Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 89
Die Prinzessin im Netz
Von Mirja Rosenau
VORSCHAU Adel verpflichtet: Zwei Ausstellungen stellen die fantastischen Collagen von britischen Aristokratinnen des 18. und 19. Jahrhunderts vor
Was dachte sich wohl Marie-Blanche- Henelle Fournier, als sie in den 1870er Jahren die Porträtfotos von neun Personen - abtrünnige Verwandte, meist gehasste Bekannte? - in ein von Fledermäusen umzingeltes Spinnennetz einließ? Immerhin:
Das Motiv taucht auch auf einer etwa zeitgleich entstandenen Collage der Prinzessin von Wales wieder auf. Nur wachen diesmal Käfer und Fliegen über die ins Netz eingespannten Personen, und im Zentrum sitzt keine Spinne, sondern das Porträt einer Frau. Womöglich die Prinzessin selbst, die sich hier als geschickte Netzwerkerin darstellt?
Tatsächlich erfüllen die von Aristokratinnen des 19. Jahrhunderts aus Porträtfotos und Zeichnungen montierten und in Vorzeigealben gesammelten Blätter unter anderem den Zweck, ihre Urheberinnen als soziale Strippenzieherinnen zu repräsentieren:
Alle möglichen Ornamente halten Bekannte und Verwandte ihrer Wahl zusammen; in fiktiven Abend-, Ausflugs- und Krocketgesellschaften werden sie vieldeutig zueinander in Beziehung gesetzt.
In einer mit dem Art Institute of Chicago erarbeiteten Ausstellung zeigt das New Yorker Metropolitan Museum nun 15 dieser von viktorianischen Ehefrauen angelegten Alben (der fantastische Katalog ist bei Yale University Press erschienen und kostet rund 42 Euro). Der Vergleich stellt dabei unter anderem heraus, dass die Damen bei der Wahl ihrer Motive weit weniger originell waren, als sie auf den ersten Blick erscheinen:
Sie sahen sich ihre skurrilen Settings unter anderem aus Kinder- und Naturkundebüchern ab und wollten neben ihrem hohen Bildungsstand auch ihre Kunstfertigkeit demonstrieren. Dass das Montageverfahren sie dabei etwa hinsichtlich der Proportionen zu manchem stilistischen Zugeständnis zwang, erhöht nur den Charme ihrer Kompositionen.
Mit einem detailgenauen Naturalismus und außerordentlicher Fingerfertigkeit hatte sich hingegen 100 Jahre vor ihnen Mary Delany (1700 bis 1788) einen Namen gemacht.
Die Witwe eines irischen Geistlichen, die das Königspaar, Jonathan Swift und Georg Friedrich Händel zu ihrem Bekanntenkreis zählte, fertigte ab ihrem 72. Lebensjahr in minuziöser Handarbeit über 1000 "Papiermosaike" an: Blumen, die sie aus manchmal mehreren Hundert bemalten Papierblättchen zusammenklebte. In London wird nun neben diesen "Flora Delanica" auch ein sechs Bände umfassendes Konvolut aus autobiografischen Notizen und Korrespondenzen ausgestellt, das ein detailliertes Bild der georgianischen Oberschicht zeichnet (Katalog: ebenfalls YUP, rund 48 Euro).
Im Sir John Soane's Museum treffen die Blumenblätter schließlich auf ein weiteres, gewissermaßen collagiertes Meisterwerk: das Konglomerat aus Gemälden, Architekturzeichnungen, neoklassizistischen Skulpturen und einem Alabastersarkophag, das der Architekt John Soane (1753 bis 1837) in seinem Stadthaus zu einem exzentrischen Kabinett zusammenbastelte.
Playing with Pictures. The Art of Victorian Photocollage Metropolitan Museum of Art, New York, 2.2.-9.5.2010 Mrs. Delany and Her Circle Sir John Soane's Museum, London, 19.2.-1.5.2010
Bildunterschrift:
Collage aus dem Album von Kate Edith Gough, Ende 1870er Jahre
Mary Delany collagierte diese Geranie 1773 aus bemaltem Papier
