Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 31
Y = b0 + b1 . x1 + b2 . x2 + ... + bn . x n
Von Susanne Altmann
Vom Ideal zum Beauty-Terror: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden fragt: "Was ist schön?"
Hurra, Schönheit ist messbar! Forscher der Universität Regensburg entwickelten einen Beautycheck, der auf einer Skala von 1 bis 7 die Attraktivität von Körpern bestimmt - bislang nur die von weiblichen, an den Männerparametern wird noch gearbeitet. Die Formel lautet: Y = b0 + b1 . x1 + b2 . x2 + ... + bn . xn. Für knapp zehn Euro und nach Einsendung eines Bikinifotos können wir alle, meine Damen, erfahren, ob unser Aussehen dem Schönheitsideal der deutschen Bevölkerung entspricht. Nun könnte man meinen, diese Serviceofferte zeige nur ein weiteres Symptom des aktuellen globalen Schönheitswahns, und wer Noten unter Drei erhält, wird gleich an den nächsten kosmetischen Chirurgen überwiesen.
Doch der Wunsch, Schönheit in Formeln und Gleichungen zu pressen, ist weit älter.
So waren bereits die Anhänger des griechischen Philosophen Pythagoras (6. Jahrhundert vor Christus) überzeugt, dass die Vollkommenheit des Kosmos wie auch jene von Musik auf errechenbaren Zahlenverhältnissen beruhe. Später sah Platon im irdischen Schönen nur einen ärmlichen Abglanz von göttlicher Wahrheit und hegte besonders gegenüber Kunstwerken großes Misstrauen.
Doch auch er konnte sich der Harmonie von Tönen oder geometrischen Körpern nicht entziehen. Immer wieder spielte die Zahl eine Schlüsselrolle bei der Bestimmung und auch bei der Produktion von Schönheit. In diesem Sinne entwarf etwa der römische Architekt Vitruv seine Theorie für unwiderstehlich anmutige Bauwerke: Proportion, Eurythmie und Symmetrie machen, so Vitruv, den Reiz eines Gebäudes aus. Lange dauerte es nicht, bis derlei Maßstäbe auf den Menschen und dessen Abbild übertragen wurden - dass hier Künstler die Deutungshoheit über die nötigen Formeln übernahmen, wundert nicht. Die Idealbil der, die etwa Leonardo da Vinci als treuer Sohn seiner antike- und schönheitsbesesse nen Epoche schuf, gehorchen einer strengen Proportionslehre.
Ebenmaß, allgemeines Wohlgefallen und ein wenig Langeweile faszinieren noch heute an den Bildwerken der Renaissance.
Auch Dürer nahm an den Klassikern Maß - und an seiner eigenen ansehnlichen Gestalt. Hinter der ewigen Suche nach der Schönheit steht auch eine ganz praktische Verheißung, nämlich Glück bei der Par tnerwahl.
Nicht umsonst erklärt der Wissenschaftler Winfried Menninghaus den Schönheitsdrang als evolutionsbiologisches Relikt:
Verführerische sexuelle Ornamente bei Tier und Mensch sichern nach wie vor beste Plätze bei der Fortpflanzungskonkurrenz.
Bleibt immer noch die Frage: Was eigentlich ist schön? Denn Schönheitsideale sind wandelbar und hängen eng mit Moden und der jeweiligen ethnischen und kulturellen Prägung zusammen. Die kommende Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden umkreist die ewige Gretchenfrage mit griffigen Themenräumen. "Sehnsucht und Versprechen" etwa nimmt Klischees und Stereotypen aufs Korn, "Macht und Macher" zielt auf die klinische und mediale Produktion von menschlicher Vollkommenheit und "Norm und Differenz" blickt tief in die Geschichte der Schönheitsideale. Im letzten Raum lässt die Berliner Videokünstlerin Gabriele Nagel Menschen über ihr persönliches Verhältnis zu schönen Gegenständen, Handlungen und Erlebnissen erzählen.
Zwischen den Kammern des Schönen konfrontiert ein 70 Meter langer Spiegelgang die Besucher unbestechlich mit dem eigenen Aussehen und dessen Defiziten. Dazu braucht es nur ein kritisches Auge und eigentlich keinen Beautycheck per Formel.
Gegen das Diktat von solchen Normen regt sich übrigens schon lange Widerstand im Cyberspace: "Fight Lookism" heißt eine Initiative, die sich gegen den Gruppenzwang zur Attraktivität wehrt und den Mut zur Hässlichkeit propagiert.
Ausstellung: "Was ist schön?", Deutsches Hygiene- Museum, Dresden, 27. März bis 2. Januar 2011.
Katalog: Wallstein Verlag, 24,90 Euro
Bildunterschrift:
Der "Homo bene figuratus" von Marcus Vitruvius Pollio (1. Jahrhundert vor Christus) wurde zur Idealfigur der Renaissance.
Julian Opies "Suzanne walking forward" (2005, rechts) ist eine Schönheit der Computergeneration
