Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 43
Lob der Hässlichkeit
Von Thomas Wagner
Auch wenn heute wieder gern von Schönheit gesprochen wird (siehe Titelgeschichte Seite 18), in der zeitgenössischen Kunst dominiert eher das Monströse, Gemeine oder Aggressive - und das ist gut so, meint
Hässlich, das ist es! Kollaps, Katastrophe, Apokalypse, Splatter- Filme - dem Hässlichen gehört die Zukunft, daran kann es keinen Zweifel geben. Schönheit, wenn ich das schon höre. Schönheit? Was soll das sein, in diesen düsteren Zeiten? Bei dem Wort, ich weiß, denken viele sofort an Body Shape, Heidi Klum oder George Clooney. Wer sich von eisigem Gouvernantencharme oder der geschäftstüchtigen Botox-Industrie angezogen fühlt, bitte schön. Ich halte mich lieber an die Kunst, und dort regiert so wenig die Schönheit wie in unserem Alltag, der nicht minder angefüllt ist von Disharmonie, Formlosigkeit, Grobheit, Intrige, Gier und Schrecken.
So gesehen bleibt das Schöne nichts als eine Chimäre, der wir ohnmächtig hinterher jagen, ein Versprechen, das selten einmal eingelöst wird. Das Hässliche ist die Regel, das Schöne die Ausnahme.
So sieht es aus. Was unsere Welt beherrscht, ist das Hässliche in seinen vielfältigen Gestalten, zu denen all das gehört, was wir als abscheulich, entsetzlich, monströs, ekelerregend, entstellt, gemein, widerlich oder fürchterlich empfinden.
Seit alle Verbindlichkeiten dahin sind, erweist sich auch die Kunst, ehemals bevorzugter Ort der Schönheit, bei genauerem Hin sehen als Hort des Hässlichen und Drastischen. Beispiele gefällig? Die Futuristen kämpften mutig und voll Irrwitz für das Hässliche und gegen die Falschheit des Mondscheins, weil sie partout Veränderungen provozieren wollten.
Die Dadaisten blickten in die grotesk-hässliche Fratze des Krieges und "jedes Erzeugnis des Ekels" war ihnen, wie Tristan Tzara in seinem Manifest von 1918 schreibt, recht, um der selbstgefälligen Aggressivität des Bürgers eins auszuwischen. Marcel Duchamp, der seine Stimme immer gegen die Herrschaft des Geschmacks erhoben hat, versah sogar die Mona Lisa, Inbegriff des Schönen bis heute, mit einem Schnurrbart. Die deutschen Expressionisten malten je de Menge abstoßender oder zerfetzter Körper und fratzenhafter Gesichter, um das Elend und die Verdorbenheit der bürgerlichen Welt zu kritisieren, und auch die Surrealisten machten aus ihrer Vorliebe fürs Monströse keinen Hehl.
Oder nehmen wir Picasso. Glauben wir allen Ernstes, Gemälde wie "Guernica" seien unseren Vorfahren nicht scheußlich vorgekommen, nur weil wir uns inzwischen daran gewöhnt haben, ihren Anblick zu ertragen? Fest steht: Die Avantgarden der Vergangenheit feierten fast alle den Triumph des Hässlichen. Und heute? Hat sich, wo doch wieder so gern von Schönheit gesprochen wird, tatsächlich etwas daran geändert, dass Kunst der Verlogenheit des Schönen in einer hässlichen Gesellschaft widerspricht und das als hässlich Verfemte zu ihrer Sache macht? Finden wir den Inhalt eines bürgerlichen Abfalleimers, den Arman uns vorhält, oder ein zerwühltes Bett von Tracey Emin tatsächlich schön? Oder einen von Fliegen bedeckten, langsam verrottenden Tierkopf von Damien Hirst? Was ist schön daran, wenn Paul McCarthy einen riesigen aufblasbaren Scheißhaufen mitten in der Stadt platziert oder Marina Abramovic´ mit der Bürste einen stinkenden Haufen Rinderknochen putzt, um an das Menschenschlachten auf dem Balkan zu erinnern?
Nein, es wird so bald nichts werden mit den Versprechen der Schönheit. Auch wenn sich Museum und Kunstgeschichte seit Beginn des 20.
Jahrhunderts noch so viel Mühe geben, dem, was wir als abstoßend empfinden, die Spitze zu nehmen. Es sind die nicht mehr bürgerlichen, schmutzigen Ecken und Winkel der Kulturindustrie, aus denen hervorquillt, was sich nicht ungeschehen machen lässt: Gewalt und Schrecken.
Selbst wenn noch so viele Tabus aufgerichtet werden, die es verbieten, etwas als hässlich zu bezeichnen: Es lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Wollen wir es überwinden, müssen wir ihm zuerst ins Gesicht schauen. Dabei werden wir merken, wie sehr wir es brauchen, weil es uns zwingt, die Widersprüche und Abgründe unseres Lebens auszuhalten.
Mehr als die Bewunderung des Schönen schärft heute das Erlebnis des Hässlichen Sinn und Verstand. Es impft uns gegen den allgegenwärtigen Kitsch und macht uns wach. Sei es auch noch so ekelerregend, dafür muss es gelobt werden.
ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Mehr als die Bewunderung des Schönen schärft heute das Erlebnis des Hässlichen Sinn und Verstand.
Es impft uns gegen allgegenwärtigen Kitsch
