Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 24-29

Pop! - Pop war einmal

Von Till Briegleb

Pop war einmal schrill, rebellisch, kommerziell. Kaum etwas hat Kunst und Gesellschaft so stark verändert. Heute ist Andy Warhol ein Klassiker, und ein schwuler Politiker regt niemanden auf. Pop war siegreich. Und hat sich damit erledigt. Ein Nachruf

Es ist heute nicht leicht zu sagen, was Pop eigentlich ist. Und das liegt nicht daran, dass sein King tot ist. Vielmehr hat Pop im Laufe seiner Geschichte seinen wichtigsten Reflex eingebüßt: Pop grenzt nicht mehr ab. Als sich die Abkürzung für Popular Music vor rund 60 Jahren zu etablieren begann, diente sie einer wichtigen Unterscheidung: als Absatzbewegung sowohl von der als bräsig und arrogant empfundenen Hochkultur wie vom volkstümlichen Geschmack, der durch die Nazi-Epoche und die Spießerkultur diskreditiert war, mussten Jugendliche sich ein neues, eigenständiges Feld erobern. Der Anspruch, anders zu sein, inspirierte seither immer wieder neue Generationen zu neuen Formen populärer Kultur in Mode, Musik, Kunst, Film und Literatur. Allerdings mussten diese Kreativen ihren Anspruch auf Eigenart über die Jahrzehnte vehement gegen eine öffentliche Meinung verteidigen, die durch selbstbewusste Auftritte ihre Normen in Gefahr sah.

Dieser Kampf ist ausgekämpft. Man kann heute im Hamburger Hotel "Oper" unter einem Buddhakopf bei Musik von Carlos Santana frühstücken, während gegenüber ein Punk in einem "Pure Idiot"-T-Shirt mit seinem iPhone Börsenkurse abfragt und ein freundlicher Berufssoldat mit Stiftfrisur Obstsalat löffelt. Oder übertragen auf die Kulturindustrie: Spätestens seit eine übergewichtige Operndiva mit einem homosexuellen indischen Immigranten einen Titelsong für die Olympischen Spiele singen konnte, dem Politiker wie Sportfans gleichermaßen applaudierten, ist die scheidende Kraft des Pop erloschen.

"Barcelona" von Montserrat Caballé und Freddie Mercury 1988 markiert den Wendepunkt des Pop von der Emanzipation zur Affirmation. Bis dahin hatte dieses Kulturphänomen aber gesellschaftlich Enormes geleistet. Auf dem Gebiet der Persönlichkeitsrechte war Pop die eigentliche Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Jugendliches Selbstbewusstsein und schwule Lebensart, Black Power und Women's Lib, sexuelle Freizügigkeit und persönliche Freiheit wurden in den Feldern der Subkultur erfolgreich ausprobiert, lange bevor es zum organisierten politischen Kampf gegen Diskriminierung kam. Janis Joplin kam vor Alice Schwarzer, Divine vor Klaus Wowereit, Little Richard vor Malcolm X, Robert Crumb vor dem Sexualkundeunterricht.

Dabei war Pop als eine Kultur der Selbstbehauptung nicht zwangsläufig politisch. Neugier und Langeweile, die Urkräfte des Pop, verbanden sich immer zunächst in einer Kultur des Widerspruchs, ohne sich um Ziel und Programme zu kümmern. Auch zur Hochzeit der Protestkultur in den sechziger und siebziger Jahren, als Rockbands den Soundtrack zum Aufstand lieferten, trugen die wenigsten Gruppen explizit gesellschaftskritische Texte vor. Musik, Mode, Drogenerfahrungen, Comics, Kunst und Beat-Literatur verband vielmehr eine Sehnsucht nach Selbstfindung. Jimi Hendrix als Musik der Vietnam-GIs war sicherlich keine Schule des Marxismus, sondern ein Stück Glaube an das Anderssein, das man wie ein Amulett im Sturmgepäck mit sich führte.

Speziell in der Pop Art galt die dezidierte Meinungsäußerung als Gegenteil von cool. Schrill formulierte sie in ihren Anfängen das Misstrauen gegen die neuen jungen Ideologien in einer Hinwendung zum Plakativen und Banalen. Andy Warhols Kunst forderte nichts, solidarisierte sich nicht mit den Protesten seiner Zeit, vermied jede Festlegung. Die Affirmation des Konsumund Alltagslebens war vielmehr eine trotzige Korrektur des Anspruchs, die gesamte Gesellschaft mit Geboten, was falsch und richtig ist, zu überziehen.

Trotzdem haben seine Kunst wie die Berichte über sein Leben und sein Kunstlabor "Factory" dazu beigetragen, dass die Befangenheit der Menschen vor dem Bestehenden dem Zutrauen in die eigenen Kräfte wich - auch dort, wo dafür geltender Stil verletzt werden musste.

Was sich in Warhols "Factory" an exzentrischen Lebensentwürfen traf und erhitzte, bildete die Saat, aus der das Popcorn der heutigen Glamourwelt ploppt. Die 15 Minuten, die jeder berühmt sein kann, die Warhol prophezeite, sind heute TV-Alltag. Die Verschaltung von High- und Low-Culture, Ernst und Unterhaltung, die in seiner Kunst noch die Funken der Provokation versprühte, ist längst die gängige kulturelle Wechselspannung. Wer immer heute ein Buch schreibt, ein Bild malt, eine Band gründet oder einen Film dreht, muss sich keine Sorgen mehr machen, als Fantast und Egozentriker verhöhnt zu werden. Die Angst, für Selbstverwirklichung gesellschaftliche Sanktionen fürchten zu müssen, ist Vergangenheit.

Diese Kultur der Offenheit war die Mission des Pop, und sie ist heute erfüllt.

Wo alles erlaubt ist und der Verbrauch an Ideen und Stilen die Gesellschaft vorantreibt, ist Abgrenzung nur noch ein Spiel ohne Konsequenz. Damien Hirst ist die perfekte Ikone für diesen entspannten Umgang mit einstigen Widersprüchen. In seiner Person und seinem Schaffen verbindet sich die Subkultur des Londoner East End mit der elitären Welt jener Menschen, die um einen diamantenbesetzten Totenschädel mitbieten können. Er kommt in Kunstfachzeitschriften genauso vor wie in der Yellow Press. Sein großer Reichtum als einer der teuersten Künstler der Gegenwart diskreditiert nicht unbedingt seinen Ruf als Bildhauer. Und welche sexuellen Vorlieben er pflegt, interessiert in einem Zeitalter, wo Adelige sich mit Transvestiten verloben, englische Formel-1-Bosse Sexorgien in Nazi-Uniform feiern und ein schwuler Außenminister in Saudi-Arabien empfangen wird, auch keinen mehr.

Pop heute, das ist das Fröhliche, Angepasste, Schmerzlose, das Spektakel ohne Anliegen - die gute Unterhaltung. In dieser extremen Aufweitung des Begriffs ins Poppige, wo eine bunte Küchenschürze genauso dazu zählt wie ein Kunstwerk von Jeff Koons oder ein cooler Spot für Kampfsportkleidung, hat sich aber schleichend doch eine neue Abgrenzung gebildet. Weil Pop nicht mehr rebellisch ist, auf keine Widersprüche mehr hinweist, weder provoziert noch verstört, ist es nun selbst zum Angriffsziel geworden.

Zahlreiche Künstler benutzen die Verwandlung der einstigen Gegenwelt zur etablierten Kultur, um in dieser Erscheinung unerwünschte Botschaften zu transportieren. Street Art verwendet die Pop-Ästhetik der Werbung, um diese zu bekämpfen. Künstler wie Daniel Richter, Paul McCarthy, Erwin Wurm, Andreas Siekmann, Luc Tuymans oder die Guerilla-Gruppe "The Yes Men" tarnen sich auf völlig unterschiedliche Weise mit den Reizen und Methoden der Pop-Warenwelt, um kritische Gedanken ins Bewusstsein zu schmuggeln.

Architektengruppen wie OMA, MVRDV oder BIG und Designer wie Marcel Wanders, Hella Jongerius oder Jurgen Bey sabotieren mit dysfunktionalen Ideen die Erwartungen der Konsumenten, die sie mit schillernden Animationen geweckt haben. Und auf YouTube tobt eine fröhliche Piraterie, wo Flaggschiffe des Pop gekapert und umfrisiert werden.

Die Paradoxie dieser Freibeuter-Taktiken ist, dass ihre Träger damit selbst populär werden. Pop heute ist ein gieriger Allesverwerter, der Kritik mit Erfolg entschärft. Street Art im Museum, Paul McCarthy in der Fußgängerzone, Rem Koolhaas mit dem Pritzker-Preis sind domestizierte Rebellion.

Ist die Geschichte des Pop also zu Ende, seine Aufgabe erledigt wie beim Kampf um das Frauenwahlrecht? Oder bietet die neue, alles einende Oberfläche endloser Vielfalt, die die Welt mit guten Gefühlen überzieht, nicht doch schon wieder genug Konfliktstoff, um der Popkultur eine neue Wendung zu geben? Schließlich mag Hamid Karzais afghanische Garderobe Pop sein, nicht aber seine Probleme mit den Taliban. Die Helden der Trabantenstädte, die Berliner Rapper verklären, haben auch ein reales, mieses Leben als Hartz-IVEmpfänger.

Und der Alltag schwuler Jungen auf einer Realschule in urbaner Randlage unterscheidet sich wohl immer noch gehörig vom Boheme-Dasein Karl Lagerfelds.

Die Kunst, das ist das durchaus Tröstliche, reagiert auch weiterhin auf diese Spannungen. In der Breite und Vielfalt, in der sie heute die Welt bearbeitet, lässt sie wenig aus, was der genaueren Betrachtung bedarf. Nur die Idee der Abgrenzung und des Andersseins braucht sie dafür immer weniger. Denn mit dem Untergang der großen Feindbilder - Kommunismus gegen Kapitalismus, Eltern gegen Kinder, hetero- gegen homosexuell - starb auch der Zwang, etwas Besseres zu sein, als die anderen. Toleranz der Lebensstile, das Hauptziel der Popidee, ist heute Common Sense. Und damit ist der Pop am eigenen Erfolg zu Grunde gegangen. Das Wort hat zwar "ungefähr" 419 000 000 Einträge bei Google, aber keinen Sinn mehr.

Ruhe also in Frieden, Pop. Und Danke für die schöne Zeit.

Bildunterschrift:

1 Künstler Jonathan Meese 2 Popsängerin Lady Gaga 3 Kunsthaus Graz 4 David und Victoria Beckham 5 "$" (2001) von Tim Noble & Sue Webster 6 Venezolanischer Präsident Hugo Chávez (2009) 7 VIP-Lounge (2006) von Karim Rashid für die Deutsche Bank auf der Art Cologne 8 "For the Love of God" (2007), mit Diamanten besetzter Schädel von Damien Hirst 9 Popstar Michael Jackson

Andy Warhols Prophezeiung, dass jeder für 15 Minuten berühmt sein kann, ist heute bereits Fernsehalltag

1 Künstlerin Tracey Emin und Modedesignerin Vivienne Westwood 2 Designer Jaime Hayón, fotografiert von Nienke Klunder 3 "Daddies Ketchup (aufblasbar)", 2007, von Paul McCarthy 4 Poster von Shepard Fairey mit US-Präsident Barack Obama 5 Jeff Koons' "Balloon Dog (Magenta)", 1994/2000 6 Karl-Theodor zu Guttenberg, im September 2009 noch Wirtschaftsminister, mit AC/DC-Shirt 7 Frank O. Gehrys Guggenheim Museum Bilbao 8 Buchcover des Grafikdesigners Stefan Sagmeister 9 It-Girl Paris Hilton 10 Italiens Ministerpräsident und Selbstdarsteller Silvio Berlusconi

Pop heute, das ist das Fröhliche, Angepasste, Schmerzlose, das Spektakel ohne Anliegen - die gute Unterhaltung

1 Leuchten aus der Kollektion "Guns" von Philippe Starck 2 Bill Kaulitz von "Tokio Hotel" als Laufsteg-Engel 3 Kopie einer Arbeit von Banksy, mit Smarties variiert von der Künstlerin Prudence Emma Staite 4 Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit mit Lebensgefährten Jörn Kubicki 5 Zaha Hadids "Burnham Pavilion" (2009) im Millennium Park Chicago 6 "Deutschland sucht den Superstar"-Sieger 2009 Daniel Schuhmacher 7 Ausstellung "Pop Life" in der Hamburger Kunsthalle 8 "Jarvis" (1996) von Elizabeth Peyton 9 Pop-Ikone Madonna 10 "Optimist" (2008) von Martin Eder 11 Generalsekretär der Vereinten Nationen KofiAnnan (links) mit Popstars und Gutmenschen Bob Geldof und Bono