Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 8

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Das Gelände des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein hat sich zu einer Art Dauer-Expo entwickelt: Architekten wie Frank O. Gehry, Tadao Ando oder Zaha Hadid haben hier Bauten realisiert. Nun hat sich auch das Basler Büro Herzog & de Meuron verewigt: Das gerade eröffnete VitraHaus enthält die Stuhlsammlung sowie einen Showroom für die Home Collection.

Die Architektur: Klassische Satteldachhäuser wurden übereinander gestapelt - als hätte sich ein Häuslebauer eine abstrakte Skulptur ausgedacht.

Es lässt sich kaum sagen, ob bei der Serie "Bureaucratics" von Jan Banning die Unterschiede spannender sind oder die Gemeinsamkeiten.

Unter Inkaufnahme fürchterlicher bürokratischer Hürden hat der niederländische Fotograf Staatsdiener in ihren Amtsstuben an verschiedensten Orten der Welt porträtiert. Die Serie ermöglicht durch strenge Typologisierung faszinierende Vergleichsmöglichkeiten. "Bureaucratics" ist als Buch bei Nazraeli Press erschienen. Auf www.janbanning.nl gibt es zu jedem Bild auch noch spannende Details wie die genaue Berufsbezeichnung, Zuständigkeitsbereich oder die Höhe des Gehalts.

Auf diesem Gruppenbild sind alle doppelt, nur eine Dame nicht: Die blonde Person in der Mitte der Bühne ist die Künstlerin Candice Breitz, die hier auf einem Produktionsfoto in der Mitte ihres Zwillingsensembles steht. Für ihre Videoinstallation New York, New York (2009) hat die in Berlin lebende Südafrikanerin Zwillingspaare getrennt voneinander die gleiche Performance einstudieren lassen. Herausgekommen sind zwei vollkommen unterschiedliche Ergebnisse, die noch bis 11. April 2010 mit vielen weiteren Arbeiten von Breitz im Kunsthaus Bregenz in der Ausstellung "The Scripted Life" zu sehen sind.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (16)

Nina, 5, über "Weibliches Idealbildnis (Simonetta Vespucci)" (um 1480) von Sandro Botticelli Die Frau gefällt mir gut, weil sie so viel Schmuck im Haar hat: Perlen und Federn und Bänder. Sie hat sich so fein gemacht, weil sie heiratet - wahrscheinlich einen König. Ich glaube, sie wird die Königin von Schiraz. Das ist im Iran, und da kommt mein Vater her. Da tragen alle Frauen ein Kopftuch, aber die Königin muss das bestimmt nicht. Und alle Frauen haben ganz tolle bunte Kleider und tragen ganz viel Schmuck. Es regnet ganz selten, und die Sonne ist viel heißer als hier. Und das Essen ist lecker!! Ich mag am liebsten Lamm mit Bohnen, Spinat und Reis.

Wenn ich die Königin von Schiraz wäre, würde ich meiner Oma helfen, die nicht mehr so gut laufen und auf der Erde sitzen kann. Zum Glück hat sie gerade einen Rollstuhl bekommen.

Ich würde so gern mal wieder in den Iran fahren, aber im Moment ist es dort leider zu unruhig.

Dieser Vorher-nachher-Effekt ist gelungen!

Der Amsterdamer Designer Jeroen van Mechelen hat sich bei der Gestaltung des Gästebereichs für eine Villa im schweizerischen Vals von dem mittelalterlichen Gemälde "Der heilige Hieronymus im Gehäuse" (um 1475) des italienischen Meisters Antonello da Messina inspirieren lassen. Im Arte-Povera-Stil fertigte van Mechelen die Bögen der Decke und das Regalsystem nicht aus Stein, sondern aus braunen 40- Millimeter-Pappen und erzielte damit - vor allem im Kontrast zum unbehandelten Betongrau der Wände - einen überraschenden Stilbruch.

Ist das eine Symbolik für den Klimawandel?

Ja! Nicht wir sind es, die bestimmen, wo es lang geht, sondern die Natur. Keiner weiß, wann sich der Eisberg löst, wohin das Kunstwerk auf der Scholle wandern wird und wann er untergeht. Im übertragenen Sinn heißt das: Weil der Mensch nicht mehr auf die Natur reagiert, wird er mit ihr untergehen.

Wollen Sie den Untergang dokumentieren, oder soll er in aller Stille passieren?

Das kann vier Wochen dauern oder vier Jahre. Hat sich der Eisblock gelöst, wird er mit etwa vier Kilometern pro Stunde durch die Arktis treiben - fast 100 Kilometer am Tag. Die Dynamik der Natur ist Teil des Werks. Irgendwann schmilzt der Block, und alles versinkt im Wasser. Auf dem Eisberg werden eine Kamera und ein GPS-Gerät installiert, die regelmäßig Bilder senden. Zusätzlich wird zehnmal am Tag ein Satellitenfoto geschossen. So sehen wir genau, was die Natur mit dem Kunstwerk macht. Die ganze Welt kann die Bilder auf meiner Webseite www.apverheggen.nl verfolgen. Außerdem plant die Nachrichtenagentur Reuters, den Aufbau zu filmen und darüber zu berichten.

Kopf in den Nacken, Mund aufsperren und schon fallen einem dicke Tropfen zart geschmolzener Schokolade in den Rachen - das muss das Schlaraffenland sein!

Die japanischen Innenarchitekten des Büros Wonderwall könnten genau das gedacht haben, als sie den Flagshipstore des belgischen Chocolatiers Godiva in Tokio entwarfen. Aber natürlich tropft da gar nichts, denn die Decke ist aus Kunststoff - die Kunden sollen für die feinen Pralinen ja schließlich bezahlen!

"Der ICE aus Hamburg, über Hannover und Kassel, Richtung Würzburg verspätet sich voraussichtlich um 120 Minuten" - wenn derartige Schockmeldungen computergeneriert aus Bahnhofslautsprechern scheppern, hilft nur noch eins: das "Suited Case" von Erik de Nijs. Der niederländische Designer hat ein Kofferset entworfen, das sich im Nu zu einer gemütlichen Sofalandschaft zusammenbauen lässt. Das Set besteht aus zwei Stücken Handgepäck und zwei Großkoffern und sollte auf zwei Reisende verteilt sein. Das Stoffdessin erinnert bewusst an Wohnzimmerplüsch: "Man ist viel entspannter, wenn man Vertrautes um sich hat", erklärt de Nijs. Mehr Infos unter: www.nieuweheren.com

Drei Punkte in einer Klammer prangen über der Chlodna-Straße in Warschau:

Einst verlief sie, von Mauern begrenzt, quer durch das jüdische Ghetto und war Ariern vorbehalten. Die silberfarbene Ballonskulptur befindet sich genau an der Stelle, an der zwischen 1940 und 1943 eine hölzerne Fußgängerbrücke die zwei Teile des Ghettos verband. Die polnischen Künstlerinnen Anna Baumgart und Agnieszka Kurant realisierten ihre "linguistische Skulptur" als Projekt des Museum of the History of Polish Jews, das 2012 auf dem ehemaligen Ghettogelände eröffnen soll. Die Zeichenkombination (...) steht für das Tabu, mit dem die Aufarbeitung der Geschichte der etwa 500 000 ermordeten Juden aus dem Ghetto immer wieder belegt war, und für die sprachlose Fassungslosigkeit, die dieser systematische Massenmord auch heute noch hervorruft.

16 400 000 Dollar, rund elf Millionen Euro, soll der Schaden betragen, den Kunstkriminalität täglich verursacht. Diese Zahl wurde unlängst bei der Tagung des "Bundesverbands öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e.V." verkündet. Damit wäre diese Unrechtssparte die größte nach Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel. Doch die Zahl basiert lediglich auf Schätzungen - was Überschätzungen mit einschließt. Dafür spricht auch, dass spektakuläre 112-Millionen-Euro-Beuten wie 2008 aus der Sammlung Bührle doch eher die Ausnahmen sind.

GEHT`S NOCH?!

Mit Essen spielt man nicht? Die litauischen Zwillinge Remigijus und Egidijus Praspaliauskas pfeifen auf derartige Gemeinplätze und unterhalten das Kunst- und Design-Publikum lieber mit ihrem Sortiment von Brotschuhen, die sie aus Backwaren wie Baguette, Graubrot oder Weizenbrötchen schneiden - und zwar vom Babypantoffel bis zum Latschen in Übergröße.

Alles Unappetitliche sparen wir hier lieber aus. Zu bestellen über: www.dadada.eu

GAGA - PRESSETEXT DES MONATS "Formal bestehen die Bilder aus brillanten farbigen Streifen, die in sich durch ein beständig wiederkehrendes Kürzel strukturiert sind. Das Kürzel ist als Symbol erkennbar. Sein Inhalt aber wird nicht erklärt. Es bleibt in diesem Sinn also sinnlos.

Sein symbolischer und malerisch ganz realer Sinn liegt in der meditativen Wiederkehr des immergleichen." Die Münchner Galerie Wittenbrink zu Bildern von Rolf-Gunter Dienst, Ausstellung bis 13. März.

DIE ART-HOME-STORY (32)

Zu Gast bei Jonathan Monk Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Matchbox 1969 Das sind zwei Matchbox- Autos, hergestellt in meinem Geburtsjahr 1969. Eine Zeitlang hat mein Sohn - oder ich für meinen Sohn - eine große Menge dieser Autos gesammelt. Auf dem Flohmarkt gibt es diese alten englischen Modelle immer. Doch als ich im Abstand von nur zwei Wochen auf zwei verschiedenen Flohmärkten auf das gleiche Modell aus demselben Jahr stieß, empfand ich das schon als großen Zufall.

Goldene Fahrradgabel Die gehört zu einem Rahmen der für ihre gute Verarbeitung berühmten Firma "Albuch Kotter" aus dem schwäbischen Böhmenkirch.

In den achtziger Jahren war die Farbe Gold sehr in Mode. Die Gabel ist ein Geschenk meines Schwiegervaters, der ein Fahrradgeschäft in der Nähe von Stuttgart betrieben hat und auch heute noch sehr viele Teile besitzt.

Ettore-Sottsass-Lampe Ein ganz gutes Stück. Superhell.

Hervorragendes Anti-Design, das sieht einfach sehr toll aus. Eben nicht wie dieses skandinavische Design, nicht so schön perfekt wie Arne Jacobsen. Diese Plumpheit gefällt mir. Und die Farben! Als ich die Lampe im Internet entdeckt hatte, habe ich meine Turiner Galeristin gebeten, sie mir bei ihrer nächsten Reise nach Berlin mitzubringen.

Und dann war ich allerdings ein wenig erschrocken, als sie endlich da war: Ich hatte sie mir viel kleiner vorgestellt!

Holunder-Sirup Davon bekommen wir jedes Jahr eine Ladung von meiner Schwiegermutter - besser als aus jedem Berliner Bio-Laden. So etwas Gutes gibt es wahrscheinlich nur in Baden-Württemberg.

Olympia Diese Schreibmaschine habe ich vor etwa zehn Jahren in einem Secondhandshop in Berlin-Moabit erstanden. Damals hatte ich noch keinen Computer. Manchmal arbeite ich noch heute damit, aber da geht es mehr um Kunst. Wenn ich Briefe damit schreibe, mache ich zu viele Fehler.

Die kommen immer zuverlässig am Ende der Seite, und dann muss man wieder von vorn anfangen. Wahrscheinlich irrt man sich, wenn man denkt, so was würde heute keiner mehr benutzen. Die Farbbänder kann man ganz normal kaufen - etwa in den Schönhauser-Allee-Arcaden.

Bolivien

Indien

Frankreich

China

Liberia

Jemen

Wie in dieser Fotomontage stellt der niederländische Künstler Ap Verheggen sich seine Skulptur vor, die ab März auf eine ungewisse Reise durch die Arktis gehen soll

Mittelalterliche Vorlage (links), heutige Version als Gästezimmer (rechts)

Dieses Kofferset soll Reisenden das Warten erleichtern: "Suited Case" von Erik de Nijs

Treppe ins Paradies: Aufgang zum Godiva-Shop in Tokio

An der Stelle der Ballonskulptur verlief zwischen 1940 und 1943 eine hölzerne Brücke, die zwei Teile des Warschauer Ghettos verband

Der englische Konzeptkünstler Jonathan Monk, 40, hier in seinem Berliner Atelier, ist bekannt für Kunst über Kunst (Foto: Nina Lüth)