Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 86-88

Pop, Wut und Protest

Von Sandra Danicke

VORSCHAU Eine Retrospektive ehrt den herausragenden europäischen Vertreter der figurativen Malerei, der sich vor 40 Jahren das Leben nahm

Als sie ihn fanden, gewannen die skurrilen Motive in seinen Bildern plötzlich einen grausamen Realitätsbezug. Uwe Lausen hatte sich im Haus seiner Eltern im württembergischen Beilstein die Pulsadern aufgeschnitten. Mit nur 29 Jahren beendete der Künstler, der als ebenso talentiert wie unbequem und arrogant galt, 1970 ein Leben voller Widersprüche. Der Familienvater und ehemalige Einserschüler hatte andere gern vor den Kopf gestoßen, sich an Drogen wie LSD oder Heroin berauscht und sich nicht gescheut, seine schrillen Gemälde mit Gewaltfantasien und pornografischen Details auszustatten. Zu Lebzeiten nicht ohne Erfolg - seine Bilder waren neben jenen von Gerhard Richter, Georg Baselitz und Sigmar Polke ausgestellt worden -, geriet das von der amerikanischen Pop Art ebenso wie von den deformierten Porträts Francis Bacons inspirierte Werk nach Lausens Tod weitgehend in Vergessenheit.

Zum 40. Todestag würdigt die Schirn ihn nun mit einer Retrospektive als einen herausragenden europäischen Vertreter der figurativen Malerei der sechziger Jahre. Zu sehen sind rund 50 großformatige Leinwände und ebenso viele Arbeiten auf Papier (Katalog: Hachmannedition, 24,80 Euro; weitere Stationen: München und Hamburg).

Der künstlerische Autodidakt wollte zunächst Schriftsteller werden und war Mitherausgeber einer Literaturzeitschrift. Anfang der sechziger Jahre kam er jedoch über die Münchner Künstlergruppe SPUR um HP Zimmer zur Malerei und trat der Situationistischen Internationale bei, einer europäischen Gruppierung linksradikaler Künstler und Intellektueller.

Inspiriert von der gestischen Impulsivität des Abstrakten Expressionismus und von figurativ arbeitenden Künstlern wie Asger Jorn, entwickelte Lausen schon bald einen eigenwilligen Stil, der die Darstellung absurder Szenarien mit der in den sechziger Jahren allgegenwärtigen grellen Farbigkeit und einer zunehmenden Flächigkeit des Bildraums kombinierte, Fragmente aus Massenmedien benutzte und so gegensätzliche Stilrichtungen wie Surrealismus und Konkrete Kunst verarbeitete. Motive wie Waffen, und Körperfragmente in Kombination mit Blümchentapeten, Sesseln und Teppichen mit Hakenkreuzornament können als früher künstlerischer Ausdruck der damals sich formierenden politischen Revolte gelesen werden: als wütende Kommentare zu einer selbstgefälligen Bürgerlichkeit, die den Krieg in Vietnam ebenso geschehen ließ, wie sie ehemalige Nationalsozialisten in führenden Positionen duldete. Späte Werke im Stil amerikanischer und britischer Pop-Art- Künstler zeigen Toiletten und Badezimmer, die nicht nur im Hinblick auf Lausens frühen Freitod beklemmend und unheimlich wirken.

Uwe Lausen Schirn-Kunsthalle, Frankfurt am Main, 4.3.-13.6.2010

Bildunterschrift:

Geist der Sechziger: das Popduo "Sonny und Cher", 1966 von Lausen mit Kunstharzdispersion auf Leinwand gemalt (140 x 160 cm)

Frei nach Bacon: "Ringo" (1965, 200 x 170 cm)