Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 92

Gedrängel der Meister

Von Ute Diehl

KRITIK Im 500. Todesjahr des von Legenden umrankten Renaissancemalers richtet seine Geburtsstadt Giorgione und Zeitgenossen eine große Ausstellung aus

Wenig ist über den Renaissancemaler Giorgione bekannt. Sicher ist, dass er 1510 zirka 33-jährig starb, und die Legende sagt, dass er sich bei seiner pestkranken Geliebten infiziert hatte. Er wurde in Castelfranco geboren, und das kleine Veneto-Städtchen hat ihm jetzt zu seinem 500. Todesjahr eine Ausstellung eingerichtet. Von Giorgione, der seine Werke nicht signierte, wurden bisher nur rund 20 Gemälde identifiziert.

Zwölf davon konnten für die Ausstellung entliehen werden, darunter die "Maria mit dem Jesuskind" aus der Eremitage in St. Petersburg, "Sonnenuntergang" aus der National Gallery in London) und die "Drei Menschenalter" aus dem Florentiner Palazzo Pitti.

Und schließlich das berühmte "Gewitterbild" aus den Gallerie dell'Accademia in Venedig. Eine Frau sitzt darauf nackt auf der Wiese und stillt ein Kind. Sie sieht ein bisschen schicksalsergeben aus. Vom linken Bildrand schaut ein junger Mann zu ihr hinüber. Im Hintergrund sieht man hohe Bäume, einen Fluss und eine Stadt. Ein Blitz zuckt über den Himmel. Offensichtlich kommt ein Unwetter auf. Die Personen im Bild bleiben davon unberührt.

Generationen von Kunstgelehrten haben versucht, das Bild zu entschlüsseln. Rechtzeitig zur Ausstellung gibt es nun eine weite re Interpretation, diesmal von dem italienischen Kunsthistoriker Carlo Falciani: Er hat zwischen der Ikonografie des Gemäldes und dem Inhalt eines Gedichts, das Bernardino da Firenze 1482 verfasst hat, Übereinstimmungen gefunden. Dargestellt sei eine Szene aus der römischen Mythologie, die Geburt des Silvius. Dessen Vater Aeneas, der kurz zuvor gestorben war, beobachte seine Frau Lavinia und das Kind vom Totenreich aus.

Neben Giorgiones weltentrückten Rätselbildern mit ihrem unvergleichlichen Sfumato werden auch Meisterwerke von Zeitgenossen wie Bellini, Raffael, Tizian und Dürer in der Ausstellung gezeigt (Katalog:

Skira Verlag, 35 Euro). Da wird es eng in der Casa Giorgione, dem zum Museum umgebauten Haus des Malers, der hier auch einen langen Wandfries hinterlassen hat. Es herrscht ein ziemliches Gedrängel unter der bemalten Balkendecke, aber dennoch fühlt man sich wie ein privilegierter Gast in einem elitären Zirkel humanistisch gebildeter Patrizier der Renaissance.

Das einzige Altarbild Giorgiones hängt im nahe gelegenen Dom: Maria sitzt auf einem hohen Thron vor einer weiten Landschaft.

Ein sensationelles Bild. Der traditionelle architektonische Rahmen fehlt. Das Gotteshaus ist nicht mehr aus Stein, sondern durch die freie Natur ersetzt.

Giorgione Museo Casa Giorgione, Castelfranco, 12.12.2009-11.4.2010

Bildunterschrift:

Ausstellungsansicht mit "Sonnenuntergang" (1506/10, 73 x 91 cm) von Giorgione