Ausgabe: 04 / 2010
Seite: 104

Liebesleben der Meerwalnuss

Von Sara Maria Manzo

KRITIK Die Ausstellung soll das Lagerdenken der Disziplinen Kunst und Naturwissenschaften aufbrechen - doch das gelingt ihr nur bedingt

Dopplereffekt. Bilder in Kunst und Wissenschaft Kunsthalle zu Kiel, 31.1.-2.5.2010

Nach den Gesetzen der Natur müsste das Aquarium in der Kunsthalle zu Kiel vor Quallen schon überlaufen. Die Meerwalnuss erzeugt am Tag bis zu 1000 Nachkommen.

Der dänische Künstler Tue Greenfort hat ein paar Exemplare in einen Wassertank eingeschlossen und diesen in die Schau "Dopplereffekte" gestellt. Das Wasser heizt er nach und nach auf 25 Grad. Er will sehen, was zuvor noch kein Wissenschaftler erforscht hat: bei welcher Temperatur sich die Meerwalnuss vermehrt. Doch die Quallen wollen sich nicht recht fortpflanzen im Auftrag der Kunst, die sich hier der Wissenschaft doch so gern ganz nah gezeigt hätte.

Denn darum geht es in der Ausstellung (Katalog:

DuMont Buchverlag, 39,95 Euro), die Petra Gördüren und Dirk Luckow kuratiert haben: das Lagerdenken der Disziplinen aufzubrechen und zu beweisen, Kunst und Forschung verbindet das Bild, mit dessen Hilfe beide das Verborgene sichtbar machen.

Die Kuratoren haben rund 200 Werke aus sechs Jahrhunderten bemüht und sich dabei in der Beweissuche verloren. Mal setzt sich die Ausstellung mit Kunstwerken auseinander, die ihre Inspiration in Mathematik und Chemie finden, etwa Antony Gormleys Molekül-Skulptur. Mal beschäftigt sie sich mit der genauen Abbildung eines Forschungsgegenstandes und zeigt Karl Blossfeldts Pflanzenfotografien oder die anatomischen Studien des italienischen Manieristen Alessandro Allori. Doch nur weil sich die Kunst geometrischer Formen bedient oder Verfahrensweisen aus der Physik anwendet, ist sie mit den Naturwissenschaften längst nicht verwandt. Denn diese definieren sich über prüf- und messbare Ergebnisse.

Das sinnliche Wesen der Kunst aber lässt sich schwer mit den Gesetzen der Forschung vereinen.

Bildunterschrift:

Jeff Walls Diapositiv im Leuchtkasten (1992) zeigt einen Künstler, der in der anatomischen Abteilung der Universität von British Columbia ein Körperteil abzeichnet