Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 32-42

Marrakesch, mon amour

Von Gerhard Mack

Yves Saint Laurent (1936 bis 2008) gilt als wichtigster Modedesigner des 20. Jahrhunderts. Dass er sich zeichnend auch als Künstler sah, war nur wenigen bekannt. art zeigt exklusiv eine Auswahl von Blättern aus einem bisher unbekannten Konvolut - in Marokko zelebrierte der große Designer seinen privaten Traum vom Orient

Drogen, Partys und Sonne, so stellt man sich das Leben eines Luxushippies vor. Die Freunde kommen, "Rauch steigt in den blauen Himmel von Marrakesch, perlt um die glücklichen Gesichter und umrahmt sie mit einem dunstigen Schein. Die Sonne wandert über die Geländer der Pergola, der Pfefferminztee verströmt sein frisches Aroma, das Kupfer des Tabletts und der Teekanne überstrahlen die ausgewaschenen Streifen des Teppichs. Schwebend zwischen Himmel und Erde treiben wir zum Klang von Debussy auf einem Pianola." Als der 35-jährige Yves Saint Laurent diese Stimmung 1970 in Marrakesch in sein Tagebuch notiert, verkörpert er wie kaum ein anderer das Lebensgefühl einer Generation. Er ist weich wie die Luft in Oran, der algerischen Stadt seiner Kindheit; er experimentiert mit Drogen und jettet bei jeder Gelegenheit zur Hippie- Destination Marrakesch. Dort schlägt er sich mit Talitha und J. Paul Getty, einem Sohn des Ölmagnaten, Tage und Nächte um die Ohren. In New York und Paris zieht er mit Andy Warhol durch die Clubs. Paloma Picasso ist oft mit von der Partie, Catherine Deneuve steht ihm auch in schweren Zeiten bei. Er ist schön, schräg und nicht fassbar.

Mit 19 hatte seine Karriere bei Christian Dior in Paris begonnen, seit den späten fünfziger Jahren beherrscht er die internationale Mode.

Yves Saint Laurent hat den Frauen mit dem Hosenanzug und dem Smoking Kleidung für ihr neues Selbstbewusstsein geschenkt, mit Models aus verschiedenen Kulturkreisen die Vorstellungen von Schönheit erweitert und nackte Brüste durch eine transparente Bluse schimmern lassen. Er bediente sich für seine Frauendesigns im Kleiderschrank der Männer und entwarf die Samtjacken und Kettengürtel seiner ersten Männerkollektion so, als wollte er Frauen dafür begeistern. Bianca Jagger schickte er im weißen Hosenanzug vor den Traualtar mit Mick, und wenn es schon ein Brautkleid sein musste, stickte er dem Patchwork-Gewebe das Motto auf "Love Me Forever Or Never". Er war der Couturier des Pop, und weil dieser alles für alle fordert, lancierte Saint Laurent als erster Designer aus dem exklusiven Pariser Modezirkel sein eigenes Label für Kleider von der Stange. Die modebewusste Jugend reißt die Prêt-à-porter- Stücke von "Rive Gauche" aus den Regalen, als ab 1966 Boutiquen eröffnet werden.

Miuccia Prada, damals noch Dramaturgiestudentin in Mailand, trägt sie beim Verteilen von Flugblättern.

So viel Instinkt für den Zeitgeist kostet Kraft. Erschöpfung, Depressionen und Drogenexzesse wurden zu Kehrseiten des Erfolgs, das Haus in Marrakesch zum Refugium vor der Hektik des Modegeschäfts. Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, der die Firma leitete, hatten es 1967 gekauft. Dass sein Name Dar el-Hanch "Haus der Schlange" bedeutet und diese von Anfang an in dem verschlungenen Logo aus seinen Anfangsbuchstaben enthalten war, hat Yves Saint Laurent immer wieder fasziniert. Sie kehrt im Tagebuch von Marrakesch ebenso häufig wieder wie das Bedürfnis nach Ruhe im Schweben und Gleiten.

Das Journal ist bisher der Öffentlichkeit nicht bekannt. Es zählt zu einem Konvolut von über 360 Blättern, die Yves Saint Laurent zwischen 1990 und 1992 einem Mitarbeiter der Firma schenkte, zu dem er in dieser Zeit ein Liebesverhältnis unterhielt.

Als der Empfänger eines Morgens erwachte und der große Couturier mit einer Vase über ihm stand, um sie auf ihm zu zertrümmern, trennte er sich und zog nach Südfrankreich.

Die Beziehung ließ tiefe Spuren zurück, er trudelte durch Krisen und fand materiellen und seelischen Halt an einem badischen Investor, der in Monaco Geschäfte machte. Diesem schenkte er das Konvolut weiter, um sich von der Vergangenheit zu befreien; beide ziehen es auch heute noch vor, nicht an die Öffentlichkeit zu treten.

Das Auktionshaus Sotheby's hat die Arbeiten geprüft und ihre Echtheit bestätigt. In art wird eine Auswahl davon nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Zeichnungen und Collagen zeigen Teile des privaten Unterfutters des großen Couturiers. Auf ihnen begegnet man den Abstürzen ebenso wie den Rettungsversuchen und Befreiungen. Erfolg und Verzweiflung stehen nebeneinander. Die Obsession durch die Mode tritt bruchlos neben diejenige für den Körper. Yves Saint Laurent stellt sich als Totenkopf dar, wenn er in einer suizidalen Stimmung gefangen ist, er feiert sein geliebtes Marokko mit den schönen jungen Männern und der nordafrikanischen Atmosphäre seiner Kindheit, und er badet in erotischen Fantasien. Nicht zuletzt gibt er auf den Blättern seinen Träumen von einer künstlerischen Welt Raum, der er sich zugehörig fühlt, für die ihm der Alltag der Modebranche aber nur begrenzt Zeit lässt.

Bereits sein Lehrmeister Christian Dior hatte den jungen Mann gewarnt, er müsse sich Alternativen suchen, welche die Fantasie anders fordern als die Mode. Für Yves Saint Laurent war diese andere Welt das Theater. Von der Bühne und ihrer Pracht war er bereits als Kind fasziniert. Er baute sich zu Hause sein eigenes Theater. Die Mutter besuchte Vorstellungen im heimischen Oran. Als der 13-Jährige sie in Molières "Schule der Frauen" mit Louis Jouvet in der Hauptrolle und einem Bühnenbild von Christian Bérard begleiten durfte, träumte er davon, selbst einmal solche Ausstattungen zu entwerfen. 1959 war es so weit. Der junge Choreograf Roland Petit bat ihn in Paris, sein neues Ballett "Cyrano de Bergerac" auszustatten. Das Ergebnis begeisterte beide so, dass sie für viele Jahre zusammenarbeiten sollten. Wenn man in dem vorliegenden Konvolut die Skizzen für Bühnenwerke wie Victor Hugos "Lucrezia Borgia" oder ein Ballett zu Lautréamonts "Die Gesänge des Maldoror" anschaut, so zeigen sie eine hohe Sensibilität für den Raum als Ort einer Erzählung. Saint Laurent wollte, dass die Bühne nicht nur das Geschehen umrahmt, sondern selbst einen Teil der Geschichte erzählt, den die Akteure nicht eigens ausdrücken können. Deutlich wird aber auch, wie nahe die freien Entwürfe fürs Theater und diejenigen für die Modekollektionen einander waren. Da ist derselbe Strich, eine vergleichbare Art der Abstraktion und der Verknappung der zeichnerischen Sprache, vor allem aber zeigt sich eine verwandte Auffassung von der Ausstattung als Element in einem lebendigen Umfeld.

Wenn Saint Laurent Kostüme skizziert, stellt er sich die Trägerinnen stets in Bewegung vor. Umgekehrt kleidet er die Bühnenhelden so selbstverständlich, als wären sie Teil unserer Lebenswelt.

Nicht zuletzt ist bei keinem Couturier das Spiel mit Künstlern und Epochen so vielfältig wie bei Yves Saint Laurent. Er applizierte nicht nur Mondrian-Muster auf Kleider, er ließ sie so nähen, dass sie auch flach wie die Gemälde wirkten, wenn sie getragen wurden. Er entwarf eine Kollektion Pop mit Gesichtern und Körperpartien, die sich zu einem Spiel aus Positiv- und Negativformen verbanden. Picasso und Braque inspirierten ihn ebenso wie Velázquez, Goya und van Gogh. Gleich, ob Stoffe und Objekte aus Nordafrika, die Kunst des Abendlandes oder die Lederjacken der Beatniks Ende der fünfziger Jahre: Alles findet in einem großen Bildgedächtnis zusammen, aus dem Yves Saint Laurent schöpfte, ganz ähnlich wie viele Künstler es heute tun, die damit aufgewachsen sind, keine Grenzen zwischen den Bildformen zu ziehen. Er wird zu einem Wegbereiter für die innige Beziehung von Mode und Kunst in den letzten Jahren.

Er und sein Partner Pierre Bergé schätzten Kunst und Design auch privat über alles und zogen an Wochenenden in einem Kaufrausch durch die Pariser Galerien. Yves Saint Laurent liebte es, die Häuser, die sie nach und nach in Marrakesch erwarben, selbst einzurichten, und streifte tagelang durch die Souks der nahe gelegenen Altstadt auf der Suche nach handwerklich schönen Objekten. Die farbige arabische Welt seiner Kindheit sollte einen eigenen Klang entfalten.

Deshalb erwähnt er in seinem Tagebuch aus Marrakesch jede Teekanne und jedes Holzstück. Er will in ihnen eine ganze Kultur verdichten.

Welche Schätze das Paar in seiner Pariser Wohnung in der Rue de Babylone und in verschiedenen Landsitzen angesammelt hatte, konnte die staunende Öffentlichkeit wahrnehmen, als Bergé sie nach dem Tod des Lebenspartners vor einem Jahr durch Christie's in Paris versteigern ließ und dabei mitten in einer der größten Kunstmarktkrisen der letzten Jahrzehnte 374 Millionen Euro erlöste. Kunst war Elixier einer exquisiten Lebenswelt und ein Mittel zur Beruhigung der Nerven zugleich. Damit verband sich der Anspruch, einen artifiziellen Kosmos zu erschaffen, für den sich Yves Saint Laurent Marcel Proust zum Vorbild nahm. Die geschlossene Welt am En de einer Epoche vor 100 Jahren, den damaligen Verlust an Kultiviertheit empfand Saint Laurent als Modell für seine eigene Situation:

Die alte bürgerliche Welt mit ihren klaren Konventionen löste sich auch in Frankreich seit den späten fünfziger Jahren auf.

Die Zukunft gehörte dem Pop, der globalen Kultur, die von Amerika aus ihren Siegeszug antrat.

Mit seinem Status als Symbolfigur des Lebensstils einer Generation engagierte sich Yves Saint Laurent auch für die Emanzipation der Schwulen. Er selbst hatte vom Außenseiterdasein des gehänselten Schülers bis zum späten Geständnis an den Vater kurz vor dessen Tod genügend quälende Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Ächtung seiner sexuellen Orientierung gemacht. Er und Pierre Bergé machten nie einen Hehl aus ihrer Beziehung. Dennoch gab es einen Aufschrei, als Saint Laurent seinen nackten Körper zur Schau stellte. "Ich will einen Skandal", sagte er zu dem Fotografen Jeanloup Sieff, als er 1971 dessen Atelier betrat.

Er hatte ein Parfum für Männer entworfen.

Das war ohnehin schon eine Provokation in einer Zeit, in der das stärkere Geschlecht sich Pitralon auf die Haut schmierte. Dass er für "Pour Homme" nun auch noch nackt werben wollte, forderte das Schicklichkeitsgefühl vieler Zeitgenossen heraus. Der 35- Jährige sitzt mit einem makellosen Körper und langem, gewelltem Haar auf einem Kissen.

Völlig harmlos aus heutiger Sicht. Damals weigerten sich manche Magazine, das Motiv abzudrucken. Für die Schwulenbewegung der siebziger Jahre wurde die Anzeige eine Ikone. Erstmals hatte sich ein schwuler Weltstar nackt für die Öffentlichkeit fotografieren lassen. Und kurz darauf zollte Saint Laurent dem Camp-Stil der Transvestiten Tribut; er hatte ihn in Warhols Factory gesehen, die New Yorker Schriftstellerin Susan Sontag hatte ihn bereits 1964 in ihrem berühmten Essay "Anmerkungen zum Camp" beschrieben: "Es ist gut, weil es scheußlich ist", formulierte die Kulturkritikerin die Maxime des Camp. Und das "Time Magazine" machte denn auch unter der Überschrift "Yves Saint Debakel" den "guten Kumpel" Andy Warhol für den Camp- Einfluss verantwortlich.

Diesem inneren Impuls aus der eigenen Lebensgeschichte gab Yves Saint Laurent auf einem beträchtlichen Teil der Zeichnungen nach, die in dem Konvolut des ehemaligen Geliebten enthalten sind. Da zeichnet und beschreibt er die Minarette der umliegenden Moscheen als rosafarbene Penisse.

Auf Entwürfen für Stoffdekors kringeln sich die Linien zu einem Gewirr erigierter Männlichkeit. Vor allem aber hat er zahllose Blätter mit realen oder fantasierten Liebhabern gefüllt. Ganz im Stil des Porno-Comiczeichners Robert Crumb treten die Männer mit Körpern auf, die aus den Hemden und Hosen platzen. Die Geschlechtsteile können in ihrer Größe mit allem mithalten, was der Taschen-Verlag kürzlich in seinem "Big Penis Book" publiziert hat. Der Fahrer und der Gärtner sind genauso darunter wie der Geliebte, der zufällige arabische Gespiele, der Lebenspartner Pierre Bergé oder der verstorbene Sänger der Rockband Queen, Freddie Mercury.

In endloser Wiederholung entfaltet sich ein Katalog schwuler Kostümierungen, Rituale und Posen, in dem sich der einst schlanke, groß gewachsene Yves Saint Laurent so sehr wieder fand, dass er die Blätter immer wieder einmal veröffentlichen wollte, wie der ehemalige Geliebte ihrem heutigen Besitzer erzählte.

Dass Saint Laurent davor zurückschreckte, mag nicht nur dem Drängen des Partners Pierre Bergé geschuldet sein. Er wollte wohl auch nicht gefährden, was er in den Augen der Öffentlichkeit war.

Er wusste sehr wohl, dass er bei allen Abstürzen, bei aller Abhängigkeit von Tabletten, Alkohol und Drogen zu dem Couturier geworden war, in dem sich die Mode des 20.

Jahrhunderts verkörperte wie in niemandem sonst, nicht einmal in Coco Chanel, mit der ihn eine wechselseitige Verehrung verband. Er hatte der Frau, die Christian Dior und Coco Chanel befreit hatten, die Hosen angezogen, er hatte seit den späten fünfziger Jahren Entwicklungen der Zeit vor allen anderen gespürt und in seinen Mode- Entwürfen und Parfums zum Ausdruck gebracht. Was auf der Straße geschah, übersetzte er in kostbare Garderoben, um diese dann als erster Couturier in Prêt-à-porter- Boutiquen als Kleider von der Stange zu demokratisieren. Und er beharrte auf hoher Handwerkskunst, edlem Schnitt und klassischer Würde, als die Haute Couture am Ende war und eine neue Generation nur noch für die schnelle Gegenwart produzierte.

Er war der Klassiker, der Leuchtturm der Mode des Jahrhunderts, an dem sich alle ausrichten konnten. In seinen Zeichnungen ist viel davon zu spüren.

Bildunterschrift:

Das berühmte Skandalfoto: 1971 warb YSL nackt für das eigene Parfüm

"Marokko, ich liebe dich": Porträt eines Jünglings (um 1980, 30 x 21 cm)

Selbstporträt von vorne und von hinten, aus dem "Marrakesch-Journal"

Entwurf für ein Pop-Poster: "Love 1971" (34 x 24 cm)

Fantasie-Porträt des Queen-Sängers Freddie Mercury (um 1980, 30 x 21 cm)

Alle Blätter auf dieser Seite stammen aus dem "Marrakesch-Journal", einer Art Tagebuch, das im Dezember 1969 entstanden ist

"Eine Gruppe von vier Frauen sitzt vor dem Haus. Das Fieber lässt nach ...", schreibt Yves Saint Laurent im "Journal"

"Grippe, Schnupfen, Angina?" Im Dezember 1969 fragt sich der Modedesigner, woher seine Müdigkeit komme, sobald er endlich Urlaub habe

In seinem Journal kreist YSL meist um sich selbst und seine Befindlichkeit; seine Orientbilder haben eher illustrativen Charakter

Mix aus Kubismus und Pop Art: Posterentwurf (1980, 55 x 39 cm)

Frauenporträt, inspiriert von Matisse (Collage, um 1970, 69 x 50 cm)

Weiblicher Akt, inspiriert von Tom Wesselman (um 1970, 76 x 54 cm)

Kostüm für Zizi Jeanmaire (1973, 50 x 32 cm)

"Frauenköpfe", ein Blatt aus dem Jahr 1966 (50 x 33 cm)

Treffen der Giganten: 1972 unterhalten sich Andy Warhol und Saint Laurent auf einer New Yorker Party

YSL war ein Meister der Adaption: hier ein Jerseykleid mit Mondrian-Mustern von 1965

Catherine Deneuve und der Modedesigner, 1968 nach einer Modenschau in Paris

In Marrakesch rettete YSL den verwilderten Garten des Malers Jacques Majorelle (1886 bis 1962), sein blaues Atelier ist heute ein Museum

In der Pariser Komischen Oper präsentiert YSL 1981 sein Parfüm "Kouros" mit den Ballettlegenden Rudolf Nurejew und Zizi Jeanmaire

Yves Saint Laurent feiert sein geliebtes Marokko mit den schönen jungen Männern und der Atmosphäre seiner Kindheit

In der Pariser Rue de Babylone waren Yves Saint Laurent und Pierre Bergé von Kunst umgeben; 2009 wurden die Werke bei einer spektakulären Auktion im Grand Palais versteigert

Yves Saint Laurent badet in erotischen Fantasien - zahllose Blätter hat er mit realen oder vorgestellten Liebhabern gefüllt