Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 96
Macht und Geschichte
Von
DURCH DEN MONAT MIT: WOLFGANG ULLRICH
Auf den März freue ich mich diesmal besonders. Denn es wird der erste Monat seit längerem sein, in dem ich mir wieder viel anschauen kann. Zuletzt war das kaum möglich, weil ich selbst voll mit dem Kuratieren der Ausstellung Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie beschäftigt war. Doch nachdem sie am 18. Februar im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffnet wurde, habe ich freie Bahn. Zuerst hole ich nach, was ich in meiner Heimatstadt München bisher versäumt habe. Da ist einmal, in der Alten Pinakothek, die Ausstellung Rahmenkunst, die sich den Bilderrahmen und ihrer Geschichte widmet und seltene kunstsoziologische Einblicke vom 17. bis zum 19. Jahrhundert verspricht. Dann bin ich auf Maria Lassnig im Kunstbau des Lenbachhauses gespannt. Besondere Erwartungen weckt bei mir auch die Retrospektive, die das Haus der Kunst Ed Ruscha ausrichtet. Wann immer ich etwas von ihm gesehen habe, gab mir das raffinierte Zusammenspiel von Bild und Sprache Stoff zum Denken. Um das Werk eines ähnlich intelligenten Künstlers zu besichtigen, muss man nach London fliegen. Dort zeigt die Serpentine Gallery Arbeiten von Richard Hamilton, dem wohl wendigsten Vertreter der Pop Art, dessen neuere digitale Bilder zudem viele Bezüge zur Geschichte der Kunst enthalten. Auch sonst zieht es mich in die Metropolen. Paris bietet im Centre Pompidou eine Retrospektive von Lucian Freud, und in Wien hole ich in der Albertina nach, was ich in Bonn kürzlich verpasst habe: eine Retrospektive von Markus Lüpertz, wobei diesmal seine Papierarbeiten im Mittelpunkt stehen. Auf dem Rückweg nach München schaue ich mir im Kunstverein in Salzburg noch die Installationen von Manfred Pernice an, deren kombinatorischer Witz mich immer wieder beeindruckt.
Sonst aber wartet Lektüre auf mich. Neugierig hat mich vor allem die Empfehlung eines Freundes gemacht: das Buch Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945 von Wolfgang Martynkewicz. Hier geht es darum, wie seltsam harmonisch im Salon des Münchner Verlegerehepaars Bruckmann ehedem eine Elite aus Künstlern und Dichtern sowie angehende Nazi-Größen zusammenfanden.
Dass ihr gemeinsamer Nenner in der Ablehnung der modernen Zivilisation bestand, lässt die Avantgarde in unheimlicherem Licht erscheinen.
Bildunterschrift:
Wolfgang Ullrich, geboren 1967 in München, ist Autor, Kurator und Unternehmensberater und hat seit 2006 eine Professur für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne
