Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 90

Ein Hauch von Verschwörung

Von Ralf Schlter

KRITIK Goya und Dürer, Tim und Struppi, Struwwelhitler und Maoritz: Florian Waldvogel interpretiert die Weltgeschichte als Welt voller Bildergeschichten

RALF SCHLÜTER

Politische Bildergeschichten von Al brecht Dürer bis Art Spiegelman" lautet der Untertitel dieser Ausstellung - das klingt schon fast nach einem Volkshochschulkurs.

Aber niemand, der die Schau gesehen hat, wird sagen, es gehe hier um Einführung oder Überblick. Kunstvereinschef Florian Waldvogel hat offenbar etwas anderes gewollt: eine Art Deutung der Weltgeschichte mit Hilfe diverser Bilderzählungen. Seine Herangehensweise ähnelt der des so genannten Regietheaters; die Kunst ist für ihn das Material, aus dem er eine eigene Meta- Erzählung formt. So entwickelt der Besucher zwangsläufig einen Doppelblick. Er ist mit einer Unmenge von gezeichneten Storys konfrontiert: Holzschnittzyklen von Dürer, Holbein und Goya, frühe Comics von Hergé bis Disney, Comicparodien wie dem "Struwwelhitler" oder "Marx und Maoritz".

Von den Totentänzen der Renaissance bis zu Spiegelmans Auschwitz-Comic tut sich ein ungeheurer, oft düsterer Kosmos auf: Die Bilderzählung wird vorgeführt als populäres, mal komisches, mal moralisierendes Medium, das die Abgründe der Menschheitsgeschichte in schwarze Fabeln fasst.

Deren genauer Inhalt jedoch hat Waldvogel wohl weniger interessiert. Die Comics prangen kaum lesbar auf gigantischen Holzplatten, das zweite Auge des Besuchers wird auf die Inszenierung gelenkt. Überall werden Bezüge hergestellt, machmal mit der Brechstange (Dürer-Zyklus in Hakenkreuzform gehängt - Nürnberg!), manchmal durchaus subtil, wenn Superhelden und politische Führer plötzlich ähnliche Charakteristika zeigen. Waldvogel wirbelt alles durcheinander, Weltgeschichte wird zur Welt voller Geschichten - die, so legt es die Inszenierung nahe, doch alle irgendwie zusammenhängen.

Zurück bleiben: anregende Unklarheit und (Katalog: 15 Euro).

"Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?" Kunstverein, Hamburg, 19.12.2009-14.3.2010

Bildunterschrift:

Wer soll das alles lesen? Bildergeschichten, spektakulär inszeniert im Hamburger Kunstverein