukennen, aber bleibt. Plötzlich stehen die alten Schubladen offen.
ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Künstler befriedigen nicht selten die Wünsche ihrer Sammler und Galeristen, laufen aber mit der Botschaft "Ich bin frei" auf der Stirn herum
