Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 105
Shooting Star in der Pfalz
Von Marcus Clauer
ENTDECKUNG Carmen Herrera ist erst mit 94 Jahren zum Star geworden. Die Pfalzgalerie präsentiert die erste deutsche Ausstellung der New Yorker Malerin
Plötzlich wollen alle mit Britta Buhlmann sprechen. Mit der Direktorin der Pfalzgalerie in Kaiserslautern. Denn das Museum, so die Chefin "hat einen Coup gelandet! Hier in Kaiserslautern wird das erste Mal in Deutschland der hochbetagte neue Star am Malerhimmel, die kubanischstämmige, amerikanische Künstlerin Carmen Herrera ausgestellt." Sie ist 94 Jahre alt. Sie malt seit über 70 Jahren, immer eigenständig und knapp vorbei an Klassischer Moderne, lateinamerikanischem Konstruktivismus und US-amerikanischer Hard-Edge-Malerei. 2004 verkaufte die in New York lebende Malerin ihr erstes Bild.
Museumsdirektorin Buhlmann kannte Carmen Herrera nicht, als eine deutschamerikanische Künstlerin ihr 2008 von der ungewöhnlichen Malerin erzählte. Doch Buhlmann recherchierte und fand Gefallen an den ungegenständlichen geometrischen Kompositionen der alten Lady. Als dann die Ikon Gallery in Birmingham eine Herrera- Ausstellung plante, hängte sich die Pfalzgalerie dran. Eine hervorragende Entscheidung, wie sich jetzt zeigt. Denn seitdem die "New York Times" am 20. Dezember 2009 Herreras Kunst eine ganze Seite widmete und sie als "das neue heiße Ding der Malerei" pries, gelten die Künstlerin und ihre erste größere Einzelausstellung gleichermaßen als Ereignis.
Carmen Herrera, die von 1943 bis 1947 Studentin der Art Students League in New York war und einige Jahre in Paris lebte, musste lange die Nichtbeachtung ihrer Arbeit hinnehmen. Selbst die Freundschaft mit Barnett Newman half ihrer Karriere nicht auf die Sprünge. Doch sie malte weiter unbeirrt und oft ihrer Zeit voraus Linien, Quadrate, Rechtecke, Blitzformen, Farbfel der. "Die meisten Leute fanden es zu wenig, aber für mich war es genug", sagt sie. "Gemalte Haikus" nennt die "New York Times" ihre minimalistischen Bilder zwischen Ordnung und Intuition. Inzwischen kosten sie ab 30 000 Dollar aufwärts. Man muss sie ansehen wie Gebäude, niemals nur frontal. Sie drängen geradezu ins Skulpturale. 2001 wollte Herrera angeblich die Hälfte ihrer Werke vernichten - aus Platzgründen. Nur gut, dass sie es sich dann doch anders überlegt hat. In einem puertoricanischen Sprichwort heißt es: "Der Bus kommt immer für den, der wartet." Herreras Kommentar dazu: "Mag sein.
Ich habe jedenfalls an der Bushaltestelle 94 Jahre gewartet." Termin: "Carmen Herrera", Pfalzgalerie Kaiserslautern, bis 2. Mai. Katalog: 30 Euro
Bildunterschrift:
Spät entdeckt: die New Yorker Malerin Carmen Herrera vor ihren Bildern
"Grün und Orange" (1958) von Carmen Herrera
