Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 58-65
Roman mit Einhorn und Skateboard
Von Birgit Sonna
Der Berliner Konzeptkünstler Olaf Nicolai lotet in seinen Werken die Grenze zwischen Design und Warenwelt aus. In einer Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau fahndet er jetzt auch nach den Mysterien des Verschwindens
Mythos und Wunderglaube kehren in die zeitgenössische Kunst zurück. Selbst die Konzeptkunst fällt dem neuen Virus anheim.
Wie weit von der Erde entfernt kann man aber Sehnsuchtsbilder projizieren, so dass sie noch magische Wirkung haben? Himmelweit, findet zumindest Olaf Nicolai. Der Berliner Künstler agiert oft am Rande des Sichtbaren und brachte es schon zustande, mit glamourösem Aufwand einen Sternschnuppenregen zum Kunstwerk auszurufen.
Auf der Biennale in Venedig vor fünf Jahren warb er mit Einladungen, Sternkarten, Plakaten und Booklets für Sternschnuppen, die zwischen dem 8. und 13. August um Mitternacht in schönster Fülle zu betrachten sind. Im Visier standen die so genannten "Perseiden", ein scheinbar von dem Sternbild des Perseus abfallen der Regen von Sternschnuppen. "Welcome to ‚The Tears of St. Lawrence'", forderte Nicolai die Biennale- Besucher zu der ortsunabhängi gen Teil habe an dem himmlischen Event auf.
Weil der Märtyrer Laurentius am 10. August seinen Gedenktag hat, bezeichnet der Volksmund die Meteoren auch als Laurentius- Tränen. Das Aufschließen von endlos verknüpften Assoziationsketten durch relativ einfache Kunstgriffe hat bei Nicolai Methode.
"Viele meiner Arbeiten sind eigentlich ein Ready-Made, aber radikalisiert", erklärt er. "Bei einem Ready-Made ver schiebt man gewöhnlich Gegenstände, ich will aber den Rahmen der Betrachtung verschieben. In diesem Moment wird selbst die Wirklichkeit zu einer Parallelwelt." Das Kunstmuseum Thurgau in der Schweiz zeigt jetzt Nicolais saisonale Sternschnuppenregenvision für fünf Jahre als Leihgabe und hat damit eine Art Präzedenzfall für den künftigen Umgang mit "kosmologischer" Kunst geschaffen. In der das Museum beherbergenden Kartause Ittingen finden sich weitere fiktionale Modelle der Weltbetrachtung zu einer Soloschau vereint.
Olaf Nicolai, Mitte der neunziger Jahre zu einem der gefragtesten Künstler aus der boomenden Kunstszene in Berlin-Mitte avanciert, erobert sich langsam, aber sicher den Ruf des Märchenerzählers der zeitgenössischen Kunst. Auf eher verqueren Pfaden kreuzt er durch die Sphären der Kunstgeschichte, entdeckt den Mehrwert einer weitgehend auf Gerüchten basierenden Ausstellung und sucht sich immer stärker als Autor zu entziehen. So feilte er 2009 an der zehnteiligen unter anderem in Berlin und Santiago de Chile angesetzten Ausstellungsreihe "La boule de voyante", deren herausragendes Merkmal darin bestand, dass er nichts als die gefundene Szenerie vorgab. Nicolai möchte eine Art "mentalen Abenteuerroman" mit den Mitteln der Kon zeptkunst schreiben. Die Kunst lebt schließlich von der Kreation eines Mythos. "Mich interessiert, wie Dinge anfangen, so ein eigenes gespenstisches Wesen zu entwickeln, wie sie Zeugen einer ganz eigenen Welt werden." Wer glaubt, dass Nicolais nicht immer fassbare Arbeiten aufgrund ihrer Theorieverliebtheit und zeitweiligen Verdunklungsgefahr unsinnlich wären, irrt. Die von ihm mit gestaltete Monografie von 2003, eine Art Musterbuch mit vielen Gimmicks, war nach kurzer Zeit vergriffen. Ja, und dann gibt es auch eine Reihe Skulpturen, die sich wie Fanale für immer in die Netzhaut eingebrannt haben. So etwa "Die Flamme der Revolution, liegend (in Wolfsburg)" (2002): ein kurviges Skulpturalgebilde, das auf sein betoniertes DDR-Denkmalsvorbild im öffentlichen Raum von Halle (Saale) mit einer Drehung in die Waagerechte antwortete.
Oder das aus einem präparierten schwarzen Pferd hervorgegangene Einhorn namens "La Lotta". Das lebensechte Fabeltier lag 2006 in der Leipziger Galerie Eigen + Art mit halb geschlossenen Augen auf dem Boden und strahlte fühlbar Körperwärme ab.
Graziös, dieser Kniefall eines Märchenwesens vor der Wirklichkeit. Zugleich erbrachte Nicolai den Beweis, dass man Wunder nur am Leben halten kann, wenn sie einem nicht zu nahe kommen. Bei einer messbaren Körpertemperatur von über 42 Grad war "La Lotta" physiologisch gesehen dem Tode geweiht.
Es sind tatsächlich diese kleinen Verschiebungen zwischen Hyperrealismus und Wahngebilde, die Nicolais Umcodierungen des Bestehenden so brisant machen. Auf einem Oberlicht des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin lagen eine ganze Weile ewig grüne Ahornblätter herum. Kein Museumsschild verwies auf Nicolai als Urheber des künstlichen Naturstücks. Das größte Kompliment habe ihm mal ein Besucher gemacht, der bewundernd auf das ausgestreute Blätterwerk über seinem Kopf starrte und sagte: "Wenn das jetzt Kunst wäre, dann wäre es richtig gut." Olaf Nicolai strahlt:
"Genau das ist der Punkt! Wenn du merkst, dass du nur deine Sinne hast, denen du vertrauen kannst, aber die zugleich das Unsicherste und Trügerischste sind." Am Prenzlauer Berg wohnt der Mann, der kunstphilosophische Gedanken so schnell in endlose Schachtelsätze fasst, dass einem fast schwindelig wird. Allein die Bibliothek des 1962 in Halle (Saale) geborenen und im damaligen Karl-Marx-Stadt aufgewachsenen Künstlers hat etwas Manisches an sich.
Die Regale platzen aus allen Nähten, die Bücherstapel am Boden sind mittlerweile meterhoch gewachsen. Ein seltsames Ordnungssystem scheint diese Privatbibliothek zu beherrschen. "Es ist zum Verrücktwerden", sagt Nicolai, "allmählich finde ich mich auch nicht mehr zurecht." Der promovierte Germanist vergleicht seine Kunst zu erzählen mit der experimentellen Literatur.
Während sein gleichfalls berühmter Künstlerbruder Carsten Nicolai immer weiter mit elektronischen Soundräumen an akustische Grenzen vorstößt, lotet Olaf Nicolai den Einbruch des Fiktiven in das Dokumentarische aus. Beide haben bezeichnender Weise nie eine Kunstakademie besucht. Zur "Neuen Leipziger Schule" stehen sie eher im Kontrast, auch wenn Olaf Nicolai in einer sehr frühen Ausstellung bei deren Promoter und Galeristen Judy Lybke einmal sechs Gemälde ausgestellt hat, die alle ihren Abnehmer fanden. Dass er Marx aus dem Effeff kennt, versteht sich. Im Hinblick auf die spätkapitalistische Welt interessiert sich Olaf Nicolai heute dafür, wie die "Ökonomie der Aufmerksamkeit" in unserer Spektakelgesellschaft funktioniert.
Das Ephemere, Flüchtige, Einzigartige und damit nicht Wiederholbare nutzt Olaf Nicolai als verführerisches Mittel. Mehr noch: Er sucht den Wert ins Absurde zu steigern, indem er sein Kunstprodukt zur absoluten Rarität macht und die Zirkulation als Ware unterbindet. Sein neuester Coup ist im Kanton Thurgau zu bestaunen, und zwar bis auf weiteres nur dort. Es handelt sich um das Unikat eines Fotos, das Olaf Nicolai auf den einsamen Spuren des Seemanns Alexander Selkirk 2009 im Südpazifik machte. Das Motiv zeigt den Aussichtspunkt von der Insel Robinson Crusoe, wo der ausgesetzte Selkirk - vermutlich Vorbild des Romanhelden Crusoe - vier Jahre lang verzweifelt nach Schiffen Ausschau hielt. Da das Foto nirgendwo reproduziert werden darf, stempelt Nicolai es zu einer Ikone des Exotismus, zu der man quasi wallfahren muss. Eine Weile schien es, als ob der Documenta-Teilnehmer von 1997 sich als Landschaftsgestalter bewähren wollte. Ein ziemliches Missverständnis! Auch wenn Nicolai hier und da in Parks intervenierte, ein pseudobarockes Labyrinth aus grünen Plastikbesen baute, Bienenhäuser von Architekten kreieren ließ oder schrillbunte Skateboardbahnen entwarf, so ging es ihm immer mehr um den Spalt zwischen Artifiziellem und vermeintlich Natürlichem. In unserer durch und durch ästhetisierten Welt wird das Begehren bekanntlich stark vom Design reguliert. In diesem Sinne blies Nicolai auch einen Nike-Turnschuh zur gigantischen Hüpfburg auf oder stemmte glatte Wohnbühnen nach dem Formenarsenal des konkreten Künstlers Max Bill in den Raum.
Was sich in den letzten Jahren geändert hat?
An den Oberflächen verhandelt Nicolai weiterhin die Welt, aber er klammert blinde Flecken im Wahrnehmungsprozess nicht aus: "Allein eine bestimmte Form erzeugt schon eine Stimmung. Da geht doch schon die gan ze Maschine an Erinnerungen los.
Wenn du die Dinge selbst als starke Zeichen siehst, dann erzählen sie auch eine Geschichte.
Das klingt jetzt wahrscheinlich wie ein neuer Irrationalismus." Während er leicht krause Gedanken wie diese formuliert, überlegt man tatsächlich, ob Nicolai neuerdings esoterisch geworden ist. Aber das ist natürlich Unsinn. Nicolai diagnostiziert ein Gesellschaftssymptom: "Okkultes nimmt immer zu, wenn du es in einer Gesellschaft mit einer Umformatierung von Produktionsstrukturen zu tun hast. Das konnte man auch an den spiritistischen Sitzungen im späten 19. Jahrhundert sehen." Davon inspiriert scheint auch eine Arbeit zu sein, die nun auch im Kunstmuseum Thurgau zu sehen ist. Ein durchgeknallter Scheinwerfer, der sich wie ein Striptease- Girl ekstatisch an einer Stange hochschraubt und dazu sirenenartig aufheult. "Das ist doch die reine Techniknummer", wirft Olaf Nicolai ein. "Toll, wie stark die Leute darauf reagieren, wie ein Wechselspiel zwischen Ding und Betrachter entsteht." Zu befürchten ist, dass Olaf Nicolai sich eines Tages wirklich ganz absetzt und sich der Kunstwelt entzieht. So wie sein Held Alexis Rodakis, dem er 2008 einen auf der Berlinale gezeigten Film widmete. Der einst von Le Corbusier als Modernist gerühmte griechische Architekt Rodakis tauchte ins Nirgendwo ab. Genaueres weiß man nicht, Suizid wird nicht ausgeschlossen. Nicolais Film umkreist in gelassenen Dokumentarbildern das verwitterte Haus des Architekten auf der Insel Ägina. Ein ortsansässiges Medium wurde betraut, sein Sehertum für die poetische Erzählung einzusetzen.
Und kam dabei zu ähnlichen Ergebnissen wie die lückenhafte Künstlerbiografie: Der einsame Architekt war und bleibt eine geisterhafte Existenz. Olaf Nicolai droht: "Davon träumt letztlich jeder: So zu verschwinden, dass man immer anwesend bleibt." Ausstellung: Olaf Nicolai: Mirador. Rodakis - Selkirk - Samani, Kunstmuseum Thurgau, Warth, bis 11.
April. Katalog: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, erscheint zur Finissage, zirka 24 Euro. Galerie:
Eigen + Art Berlin/Leipzig, www.eigen-art.com
PORTRÄTFOTO: NINA LÜTH
Bildunterschrift:
Von der experimentellen Literatur lernen: Olaf Nicolai, hier zwischen Bücherstapeln in seinem Berliner Atelier, ist promovierter Germanist
Für die Arbeit "Naturstück" (links) im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin platzierte Nicolai 1997 künstliche Ahornblätter auf ein Oberlicht; das "Labyrinth" (1998, oben) aus grünen Plastikbesen, wie sie die Pariser Straßenfeger verwenden, zitiert barocke Gartenlabyrinthe
"Viele meiner Arbeiten sind radikalisierte Ready-Mades, bei denen ich den Rahmen der Betrachtung verschieben will"
Das Ephemere, Flüchtige, Einzigartige und nicht Wiederholbare nutzt Olaf Nicolai als verführerisches Mittel
Nicolais schwarzes Einhorn "La Lotta" (2006, 153 x 215 x 155 cm) hat eine eingebaute Heizung und vermittelt dem Betrachter dadurch das Gefühl von lebendiger Körperwärme
Kunstspielplatz: Für die Dauerinstallation "Bubblegram. A Street Surfing Painting" (oben) entwarf Nicolai 1999 für Bregenz mit Spezialfarbe auf Bitumen einen knallbunten Skate Park; zur Ausstellung "Rundlederwelten" 2005/06 steuerte er "Camouflage/Torwand 1-3 (Croy, Kleff, Maier)" von 2001 bei
Für "Ritornello", seinen Beitrag zur Sharjah-Biennale 2005, spannte Nicolai Wäscheleinen mit Kleidungsstücken aus Rom und Neapel in die Straßen von Sharjah (links); die Installation "Die Flamme der Revolution, liegend (in Wolfsburg)" (2002) bezieht sich auf ein DDR-Denkmal in Halle (Saale)
In unserer durchästhetisierten, stark vom Design geprägten Welt bläst Olaf Nicolai einen Nike-Turnschuh zur gigantischen Hüpfburg auf
