Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 93

Staunen und Schrecken

Von Kito Nedo

VORSCHAU Für seine große Einzelschau in Kassel verwandelt der Kunst- Alchimist das Fridericianum in eine psychiatrische Anstalt - Panikkammer inklusive

Der Traum von der großen Fusion zwischen Kunst und Wissenschaft beschäftigt die Menschen seit geraumer Zeit.

Ateliers werden zu Laboren für Raum-, Sound- und Hirnforschung, Künstler und Wissenschaftler intensivieren ihren Austausch, und die Kunsthistoriker entdecken die Ästhetik wissenschaftlicher Bilder. Auch im Werk von Thomas Zipp, geboren 1966, hinterlässt der Zeitgeist seine Spuren, doch hat der Berliner Maler und Installationskünstler einen Weg gefunden, widersprüchliche Kunst jenseits der Moden zu produzieren: gar nicht glatt und perfekt, sondern antiquiert und modern, böse und lustig, naiv und gerissen zugleich.

Denn anstatt mit Perfektionsästhetik den Zukunftsbewegungen der Gegenwart hinterherzujagen, gräbt sich Zipp tief in die Geschichte ein - sowohl die der Wissenschaft als auch der klassischen Avantgarden.

Als Kunst-Alchimist braut er seine Stoffe zu einem dunkel-psychedelischen Cocktail. In seinen düsteren Großinstallationen, die manchmal wie Kulissen für expressionistische Filme oder neodadaistisches Theater wirken, lässt der Maler dann seine Hausheiligen aufmarschieren: die Entdecker der Kernspaltung, Lise Meitner und Otto Hahn, die Surrealisten um Max Ernst und Pablo Picasso sowie Karlheinz Stockhausen und die britischen LSD-Synästheten Pink Floyd.

Für seine große Einzelschau im Kasseler Fridericianum wird Zipp das Museum unter dem Titel "(White reformation co-op) mens sana in corpore sano" in eine große psychiatrische Anstalt verwandeln, inklusive einer ordentlich isolierten Panikkammer. Die Besucher erwartet also keine Wohlfühlkunst mit Aha-Effekten, sondern der Gang durch fiktive Geschichten der Grausamkeiten, Irrtümer und Obsessionen, mit denen Zipp deutlich macht, dass auch in der aufgeklärten Gesellschaft Fantasie und Ratio, Horror und Schönheit, sehr nahe beieinander liegen können.

Thomas Zipp Kunsthalle Fridericianum, Kassel, 13.3.-13.6.2010

Bildunterschrift:

Zipp-Interieur aus dem Jahr 2007: "Planet caravan, is there life after death?

A futuristic world fair"