Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 18-30

Comeback der Schönheit - schön? schön!

Von Almuth Spiegler

Lange war Schönheit in der zeitgenössischen Kunst kein Thema. Doch jetzt wird das Dekorative wieder salonfähig. Vielleicht sind daran die Inder schuld. Oder der Turner-Preis. Ein Klärungsversuch

Dynamisch, intensiv, intelligent, kraftvoll, komplex, originell, ästhetisch, komplex - all das darf man Kunst nennen. Aber ein Wörtchen des Lobes wird nur ganz schüchtern gehaucht im internen Kunstdiskurs. Das behielt man sich für Botticellis Idealfrauen oder Monets Seerosen auf, oder - wie die Macher der "Documenta 12" - als provokanten "Kampfbegriff": schön! Doch die Akzeptanz für das ungebrochen Schöne, das auf den ersten Blick Gefällige scheint sich in den vergangenen zwei Jahren schleichend geändert zu haben. Der bisherige Höhepunkt wurde voriges Jahr erreicht, als der in Glasgow lebende Künstler Richard Wright für die "Schönheit" seines Werks den britischen Turner-Preis erhielt, der sonst eher schrille Provokation oder herbe Sprödheit belohnte.

Doch entschied sich die international besetzte Jury diesmal überraschend nicht für die Objekte aus plastiniertem Rinderhirn von Favorit Roger Hiorns, sondern für das monumentale goldene Ornament Richard Wrights, das "so verdammt schön ist, dass man versteinert davor steht", wie der Kunstkritiker des "Daily Telegraph" jubelte. In wochenlanger Arbeit hatte der 49-jährige Maler samt Assistenten in altmeisterlicher Freskotechnik die Wand mit einem dekorativen Muster aus Blattgold überzogen, das nach der Ausstellung - wie es sich für "wahre Schönheit" gehört - auch wieder verging, nämlich übermalt wurde. Betrachtet man diesen zeitgeistigen Kunstwettbewerb jedoch genauer, hatte die Jury des Turner-Preises dies mal gar keine andere Wahl außer der Schönheit. Denn auch Wrights Konkurrent Hiorns bedient sich für seine Kunst alchemistischer Schönheit, er war schließlich nicht primär für seine Rinderhirne nominiert worden, sondern für eine blaue Märchengrotte aus Kristallen: Hiorns hatte 2008 eine Londoner Wohnung mit Kupfersulfat geflutet, worauf sie nach einigen Wochen über und über mit nachtblauen Kristallen bedeckt war. Unwirklich schön, oder?

Nur, was verstehen wir heute überhaupt unter Schönheit in der Kunst? Und woher kommt diese Hinwendung zur Schönheit?

Ist "dekorative" Kunst etwa das Ergebnis der porös gewordenen Grenzen zwischen Kunst, Design und Medien? Wird ästhetisch gefällige Kunst nur sichtbarer, weil das Publikum in Zeiten der ökonomischen Krise ein stärkeres Verlangen nach eskapistischen Zerstreuungen verspürt? Oder ist "schöne Ware" nur ein im Auslaufen begriffenes Phänomen des Kunstmarktbooms der Nullerjahre?

Bekommt hier eine neokonservative Gesellschaft einfach die Kunst, die sie verdient? Oder reagieren westliche Künstler mit diesen Werken auf die neue Konkurrenz mit nichtwestlicher Kunst, deren Schönheitsbegriff nicht durch eine gegenüber dem schönen Schein äußerst skeptisch eingestellte Moderne irritiert wurde?

Bei den zu Beginn des Jahrtausends rund um die Welt aus dem Boden geschossenen Biennalen und Kunstmessen treffen diese Kunstentwicklungen plötzlich gleichberechtigt aufeinander. Das Malerische, Opulente, Dekorative, Narrative oder prächtig Ornamentale der Künstler aus Indien, Asien oder aus islamischen Ländern feierte jedenfalls in den vergange nen Jahren einen Siegeszug durch internationale Gruppenausstellungen und Auktionssäle, hat eine potente lokale Fangemeinde hinter sich, die im Kunstbetrieb zuletzt immer lauter das Sagen hatte, seien es Oligarchen, Mogule oder Scheichs. Raqib Shaw zum Beispiel ist einer der jungen Stars einer fantastischen, farbenprächtigen indischen Kunst, die in London Erfolge feiert, er ist in der tonangebenden "White Cube"-Galerie vertreten. In den "Middle East"-Auktionen der internationalen Auktionshäuser erreichen derweil die in ihren knalligen Farben fast schon an Pop Art erinnernden kalligrafischen Abstraktionen eines Mohammed Ehsai (geboren 1939 im Iran) Preise jenseits der Million Dollar. Bisher nahm man vor allem den Einfluss westlicher Kunst auf die zeitgenössischen Szenen dieser Länder wahr.

Doch sollte man wohl langsam auch anfangen zu akzeptieren, dass hier kein kolonialistischer Monolog, sondern ein (nicht zuletzt per Internet) spannender Dialog zwischen den Kulturen stattfindet.

Ob wir wirklich schon so weit sind, dass westliche Kunst von östlicher beeinflusst wird, darüber ist sich Cheyenne Westphal, die Chefin des Zeitgenossen-Departments bei Sotheby's, zwar noch nicht ganz im Klaren.

Aber "eines ist jedenfalls klar", bestätigt sie. "Schönheit ist ein Kriterium, das gesucht wird." Den Maler Peter Doig nennt sie als Beispiel oder Gerhard Richter, dessen Kerzenbild ihr Haus für rund acht Millionen Pfund versteigern konnte. "Das sind Maler, die zwar auch schon früher so gearbeitet haben. Die hohen Preise aber erzielten sie erst nach 2000. Die neunziger Jah re waren eher von tougher Kunst bestimmt, Marc Quinns Kopf aus gefrorenem Blut etwa." Im Zuge des Kunstmarktbooms haben sich die Produktionsbedingungen für Künstler geändert: Die Galerien übernahmen die Rolle der Institutionen, konnten es sich leisten, die Kosten für Projekte ihrer Stars vorzuschießen.

"Es gab auffallend gigantische Produktionen, die wenig Substanz hatten", fiel Kathrin Rhomberg, Kuratorin der Berlin- Biennale, auf. "Mir scheint Schönheit, Ästhetik und Pathos hatten eine ziemliche Konjunktur. Brachial Schönes habe ich dabei aber verstärkt in Deutschland und England wahrgenommen, die am Kunstmarkt starke Rollen spielen. Wenn man im Vergleich dazu Israel oder Ägypten nimmt - dort ist die gesellschaftspolitische Situation so relevant, dass man sich auf Derartiges nicht zurückziehen kann." Geht es mit dem Kunstmarkt bergab, wird es wieder tiefgründiger?

"Es wird jedenfalls wieder spannender in den nächsten Jahren", meint Rhomberg.

"Wobei es Schönheit in der Kunst immer gab - interessant ist die Frage, ob mit ihr wieder mehr transportiert wird." Arne Ehmann von der Galerie Thaddaeus Ropac (Salzburg/Paris) sieht die Zeit von "Schönheit, Erhabenheit und Repräsentation" ebenfalls auf die Boomjahre von 2001 bis 2008 beschränkt, "als ganz neue, ungebildetere Käuferschichten auf den Markt strömten". 2009 dagegen habe er "so viele ,schwierige' Arbeiten verkauft wie noch nie." Vielleicht war es ja paradigmatisch, dass die bereits legendäre Auktion am Ende dieser Hochphase "Beautiful Inside My Head Forever" hieß. Es war der von Damien Hirst inszenierte Abgesang. Er ließ genau an dem Tag, an dem 2008 die Lehman Brothers crashten, eine ganze Jahresproduktion seiner Werkstatt direkt über "Sotheby's" verkaufen. Danach ging es bergab mit den Märkten. Und jetzt, wo sich der Kunstmarkt langsam wieder erholt? Jetzt malt Hirst eben wieder, eigenhändig, ganz das romantische Malergenie. Und er hat diese dunkelblauen, morbiden Fin-de-Siècle- Bilder in einem der exklusivsten Tempel der Schönheit, der privaten Wallace Collection in London, ausgestellt, wo auch eines der reizvollsten Bilder der Kunstgeschichte verwahrt wird, "Die Schaukel" von Rokoko-Maler Jean-Honoré Fragonard.

Gerade zwei der einflussreichsten Künstler der Nullerjahre, Hirst und Olafur Eliasson, haben sich ausdrücklich mit der Schönheit beschäftigt: Hirst mit seinen Schmetterlingsbildern, glitzernden Schädeln und goldenen Kälbern. Eliasson mit seinen Inszenierungen einer künstlichen Natur: Ausgerechnet "Beauty" hieß die Arbeit, mit der er 1993 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit auffiel, ein künstlich erzeugter Regenbogen. Den Durchbruch schaffte der Künstler, der im April eine große Retrospektive im Gropius- Bau in Berlin hat, allerdings erst zehn Jahre später mit einer Installation, die für Hunderttausende den Zugang zur zeitgenössischen Kunst ungemein erleichterte: Die künstliche Sonne in der Turbinenhalle der Tate Modern ließ wohl keinen der über zwei Millionen Besucher kalt, sie war einfach, tja, zu schön. Zu schön, um wahr zu sein. Anscheinend ein wichtiges Kriterium gerade in der ästhetischen Beurteilung von Landschaftsbildern.

Die haben nämlich eine ausgewogene Mischung aus Kultur- und Naturlandschaft bereitzustellen, um uns nicht zu beunruhigen: Vorne bestellte Felder, hinten wilde Berge, der Himmel sonnig, aber mit ein paar Wolken, so beschreibt der Kulturgeograf Werner Bätzing das über Jahrhunderte gepflegte Bild der Alpen.

Solche Landschaftsbilder aber sind wohl nicht das, was sich Kunstprofis wie Cheyenne Westphal und Kathrin Rhomberg an die Wände wünschen würden.

Während bis in die Moderne in der Kunstwelt eine Avantgarde bestimmte, was schön zu sein habe, regiert in der post- und postpostmodernen Zeit die Vielfalt. Selbst zwei 2008 herausgegebene Bände des Kunstforums International über "Schönheit" kommen zu keinem allgemein gültigen Schluss, außer dass Kunst und Schönheit "eine schwierige Liaison" seien. Was man einerseits als Triumph der Freiheit feiern kann, das beäugen andere wie Umberto Eco aber als "Orgie der Toleranz", vor dem "Erforscher der Zukunft" "kapitulieren" werden müssen. Von dem Schriftsteller stammt eine populäre "Geschichte der Schönheit", die 2009 bereits in dritter Auflage erschienen ist. Konziser hat es der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann in seinem voriges Jahr erschienenen Bändchen "Schönheit" überblickt. Er hält es mit einer der poetischsten Definitionen von Schönheit, sie stammt vom französischen Schriftsteller Stendhal: "Die Schönheit ist lediglich Verheißung von Glück." Von der Antike bis in die Renaissance war die Vorstellung von Schönheit aber von pragmatischeren Kriterien bestimmt, sie lassen sich mit der "Großen Theorie" des polnischen Ästhetikers Wladyslaw Tatarkiewicz zusammenfassen:

Proportionalität (der Goldene Schnitt), Harmonie und Symmetrie, verbunden mit dem Wahren und moralisch Guten.

Als exklusiver Tummelplatz der Schönheit wurde die Kunst allerdings erst in der Renaissance definiert: Das Kunstschöne wurde über das Naturschöne gestellt.

Eine idealisierte griechische Antike wurde im Klassizismus wieder zum Vorbild, Johann Joachim Winckelmann attestierte ihr die berühmte "edle Einfalt" und "stille Größe". In der Romantik wurde die Forderung nach Schönheit dann nicht mehr auf die Kunst beschränkt, sondern aufs Leben ausgedehnt, wie später im Fin de Siècle.

Um 1900 war Schönheit aber nicht mit dem Leben, sondern mehr mit dem Tod verbunden.

Im 20. Jahrhundert wurde das als bürgerlich erachtete, klassizistische Schönheitsideal endgültig zum Freiwild. Dass sich gerade totalitäre Regime an ihm orientierten, machte es zusätzlich suspekt. Schönheit in der Kunst wurde als moralischer Verrat angesehen, fasst Liessmann zusammen.

Mit der Kitschkunst eines Jeff Koons oder Takashi Murakami begann die Rehabilitierung.

Die Gagosian Gallery stellte in einer groß angelegten Ausstellung über Marmor voriges Jahr Koons Selbstporträtbüste gemeinsam mit einem Marmorstuhl von Designer Marc Newson ans Ende einer Entwicklung, die man mit anatolischen Idolen beginnen ließ. Und als Galionsfigur des neuen Privatmuseums von Megasammler François Pinault in Venedig dient die strahlend weiße, neoneoklassizistische Skulptur des US-Künstlers Charles Ray, die einen Jungen zeigt, der einen Frosch in der Hand hält.

Dieser Rückgriff auf die Kunstgeschichte lässt sich bei vielen Beispielen für augenfällig "Schönes" in der aktuellen Kunst beobachten: Seien es die marmornen, verhüllten Leichen von Maurizio Cattelan, die an den "Verschleierten Christus" von Giuseppe Sanmartino in Neapels Capella Sansevero gemahnen. Sei es Richard Wrights goldenes Wandfresko, seien es die leeren, fast monochromen Landschaftsbilder von Elger Esser, Hiroyuki Masuyamas nachfotografierte Landschaften von Caspar David Friedrich. Oder der auffällige Hang zur Gestaltung von sakralen Glasfenstern, angefangen bei Gerhard Richter, über Neo Rauch bis zu Spencer Finch. Nicht nur im europäischen Mittelalter, auch im islamischen Raum soll in Licht und Glanz die ultimative Schönheit (Gottes) erfahrbar werden. Der erste Raum der Venedig-Biennale sollte hier als programmatisches Statement in Richtung "erhabene Schönheit" nicht vergessen werden: Viele verweilten andächtig unter den Strahlensträngen aus Goldfäden, einer Arbeit der 2004 gestorbenen brasilianischen Künstlerin Lygia Pape.

Aber auch eine ganz junge Generation beschäftigt sich wieder mit der Kunstgeschichte:

Als eine Art Gegenreaktion zum glamourösen, oberflächlichen Kunstmarkt, meint Kuratorin Kathrin Rhomberg, hat sich eine junge Generation von Künstlern im "ehemaligen Westen" zurückgezogen in ihre Ateliers und Wohnungen. Rhomberg konstatiert fast eine "romantische" Tendenz, eine Präferenz für klassische Medien und ein "unglaubliches Interesse an Kunstgeschichte und an formalen Aspekten". Die Malerin Tomma Abts mit ihren kleinformatigen, spröden Abstraktionen wäre ein Beispiel für diese Szene. 2006 gewann sie dafür den Turner-Preis. Wobei prinzipiell auffällt, dass sich gerade Künstlerinnen im Spiel mit der Schönheit bisher eher zurückhielten.

"Schönheit langweilt mich", behauptete Cindy Sherman zum Beispiel schlicht in einem Interview. In den weiblichen Ohren scheint wohl bis heute noch das schmerzhafte Mantra von Marina Abramovic´ nachzuklingen, die 1975, während sie sich mit einem Metallkamm brutal die Haare striegelte, gebetsmühlenartig wiederholte: "Art must be beautiful. Artist must be beautiful." 35 Jahre später ist Schönheit in der Kunst kein Grund mehr, sich die Haare zu raufen.

Die Schönheit der Künstler dagegen ... wir wollen es nicht übertreiben.

Bildunterschrift:

Ist dekorative Kunst das Ergebnis der porösen Grenzen von Kunst und Design?

"So schön, dass man versteinert davor stehen bleibt": Mit seinem Goldornament ohne Titel gewann Richard Wright 2009 den Turner-Preis

Jeff Koons "Hanging Heart" (1994/2006, links) wurde 2007 bei Sotheby's für fast 24 Millionen Dollar, Gerhard Richters "Kerze" (1983, oben) für über 15 Millionen Dollar versteigert; Monir Shahroudy Farmanfarmaian gehört mit Bildern wie "Geometry of Hope" (1975) zu den erfolgreichsten Künstlerinnen im Iran

Das Malerische, Opulente oder prächtig Ornamentale der Künstler aus Asien feiert einen Siegeszug in den Auktionssälen

Photoshop-Romantik: Hiroyuki Masuyamas Leuchtkastenfoto "Caspar David Friedrich, Klosterfriedhof im Schnee, 1817-19" (2009)

"Im Zuge des Kunstmarktbooms hatten Schönheit, Ästhetik und Pathos eine ziemliche Konjunktur - besonders in Deutschland"

Für die Installation "Seizure" (oben) ließ Roger Hiorns 2008 in einer Wohnung Kristalle wachsen; Mohammed Ehsai lässt sich bei Bildern wie "He Is The Merciful" (2007, 202 x 347 cm, oben rechts) von arabischer Kalligrafie inspirieren; Maurizio Cattelans Skulpturengruppe "All" (2007, rechts) im Kunsthaus Bregenz

Während bis in die Moderne eine Avantgarde bestimmte, was schön zu sein hat, regiert in der Postmoderne die Vielfalt

Von der Antike bis zur Renaissance war Schönheit von pragmatischen Kriterien wie Proportion und Symmetrie bestimmt

Kunstschönheit schlägt Naturschönheit:

Installation "The Weather Project" von Olafur Eliasson (2004) in der Tate Modern in London

Valérie Belin spielt in den digital bearbeiteten Fotoporträts ohne Titel von 2006 mit männlichen und weiblichen Merkmalen