Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 94
Hinter 1309 Gesichtern
Von Kito Nedo
KRITIK Alte Bekannte wie Christian Boltanski oder Cindy Sherman treten mit jungen Künstlern an, Verbindungen zwischen Körperbild und Identität zu klären
Gern wird in der Kunst die Frage nach dem "Ich" gestellt - meist jedoch nur rhetorisch. So auch in Wolfsburg, wo das Museum eine spektakuläre James-Turrell- Installation mit einer Schau zu Fragen menschlicher Identität flankiert. Unter dem Titel "Ich, zweifellos. 1309 Gesichter" versammelt sie Arbeiten von neun zeitgenössischen Künstlern, darunter weithin bekannte Klassiker aus der Wolfsburger Sammlung wie vier Abzüge aus Cindy Shermans' "Untitled Film Stills", die raumfüllende Installation "Menschlich" (1994) von Christian Boltanski oder "Flesh to White to Black to Flesh" (1968), ein frühes Video von Bruce Nauman, in dem ein junger Mann Gesicht und Oberkörper mit schwarzem Make-up bedeckt, um es anschließend wieder zu entfernen.
Die träumerische Videoloop-Projektion "A Lapse of Memory" (2007) der niederländischen Künstlerin Fiona Tan (art 2/2010), die mit ruhigen Kameraeinstellungen einen Einsiedler bei seinen täglichen Verrichtungen in den Räumen eines verlassenen Palasts verfolgt, ist durch die letzte Venedig-Biennale bekannt geworden. Die zahlreichen kleinformatigen Porträtmalereien von Brian Alfred hingegen dürften eine Neuentdeckung sein: Mit reduzierten Formen und Pastellfarben schafft er eine aus 140 Teilen bestehende Porträtgalerie der Gegenwart, deren untergründige Verknüpfungen an die verborgenen "Wer-kennt-wen"-Algorithmen sozialer Netzwerke im Internet erinnern.
Alfreds Arbeit bildet in Wolfsburg so etwas wie den ästhetischen Kontrapunkt zu Boltanskis Großinstallation, die mit ihren über 1000 verschwommenen Schwarzweißfotografien unter schmutzig-gelbem Bürolampen-Licht den Grusel von Genozid-Museen zitiert. Wer aber sind diese Menschen, deren aus Dokumenten, Schnapp schüssen und Gruppenfotos herausgelöste Gesichter wie auf Fahndungsfotos erscheinen? Über das "Ich" sagt diese Ausstellung wenig, jedoch einiges über seine mannigfaltigen Repräsentationen in der Gegenwartskunst.
Ich, zweifellos.
Kunstmuseum Wolfsburg, 21.11.-28.3.2010
Bildunterschrift:
Besucher vor Brian Alfreds Installation "Millions Now Living Will Never Die!!!" (2006/09)
