Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 106
Vogel auf vier Beinen
Von Hans Pietsch
KRITIK Eine umfassende Schau über die Entwicklung des wandlungsfähigen Avantgardisten Theo van Doesburg und Verbindungen zu Zeitgenossen
Van Doesburg and the International Avant-Garde Tate Modern, London 4.2.-16.5.2010
Man fragt sich, wie er das alles unter einen Hut bekam: Maler, Architekt, Designer, Typograf, Dichter, Verleger, Philosoph, Agitator, Impresario. Vielleicht legte sich der 1883 in Utrecht geborene Christian Emil Marie Küpper deshalb Künstlernamen zu: Als er zu malen begann, nannte er sich nach seinem Stiefvater Theo Doesburg, das "van" kam später hinzu. Er publizierte unter dem Pseudonym Pipifox, als Futurist hieß er Aldo Camini, und wenn er sich seinen Dadaistenhut aufsetzte, wurde er zu IK Bonset.
Die gewaltige Schau in der Tate Modern zeigt, mit weitgehend chronologischer Hängung, sämtliche Inkarnationen des Chamäleons Theo van Doesburg (Katalog: Tate Publishing, rund 22 Euro). Die figurativen Anfänge des Autodidakten werden nur mit dem etwas süßlichen Porträt eines Mädchens mit einem Strauß Butterblumen angerissen, dann geht es gleich in die noch vom Kubismus beeinflusste Abstraktion.
Mit der Gründung der Zeitschrift "De Stijl", die er bis zu ihrer Einstellung 1928 verantwortete, fand er zu sich selbst, allerdings auch hier wieder mit Blick auf einen anderen:
Piet Mondrian. "Komposition in Dissonanzen" (1919) mit seinen verhaltenen Farben ist ganz dem Frühstil des um rund zehn Jahre älteren Malers ähnlich. Dass die beiden Freunde sich wegen der von van Doesburg eingeführten Diagonale entzweiten, zeigt, wie ernst sie ihre Kunst nahmen.
In den Zwanzigern war er an sämtlichen programmatischen Ismen beteiligt, von Paris bis Berlin, von Zürich bis Mailand. Selbst im Weimarer Bauhaus tauchte er auf, dessen führende Köpfe sich aber seiner Radikalität verschlossen. Am erstaunlichsten erscheinen seine Ausflüge in die Welt des Dadaismus, mit Gedichten, verrückten Plakaten, einer Tournee mit Kurt Schwitters und kernigen Sprüchen wie "Dada ist ein , ein Quadrat ohne Ecken".
Exemplarisch zeigt die Schau nicht nur van Doesburgs Entwicklung bis zu seinem frühen Tod 1931, sondern auch sein jeweiliges Umfeld. Arbeiten von 82 Künstlern sind zu sehen, auch Möbel, Architekturmodelle, Bücher und Filme. Als Künstler mag der Niederländer nicht im ersten Rang stehen, doch als Vordenker und Anreger hat er entscheidend zur Kunst der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts beigetragen.
Bildunterschrift:
Eine Station auf dem Weg der geometrischen Abstraktion: Ausstellungsraum in der Tate Modern
Blick auf Künstlerkollegen:
Sessel und Kinderstuhl von Gerrit Rietveld aus den frühen zwanziger Jahren
