Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 102-103

"Mein letztes Kunstwerk"

Von Heinz Peter Schwerfel

REPORTAGE Ein Sammler zahlt dem französischen Künstler Christian Boltanski bis an dessen Lebensende eine monatliche Leibrente - und darf dafür sein Atelier mit Kameras überwachen

Der Franzose Christian Boltanski kämpft seit 40 Jahren in seiner Kunst für die Erinnerung und gegen den Tod. Seit 1969 erfindet der unter anderem mit dem Goslarer Kaiserring und dem japanischen Praemium Imperiale geehrte Künstler Installationen und Skulpturen mit realen und fiktiven Kindheitserinnerungen, mit Fotos von NS-Verbrechern und jüdischen Schulkindern, Vermisstenanzeigen des Roten Kreuzes oder Todesanzeigen aus Schweizer Tageszeitungen.

Und just auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere, während Anfang dieses Jahres seine "Monumenta"- Ausstellung im Pariser Grand Palais alle Zuschauerrekorde brach, New York und Mailand die Schau einluden und Frankreich ihn als Vertreter für die nächste Biennale von Venedig nominierte, stellte der 65-Jährige nun ein, wie er selbst sagt, "letztes Kunstwerk" vor. Thema: die verbleibende Zeit bis zum eigenen Tod. Boltanski verkauft dem australischen Multimillionär und Sammler David Walsh seinen künstlerischen Alltag: Bis zu seinem Ableben darf Walsh das Leben und Schaffen des Künstlers im Atelier mit fest installierten Webkameras filmen und zeigen.

"Seit Jahren schon muss ich immer wieder an die Hand Gottes denken, die rechts und links von mir meine Freunde aus dem Leben reißt, ohne dass irgendjemand verstünde, warum gerade sie und nicht ich sterben müssen", erklärt Boltanski seine Beschäftigung mit der Endlichkeit des eigenen Lebens. Bereits in dem vor drei Jahren begonnenen und ab kommenden Juli auf einer Insel des südjapanischen Binnenmeers öffentlich gemachten "Archiv des Herzens", das Zehntausende von weltweit gesammelten Herzschlägen, darunter Boltanskis eigenen, umfasst, geht es ihm um Überleben und Erinnerung.

"Mein Herzschlag ist Teil eines lebendigen Kunstwerks, das mich, den Künstler, überleben wird." Doch nun geht er noch einen Schritt weiter. Denn als Künstler, der seine schweren Themen gern mit einer Prise schwarzen Humors erleichtert, hat der Bewunderer des Komikers Karl Valentin den bei einem Pariser Notar unterzeichneten Werkvertrag mit Sammler Walsh um einige besondere Pointen versehen:

So übertragen die drei im Atelier installierten Kameras seit Februar via Satellit den Alltag des Künstlers nicht etwa in das neue Privatmuseum des Sammlers, das, für rund 70 Millionen Dollar erbaut, demnächst im tasmanischen Berriedale eröffnet wird, sondern in eine in den Bergen gelegene, nur schwer zugängliche Grotte.

Zweitens arbeitet Boltanski nur selten in seinem Atelier im Pariser Vorort Malakoff, da er nicht gern allein bleibt und meist für Projekte auf Reisen ist. Vor allem aber schlug er Walsh, der sein Vermögen mit Spielkasinos machte und als fanatischer Zocker bekannt ist, ein Glücksspiel vor: Anstelle eines festen Kaufpreises gibt es eine monatliche Leibrente, die mit dem Tod des Künstlers erlischt. Das ist dasselbe System, mit dem man in Frankreich gern Altbauwohnungen von älteren Herrschaften erwirbt - in der Hoffnung, nicht allzu lange zahlen zu müssen. "Nur wenn ich mindestens noch acht Jahre lebe und arbeite, lohnt sich das Geschäft für Walsh. Sterbe ich vorher, bleibt ihm nicht besonders viel Material, und er hat zu viel gezahlt", erzählt Boltanski, der den Australier über den französischen Kurator Jean- Hubert Martin kennen lernte und bereits zweimal besuchte.

Lange vor der jüngsten Kunstmarktkrise war Boltanski "für sein Alterswerk", wie er es nennt, auf Distanz zum Kommerz gegangen. Seitdem stellt er nur noch selten in Galerien aus.

Lieber arbeitet er an performativen Inszenierungen oder zeitlich begrenzten Ausstellungen.

"Ich habe mit meiner Kunst genug Geld verdient, brauche weder Yacht noch Landhaus, und Kinder habe ich auch keine", erklärt der Künstler, der seit fast 40 Jahren mit seiner Kollegin Annette Messager zusammenlebt.

Bedauern kann er lediglich, dass der Sammler auf eine weitere, von Boltanski gewünschte Bedingung nicht eingehen wollte: dass die Zahlungen auch im Falle des vorzeitigen Ablebens von Walsh fortgeführt würden. Das verweigerte der Australier, dessen 100 Millionen Dollar schwere Sammlung von Antiquitäten bis zu Schlüsselwerken der britischen Skandalkünstler Damien Hirst, der Chapman- Brüder oder Chris Ofili nur Kunst zeigt, die sich um "Sex und Tod" dreht. "Der Wunsch nach Sex und der Kampf gegen den Tod", so Walsh, beherrsche die alte wie die neue Kunst, die dazu mehr zu sagen habe als manche Religion. "Wahrscheinlich hat er meinen Vorschlag trotzdem nur abgelehnt, weil er an Erbfolge und Kinder dachte", sagt Boltanski schmunzelnd.

Und ist stolz, einen hauptberuflichen Spieler an Chuzpe übertroffen zu haben.

Bildunterschrift:

Profizocker, Multimillionär und Kunstsammler David Walsh vor Botero-Skulptur

Seit Februar filmen drei Kameras das Atelier von Christian Boltanski - und übertragen die Bilder in eine tasmanische Grotte

"Monumenta"-Installation "Personnes" im Pariser Grand Palais