Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 103

Geschliffen und gelackt

Von Mirja Rosenau

VORSCHAU Alicja Kwade führt vor, wie aus alltäglichen Fundstücken Kunst wird

Alicja Kwade Kestnergesellschaft, Hannover, 9.4.-24.5.2010 Westfälischer Kunstverein, Münster, 23.4.-27.6.2010

Eine gefühlte Ewigkeit gibt Alicja Kwade dem Kieselstein Zeit, um in ihrer Videoprojektion einmal quer durch das Bild zu fliegen. Das ist viel Zeit für ein so alltägliches Ding wie den Stein, den die Künstlerin auch gleich noch auf eine zweite Art groß herausbringt:

Untersockelt und so weihevoll angestrahlt wird der Kies in ihrer zum Video gestellten Installation in Münster präsentiert, als handele es sich um die Kronjuwelen.

Natürlich hat er diese Adelung zumindest nicht weniger verdient, als die immerhin geschätzten 300 Millionen alten Kohlebriketts, die Kwade wie einen Diamanten zurechtschleifen lässt oder mit 24-karätigem Echtgold überzieht. Oder auch das kaum hörbare Summen von Neonröhren: Es wird in der Kestnergesellschaft, die der 1979 in Polen geborenen und in Hannover aufgewachsenen Künstlerin gemeinsam mit dem Westfälischen Kunstverein eine Ausstellung ausrichtet (Katalog: Distanz-Verlag 25 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro), über Mikrofone und stählerne, mit Schwarzlack überzogene Resonanzwände zu monumentaler Bedeutsamkeit hin verstärkt. "Ereignishorizont" heißt die Schau, die unter anderem der Frage nachgeht, wie aus einem belanglosen Alltagsding ein spektakuläres Kunstobjekt wird.

Knapp 100 Jahre nach Duchamps ersten Ready-Mades ist das bei Kwade zunächst einmal eine Frage von Aggregatzuständen:

"Andere Bedingung" nennt sie schlicht eine Arbeit, bei der sich allerlei an der Wand lehnende Objekte so in die untere Raumecke hineinkrümmen, als wollten sie sich deren Erscheinungsform anverwandeln. So ähnlich biegen sich auch ihre anderen dem Alltag entrissenen Fundobjekte an die Gesetzmäßigkeiten einer Kunstwahrnehmung heran, die dem Untersockelten, Verlangsamten, Geschliffenen und Gelackten traditionell einen höheren Wert beimisst als den Wechselfällen des Alltäglichen.

Bildunterschrift:

So krumm kann nur Kunst sein: Alicja Kwades "Andere Bedingung (Aggregatzustand)", 2009