Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 116
Der Schatten des Dünnen
Von Thomas Wagner
KUNST UND KAPITA L 74 Millionen Euro hat die Versteigerung einer Giacometti-Skulptur aus dem Besitz der Commerzbank gebracht. Doch nur ein Drittel des Erlöses gibt die Bank für Kultur aus
Als am 3. Februar bei Sotheby's in London der Hammer fiel, war die Sensation perfekt. Alberto Giacomettis "L' homme qui marche I" (Schreitender Mann) von 1961 war mit umgerechnet 74 Millionen Euro zum teuersten Kunstwerk avanciert, das je versteigert wurde. Doch was macht die Commerzbank, die den Giacometti eingeliefert hatte, der bei der Übernahme der Dresdner Bank samt deren Kunstsammlung in ihren Besitz übergegangen war, mit dem Geld?
Anders als angekündigt geht nicht der Gesamterlös, abzüglich Kosten und Steuern, sondern nur ein Drittel der Summe an Kulturstiftungen der Bank. Zwei Drittel werden "aus rechtlichen Gründen", wie es heißt, als "außerordentlicher Ertrag" verbucht.
Welch wunderbares Signal wäre es gewesen, die Commerzbank hätte mit dem Gesamterlös eine neue Stiftung gegründet, die, sagen wir, das Programm der deutschen Kunstvereine unterstützt hätte? Die Kommunen, die Kunst vereine mittragen, wären entlastet, und die Fähigkeiten der Vereine wäre honoriert worden, aus wenig viel zu machen. Aber auch Muse en, deren Ankaufsetat oft gleich Null ist, könnten von den Zinsen des im Grunde von Giacometti gebildeten Kapitals freier agieren. Erkennbar hätte die Bank so einen Bruchteil von den Milliarden zurückgegeben, die der Staat, also die Bürger, zu ihrer Rettung bereitgestellt haben. Doch was für Privatsammler gilt, die ihre Kollektionen zu Geld machen, gilt erst recht für Banken: Kunst ist ein Investment.
Bildunterschrift:
Alberto Giacomettis Bronze "L' homme qui marche I" von 1961
