Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 70-76

Wenn das System außer Kontrolle gerät

Von Till Briegleb

Der Schweizer Künstler Christoph Büchel stellt mit verwirrend realistischen Installationen und provozierenden Guerilla-Aktionen weltpolitische Ereignisse nach - und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung in Frage. Jetzt gibt der scheue Künstler ein Gastspiel in der Wiener Secession

Es gibt von ihm nur Schnappschüsse und keine Interviews. Atelierbesuche und Treffen mit Journalisten lehnt er ab. Und wenn man mit Kuratoren spricht, die mit ihm gearbeitet haben, dann kolportieren sie wenig Freundliches über die Medien aus dem Munde von Christoph Büchel. Der Schweizer Künstler ist ein Totalverweigerer, was seine Rekrutierung für das Heer der Medienprominenten betrifft, egal, ob die Anfrage aus dem Sensations- oder Fachjournalismus stammt.

Nun hat es immer die großen Schweigsamen gegeben, die keinen Kontakt mit der Presse wollten, sei es aus Angst, Schüchternheit, aus Ekel vor dem Kult, der um sie gemacht wurde, oder weil sie der Situation misstrauten, dass ein Unbekannter sie ein paar Stunden erlebt und dann "Informationen" über sie verbreitet. On Kawara und Cy Twombly, A. R. Penck und Henri Cartier- Bresson sind berühmte Beispiele für diese Distanz. Bei Christoph Büchel mögen all diese Motive auch eine Rolle spielen. Aber im Gegensatz zu den Genannten ist seine ablehnende Haltung gegenüber den Medien viel widersprüchlicher. Seine Installationen wie seine Guerilla-Aktionen im Kunstbetrieb sind nämlich nur zu verstehen, wenn man sie als Antwort auf die Erscheinungen des Kommunikationszeitalters begreift, dessen Kind der 43-Jährige ist.

Bunte und ernste Nachrichten, Medienbilder und weltpolitische Ereignisse bilden Ausgangspunkt und Inspirationsquelle für seine aufwändigen Konstruktionen politischer Themenwelten. Der Hauptteil von "Deutsche Grammatik", Büchels letzter großer Arbeit in Deutschland in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel 2008, bestand aus einer Raumfolge, die vorgab, die Leipziger Kegelbahn zu rekonstruieren, auf der nach der Wende die ersten geschredderten Stasi-Akten ausgewertet wurden. In London schuf er 2006 mit "Simply Botiful" einen Sweatshop für muslimische Näherinnen, versteckt hinter einem Import-Export-Laden.

Für die Art Basel Miami Beach 2007 baute er einen Wahlcontainer, der auf den dubiosen Sieg George W. Bushs in Florida reagierte.

Andere Projekte beschäftigten sich mit Obdachlosen, Asylanten, dem Wirbelsturm "Katrina" oder Selbstmordattentätern.

Bei den meisten dieser Projekte arbeitet Büchel mit einem pathetisch erscheinenden Wirklichkeitsbegriff, der die Informationsknappheit der Medien mit einer theatralischen Realität konfrontiert. Auf den ersten Blick wirken seine begehbaren Erlebnisfelder, die riesige Ausmaße annehmen können, nämlich wie realistische Animationen gesellschaftlicher Schattenseiten. Tristesse, Verwahrlosung, unmenschliche Behandlung Wehrloser oder Orte politischer Prozesse sind so akkurat inszeniert, als ginge es um eine Museumsdokumentation von Elend, Armut und Unrecht. Dazu baut Büchel seit Anfang der neunziger Jahre Räume und Raumfolgen, in denen Momente so eingefroren scheinen, als hätten die Menschen sie gerade verlassen (2002 sogar buchstäblich, als er das Set einer Punkband nach dem Konzert bei 25 Grad minus tiefkühlen ließ).

Ein Heer von Helfern sorgt dafür, dass dieses Anhalten der Zeit täuschend echt gelingt.

Neben perfekt imitierten Architekturen und Einrichtungen inszeniert Büchel Patina, Gebrauchsspuren und Indizien menschlicher Anwesenheit: Volle Aschenbecher, halb verspeiste Pizzamahlzeiten, vollgeschneuzte Kleenextücher neben ungemachten Betten, herumliegende Tageszeitungen und Fernseher, die vergessen vor sich hin senden, erzeugen die dichte Pseudo-Atmosphäre von Privatheit. Sogar Gerüche aus Küchen, Klos und Polstern verstärken die Täuschung.

Doch Büchels Arbeiten funktionieren nicht als Big-Brother-Voyeurismus auf politische Innenwelten. In einer beengten Behausung für illegale Einwanderer, wo alles harmonisch unschön ist (hässliche Möbel, schlechte Bücher, billige Lebensmittel, kitschige Souvenirs, miese Hygiene), stößt man plötzlich auf ein Loch im Schrank, hinter dem ein abgebrannter Motorroller in einer Glasvitrine wie ein Kunstobjekt platziert wurde ("Simply Botiful"). Hinter anderen Löchern seiner labyrinthischen Raum folgen findet man mal Raketen in einem Abstellraum oder mal einen Saal, in dem die kriminalistische Spurensuche an einem gesprengten Reisebus inszeniert ist ("Hole", Kunst halle Basel, 2005). Und auch in den kleinen Details verrät Büchel immer wieder, dass es ihm nicht um die schnelle politische Betroffenheit und die richtige Meinung geht. In einem fensterlosen Hausmeisterbüro hängt ein Hundeporträt von Adolf Hitler an der Wand ("Deutsche Grammatik"). Über einem patriotischen Weihnachtsbarbecue für Kinder schwebt eine Bombe ("Training Ground for Training Ground for Democracy", 2007). Und hinter einem Mauerversteck mit Gebetsteppichen wartet eine Nische mit Pornobildern ("Simply Botiful").

Die moralische Wasserscheide für gut und böse, richtig und falsch interessiert Büchel offensichtlich nicht. Die leichte Vorstellbarkeit, die Dreiminutenbeiträge im Fernsehen über soziale Missstände erreichen wollen, wird bewusst konterkariert.

Dahinter steckt eine künstlerische Methode, die auf unterschiedlichen Ebenen und mit vielen sich überlagernden Erzählschichten immer wieder ein Thema umkreist: die Unmöglichkeit, Ordnung zu schaffen. Sei es die Ordnung, die Fernsehnachrichten in die Welt zu bringen scheinen, oder die Tyrannei einer anständigen Nachbarschaft - alle Versuche, sich mit klaren Regeln über die Widersprüchlichkeit der Welt hinwegzutäuschen, werden in Büchels komplexen Fiktionen ad absurdum geführt.

Im Bild der "Deutschen Grammatik", wo Hunderte Säcke mit Beweisresten der Stasi- Verfolgung sich vom Bibliothekssaal bis zur Toilette stapelten, ist diese Idee in ihrer historisch- alptraumhaften Beklemmung überwältigend inszeniert gewesen. Berge abgespulter Tonbänder, Kisten mit Dias und zer rissenen Fotos auf den Kneipentischen und große Haufen bunter Schnipsel auf der Kegelbahn zeugten von der Absurdität dieses Wahrheitspuzzles, ohne seine Tragik zu denunzieren. Auch die enge Hausmeisterwohnung, durch die sich eine Mauer zieht, so dass alles von Tisch zu Bett und Badewanne sorgsam geteilt wird - die Büchel zweimal, in New York und in Kassel, gebaut hat -, erzählt vom grotesken Scheitern der Anstrengung, die Welt in Territorien von Freund und Feind zu trennen.

Menschen, die nichts wegwerfen können, so genannte Messies, sind häufig stille Stichwortgeber für Installationen Büchels, die an vielen Stellen von Müll überborden. In dieser Figur des unglücklichen Menschen, dem sein System außer Kontrolle gerät, so dass es in der totalen Überforderung ins Chaos übergeht, erscheint die Skepsis Büchels gegen die rationale Beherrschbarkeit der Welt perfekt eingefangen. Aber auch als Metapher für die Unordnung, die die Natur im menschlichen Streben nach Stabilität anrichtet, wird Abfall von Büchel eingesetzt.

Für die Gruppen ausstellung "Superdome" im Palais de Tokyo in Paris 2008, die sich mit dem Katrina-Desaster in New Orleans befasste, begrub er etliche, durch ein Abwasserrohr begehbare Räume unter einer riesigen Müllhalde. Das hässliche Gesicht des Wirbelsturms entsteht diesem Bild nach erst durch die kaputte Konsumordnung der US-Kultur, die durch das Unwetter sichtbar wird.

Sein Misstrauen gegen Ordnung und ihre Prinzipien, die so schnell zu Zwang und Maßregelung führen, übersetzte der Basler Künstler auch in umstrittene Aktionen, die sich meist gegen den Konsenstrott der Kunstwelt richteten. In Salzburg organisierte er 2006, eingeladen von dem Musik- und Kunstfestival "Kontracom", ein Bürgerbegehren gegen die "Verschandelung" der schönen Stadt durch zeitgenössische Kunst, das tatsächlich erfolgreich war. Seine Aktion im Helmhaus in Zürich, den Ausstellungsetat von 50 000 Schweizer Franken als Scheck im leeren Ausstellungsraum zu verstecken und demjenigen zu versprechen, der ihn findet, wurde von der Lokalpolitik unterbunden.

Aber auch im konkret politischen Feld erfüllen seine Aktionen immer wieder ihre provozierende Absicht. Im Rahmen der "Deutschen Grammatik" veranstaltete Büchel eine Politmesse, auf der alle in Deutschland zugelassenen Parteien in gleicher Präsenz auftreten durften. Die Weigerung der großen Parteien, zusammen mit der NPD an einer Messe teilzunehmen und sich auf einer Stufe mit obskuren Splitterparteien darzustellen, führte zu medialen Turbulenzen, die von Büchel auch so kalkuliert waren. Büchels Hass auf die Medien - der durch einen Satz aus der emotional extrem aufgeladenen Kontroverse um seine gescheiterte Ausstellung 2006 im Massachusetts Museum of Contemporary Art in North Adams (art 7/2007) überliefert wurde, "Ich ertrage keine Journalisten" -, ist in Wirklichkeit also eine Hassliebe. Wie bei so vielen Künstlern, die sich kritisch mit der Welt auseinander setzen, wie sie durch die Medien vermittelt wird, besitzt auch Büchel eine manische Kenntnis ihrer Inhalte und Methoden. Tatsächlich sind seine irritierenden Spektakel dem Gegner in vielem seelenverwandt. Größe, Perfektion und Intensität der Reize lassen sich durchaus mit Show- und Filmsets vergleichen. Das Gespür für Provokation und das Kalkül öffentlicher Reaktion sind medienberatertauglich.

Den manipulativen Zugriff auf die betrachtende Psyche beherrscht Christoph Büchel auch grandios. Und der Definition nach zählt Kunst sowieso zu den Medien, wie alles, wodurch sich Menschen ausdrücken.

Aber damit ist man bei dem entscheidenden Unterschied: Es geht nicht ums Medium, es geht um die Botschaft. Und Büchels Botschaften sind so aufregend, anregend und komplex, dass auch die bösen Medien darüber berichten müssen - ob Büchel sie nun mag, oder nicht, ist letztlich völlig egal.

Ausstellung: bis 18. April in der Wiener Secession.

Internet: www.secession.at

Bildunterschrift:

Für die Installation "Simply Botiful" (2006) stellte Büchel in London einen Sweatshop nach, der hinter einem Import- Export-Laden mit Computerschrott versteckt liegt

Wahrheitspuzzle:

Mit der Installation "Deutsche Grammatik" (2008, links) in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel greift Büchel ein Motiv der Wende-Zeit auf, als auf einer Leipziger Kegelbahn die ersten geschredderten Stasi-Akten ausgewertet wurden; bei "Close Quarters" (Kunstverein Freiburg, 2004, rechts) rekonstruiert er beengte Wohnverhältnisse im Auffanglager für Asylbewerber

Büchels Installationen sind wie realistische Animationen gesellschaftlicher Schattenseiten

Die Installation "Tribunal" (links)

2007 im Kunstmuseum Basel bezieht sich auf Gerichtsverhandlungen im USGefangenenlager Guantanamo; "Hole" (2005, rechts) erinnert an die kriminalistische Spurensuche an einem gesprengten Bus

Die moralische Wasserscheide zwischen gut und böse interessiert Büchel offensichtlich nicht

Kaputte Welt: In der Gruppenausstellung "Superdome" im Palais de Tokyo in Paris, die sich mit der Flutkatastrophe in New Orleans beschäftigte, begrub Büchel 2008 mehrere Räume unter einer Müllhalde, die "Dump"-Räume waren durch ein Abwasserrohr begehbar

Sein Gespür für Provokation und die öffentliche Reaktion darauf sind medienberatertauglich