Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 114-115
Musik für Millionen
Von Till Briegleb
KULTURPOLITIK Vom Prestigeprojekt zum Millionengrab: Die Kosten für den Bau der Hamburger Elbphilharmonie steigen weiter. Jetzt hat die Suche nach einem Sündenbock begonnen
Das ursprünglich als kulturelle Bugwelle gefeierte Konzerthaus an der Spitze der neuen Hafen-City ist seit einigen Jahren nur noch als offener Abfluss für Steuermillionen in den Schlagzeilen. Von null Euro, die das Projekt 2003 bei seiner Vorstellung durch den Privatinvestor Alexander Gérard die Stadt kosten sollte, auf 323 Millionen nach Übernahme des Projekts durch den Senat hat sich der öffentliche Anteil bisher erhöht (siehe Grafik).
Angeblich gesicherte Festpreise wurden immer wieder mit astronomischen Nachforderungen seitens des Bauunternehmens Hochtief zu Makulatur. 270 Millionen Euro Nachschlag zum vereinbarten Festpreis von 241 Millionen verlangte der Essener Konzern 2008 von der Stadt, damit das Konzerthaus mit seiner wellen- und blasenförmigen Glashaut fertig gestellt werden könne. 137 Millionen erhielt der Generalunternehmer im März 2009, der auch als Investor für die Apartments und das Hotel fungiert, mit denen die Konzertsäle umhüllt werden, dann tatsächlich. Gebunden war die Überweisung an die Zusage, dass der Bau der Elbphilharmonie endlich im Zeit- und Kostenrahmen bleibt. Aber nur wenige Monate später war Hochtief wieder da. Weitere 22,4 Millionen Nachtrag sollen es Anfang 2010 sein. Außerdem müsse sich der Termin der Eröffnung um ein Jahr verschieben. Verantwortlich für die teuren Probleme seien die Stadt und die Architekten Herzog & de Meuron aus Basel, die mit ständigen Änderungen das Plansoll torpediert hätten. Damit schlägt der Baukonzern die Pauke eines alten Vorurteils über Künstlerarchitekten, wonach diese nur an einer perfekten Bauskulptur interessiert seien, koste es, was es wolle.
Und tatsächlich lassen sich schnell zahllose Beispiele spektakulärer Neubauten finden, deren Preisentwicklung rasante Steilkurven hinlegte. Das berühmteste aller Wahrzeichen, die Oper von Sydney, war mit sieben Millionen australischen Dollar veranschlagt und kostete schließlich 100 Millionen. Gebäude der britischen Stararchitektin Zaha Hadid vervielfachen gerne mal ihre Kosten (das kürzlich fertiggestellte Maxxi in Rom von 80 auf 150 Millionen Euro, das Aquatics Centre für die Olympischen Spiele in London von rund 75 auf bisher 251 Millionen Pfund). Und auch in Deutschland wird das besonders Schöne gerne auch besonders teuer. Das Bundeskanzleramt von Axel Schultes etwa kostete am Ende mehr als doppelt so viel wie ursprünglich veranschlagt, das Porsche-Museum von Delugan Meissl in Stuttgart das Doppelte.
Dennoch lässt sich das Klischee, dass Künstler nicht rechnen können und aus Eitelkeit finanzielle Vorgaben ignorieren, aus diesen berühmten Beispielen nicht ableiten. Zum einen werden viele kulturelle Bauten durchaus kosten- und termingerecht fertig (etwa das gerade eröffnete neue Museum Folkwang in Essen), zum anderen gehen auch banale Ingenieursbauwerke an Fehlkalkulationen zugrunde wie beim Transrapid. Das Problem bei den Spiralentwicklungen der Budgets sind nämlich meist weniger die Entwerfer als die Auftraggeber. Die gleiche politische Eitelkeit, die teure Prestigeprojekte erst möglich macht, führt im Verfahren häufig zu unlauterem Vorgehen:
Im Wunsch, die eigene Amtszeit mit einem unvergesslichen Werk zu krönen, spekulieren Politiker wie Manager auf die wundersame Geldvermehrung, die fast immer dann einsetzt, wenn ein Projekt im Bau ist.
Denn nur äußerst selten wird ein öffentlichkeitswirksamer Bau aus Kostengründen halbfertig gestoppt und wieder abgerissen, wie es bei der "Topographie des Terrors" in Berlin nach Entwürfen Peter Zumthors nach jahrelangem Streit 2004 geschehen ist. Und da drastische Einsparungen während der Bauphase der Signalwirkung des Gebäudes sehr abträglich sind, werden erfahrungsgemäß immer neue Gelder bewilligt, selbst wenn dies zur Entlassung von Mitarbeitern führt. In Kopenhagen kosteten die galoppierenden Kosten des neuen Rundfunkzentrums mit einem blauen Konzertsaalwürfel von Jean Nouvel fast 300 Angestellte den Job.
Auch bei der Elbphilharmonie zeigt sich die Mechanik der kalkulierten Halbwahrheiten.
Von Anfang an war allen Beteiligten klar, dass das Konzerthochhaus mit seiner exponierten Architektur sich weder mit einem Zuschuss von 77 noch von 114 und nur vielleicht von 323 Millionen Euro herstellen lässt. Felsenfest behauptet wurden diese "Festpreise" stets, weil eine realistische Kalkulation den Plan sofort gestoppt hätte. Die halbe Milliarde Euro, die der Bau zur Eröffnung 2012 oder 2013 wohl kosten wird, hätte als frühzeitige Ansage die Idee sofort versenkt.
So absurd es also ist, aber am Ende verdankt Hamburg seinen schönsten Neubau dem undurchsichtigen Gebaren aller Vertragspartner. Negative Konsequenzen hat diese Entwicklung trotzdem, nicht nur für den Hamburger Haushalt. Das zweite Leuchtturmprojekt der Hafen- City, das Science-Center von Rem Koolhaas in Form eines riesigen Containerrings, steht nicht zuletzt wegen mangelnden Vertrauens in die Kostenschätzungen auf der Kippe. Wer dreimal lügt, dem glaubt man eben nicht ...
Grafik:
Kostenexplosion Elbphilharmonie
Bildunterschrift:
Die Baustelle der Elbphilharmonie und ein Blick in den großen Konzertsaal: Anfang 2010 hat der Essener Baukonzern Hochtief erneut Mehrkosten in Höhe von 22,4 Millionen Euro angemeldet
Noch immer eine unsichere Zukunftsvision:
Der Entwurf des Basler Architektenduos Herzog & de Meuron. Die Eröffnung wird jetzt wahrscheinlich erst im Jahr 2013 stattfinden
