Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 107

Ausziehen!

Von Till Briegleb

Neue Mode: Textile Architektur für eine schönere Stadt

KOLUMNE: AUSSER HAUS

Früher waren die Dinge noch klar. Der Mensch trug Stoff, das Haus trug Stein. Zwar gehörten Vorhänge, Zelte, Schirme zu den menschlichen Behausungen: Das Kolosseum verschatteten Segel, den Mongolensturm begleiteten Jurten auf Rädern, der Japaner baut innen mit Papier. Aber erst die Techniken der Moderne haben Stoffe hervorgebracht, die nicht nur dauerhaft dem Wetter trotzen, sondern auch die Kreativität beflügeln. Der Band "Textile Architektur" von Sylvie Krüger (Jovis) versammelt einige der skurrilsten Beispiele.

Luftblasen, die unter Häusern hervorquellen (Raumlabor), ein trompetenförmiges Bühnendach (Snøhetta) oder den "Prada Transformer" von Rem Koolhaas, einen Stoffpavillon mit vier Grundflächen, der mit Kränen bewegt wird. Wenn man sich diese Haute Couture der Fassadenmoden ansieht, die von Metallvorhängen zu Blasenhäuten, Bespannungen in den reizendsten Farben und haptischen Qualitäten reichen, dann fragt man sich, warum unsere Städte immer noch gekleidet sind wie Amish People. Aber wahrscheinlich ziehen eher wir Menschen Garderobe aus Backstein und Beton an, als dass unsere Häuser ihr Recht auf Mode erhalten.

Bildunterschrift: art-Autor

Bühnendach "Tubaloon" von Snøhetta