Ausgabe: 03 / 2010
Seite: 50-57

Weiß und glänzend, heilig und keusch

Von Petra Bosetti

Das Universalgenie Joseph Maria Olbrich war einer der größten Entwerfer des Jugendstils. Er revolutionierte Architektur und Design seiner Zeit, seine Häuser waren bis ins kleinste Detail durchgeformte Gesamtkunstwerke. Das Institut Mathildenhöhe in Darmstadt würdigt ihn jetzt mit einer großen Werkschau

Die Darmstädter nennen ihn stolz ihre "Stadtkrone", der "Hochzeitsturm", 1908 errichtet, ist das Wahrzeichen der hessischen Stadt. Es klingt paradox: Der rote Backsteinturm mit seinen fünf abgerundeten Zinnen war 1908 einerseits ein Geschenk der Gemeinde zur Vermählung des Landesfürsten Ernst Ludwig mit Eleonore zu Solms-Hohensolms- Lich. Andererseits wurde das markante Gebäude ein Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit, für die Überwindung überkommener Formen in Bauwesen und Gestaltung.

Denn das noble Fürstengeschenk krönte eine Siedlung von Künstlern, Architekten und Entwerfern, die der erneuernden Kraft des Jugendstils verpflichtet waren und dem vermieften Historismus dem Kampf angesagt hatten.

Für junge, kunstbegeisterte Menschen wie den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss wurde die Mathildenhöhe damals zu einem "neuen Mekka". Heuss: "Es handelte sich um eine durch und durch individualistische Rebellion gegen die Konventionen in Architektur, in Möbeln, in Tapeten, in allen Gebrauchsgegenständen." Der "Hochzeitsturm" ist aber vor allem die Krönung des Lebenswerks von Joseph Maria Olbrich, einem Universalgenie, das mit nur 40 Jahren starb. In den wenigen Jahren hat Olbrich ein immenses Werk hinterlassen. Er erfüllte geradezu exemplarisch die elementaren Forderungen des Jugendstils nach gestalterischer Erneuerung, die alle Aspekte des menschlichen Lebens und Wohnens durch dringen sollte. Olbrich verband die Schönheit des Ornaments mit der Stringenz neuen Bauens. Er entwarf für Wien mit dem Secessionsgebäude das vielleicht schönste Bauwerk des Jugendstils, in Düsseldorf ist heute noch seine Kathedrale des Konsums, das ehemalige Warenhaus Leonhard Tietz, als "Kaufhof" in Betrieb. Die von ihm gestalteten Alltagsgegenstände vom Teegeschirr über die Sitzgruppe bis zum Konzertflügel gingen zwar auch in Serie, entstanden aber letztlich im Kontext seiner Architektur und waren auf den Besitzer und sein Ambiente zugeschnittene, einzeln gefertigte Kostbarkeiten. 1907 gehörte Olbrich zu den Gründern des Deutschen Werkbunds, der gute Gestaltung, Funktionalität und Materialgerechtigkeit zum zentralen Postulat erhob.

Die Architektur der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe war praktisch allein Olbrichs Werk. Der Architekt Ernst May sah hier Dinge, die er "nur in Traumvisionen und nebelhaften Umrissen" gesehen hatte, hier wurden sie "plötzlich in Stahl, Holz, Stein und Eisen vor meinen Augen zur Wirklichkeit".

Das Ausstellungsinstitut Mathildenhöhe widmet dem Architekten und Entwerfer mit Verspätung eine Retrospektive zum 100. Todestag - basierend auf einem Symposion im Jahr 2008.

Für Joseph Maria Olbrich hatte es schon früh keinen Zweifel daran gegeben, dass er bauen wollte. Am 22. Dezember 1867 wurde er in Troppau (heute Opava in Tschechien) geboren. Der Vater war Konditormeister, Wachshersteller und Besitzer einer Ziegelei in Personalunion. Während die Brüder sich für Torten und Kuchen interessierten, war für Olbrich die Ziegelei faszinierender. Wegen seiner Leidenschaft für alles, was mit dem Baugewerbe zu tun hatte, verließ er das Staatsgymnasium noch vor der Mittleren Reife. Olbrich schrieb sich 1890 in Wien an der Architekturklasse der Akademie der Schönen Künste ein und studierte bei Carl von Hasenauer, einem Vertreter des Historismus.

Dessen Nachfolger wurde Otto Wagner, der zum wichtigen Weg bereiter der Wiener Moderne wurde, Olbrich mit dem neuen Bauen vertraut machte und ihn bald in sein privates Architekturbüro aufnahm.

Während Olbrich 1893/94 ein Rom-Stipendium zu einer ausgedehnten Italienreise nutzte, bekam Otto Wagner den Auftrag, die "architektonische Ausgestaltung" der neuen Wiener Stadtbahn zu übernehmen, "Hochbauten (Stützmauern, Brücken, Tunnelportale, Viadukte, Stationen), Geländer, Gitter und Tore" sowie "Möblierung, Beleuchtung, Heizung, Gepäcks-Auf- und Ausgabe, Fahrkarten-Kontrolle usw.", wie es im Vertrag hieß. Dazu baute Wagner sein Atelier auf rund 70 Mitarbeiter aus und holte den begabten Olbrich als Chefzeichner.

Zu dieser Zeit gärte es in Wien. Junge Künstler und Entwerfer, darunter Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann und Olbrich, gründeten die "Secession", eine Vereinigung, die gegen Konservatismus und Historismus kämpfte und die ähnliche Ziele hatte wie die "Arts and Crafts"-Bewegung in England. Am 26. März 1898 wurde in den Räumen der Gartenbaugesellschaft am Parkring die erste Ausstellung dieser "Vereinigung bildender Künstler Österreichs" organisiert.

Zunächst dachte man noch nicht an ein eigenes Secessionsgebäude. Als aber die Stadt beim Naschmarkt ein Gelände spendierte, brachten die Secessionskünstler das Geld für einen Neubau auf, den Olbrich entwarf und der heute als ein Symbol des Jugendstils gilt - ein architektonischer Traum in Weiß, in dem sich Verspieltheit und Strenge aufs Beste begegnen.

Kernstück ist die filigrane Kuppel mit einem Durchmesser von fünf Metern, die aus goldenen Lorbeerblättern und -beeren zusammengesetzt ist und von den Wienern "Kraut happel" (Kohlkopf) genannt wurde.

Das Äußere des Gebäudes war weiß verputzt (Olbrich: "weiß und glänzend, heilig und keusch"), seine floralen Ornamente waren vergoldet. Unter der Kuppel prangte der Wahlspruch der Secession: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit." Links neben dem Eingangsportal stand "Ver Sacrum" (Heiliger Frühling), und das sollte die Hoffnung auf eine neue Blütezeit der Kunst ausdrücken.

Dieses Gebäude war revolutionär. "Keine Säulenhalle oder wenigstens ein Portal mit aufwändiger Rahmung, nur eine schlichte Tür führt in die Ausstellungsräume", so der Architekturexperte Ulrich Maximilian Schumann im Darmstädter Katalog. Die Mauern "stapeln und überschneiden sich kubisch-tektonisch".

Olbrich selbst schrieb dazu: "Aus einem Chaos von Ideen, einem rätselhaften Knäuel von Empfindungslinien, einem Durcheinander von Gut und Böse entspross es, nicht leicht!" Volkes Stimme reagierte mit Ratlosigkeit und Spott. Man sprach von einer "Kreuzung aus einem Treibhaus und einem Hochofen" oder einer "assyrischen Bedürfnisanstalt".

Fachleute dagegen gerieten ins Schwärmen.

Der Kirchenbauer Otto Bartning (1883 bis 1959) etwa urteilte, Olbrich habe "mit Dieses Gebäude war revolutionär. "Keine Säulenhalle oder wenigstens ein Portal mit aufwändiger Rahmung, nur eine schlichte Tür führt in die Ausstellungsräume", so der Architekturexperte Ulrich Maximilian Schumann im Darmstädter Katalog. Die Mauern "stapeln und überschneiden sich kubisch-tektonisch".

Olbrich selbst schrieb dazu: "Aus einem Chaos von Ideen, einem rätselhaften Knäuel von Empfindungslinien, einem Durcheinander von Gut und Böse entspross es, nicht leicht!" Volkes Stimme reagierte mit Ratlosigkeit und Spott. Man sprach von einer "Kreuzung aus einem Treibhaus und einem Hochofen" oder einer "assyrischen Bedürfnisanstalt".

Fachleute dagegen gerieten ins Schwärmen.

Der Kirchenbauer Otto Bartning (1883 bis 1959) etwa urteilte, Olbrich habe "mit Geist und Förderer der neuen Künste. Er hatte die Wiener Secession und die "Arts and Crafts"-Bewegung in England kennen gelernt und wollte nach deren Vorbild auch in Darmstadt eine Art Secession ins Leben rufen. "Klug genug zu erkennen, dass sein kleines, politisch relativ unbedeutendes Land kaum mit der allgemeinen Industrialisierung würde Schritt halten können, hatte er sich entschieden", so Bärbel Herbig, Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin, "auf das prosperierende Kunsthandwerk zu setzen und zu dessen Förderung eine Künstlerkolonie zu etablieren." Auf der Mathildenhöhe sollte ein Ensemble aus Wohn- und Atelierhäusern entstehen.

Der Herzog selbst wählte die 23 Künstler und den Architekten, Olbrich, aus.

Er hatte dessen Zeichnungen für die Wiener Secessionsausstellung gesehen und "fühlte sofort, da ist etwas Frisches und ganz zu mir Passendes, etwas Sonniges, was ich bei anderen nicht spürte".

Unter Olbrichs Führung veranstaltete die Künstlerkolonie 1901 eine erste programmatische Ausstellung mit dem Titel "Ein Dokument Deutscher Kunst" - eine "erste Bauausstellung auf Dauer mit internationaler Ausstrahlung", so der Architekt und Städteplaner Werner Durth. Olbrichs Konzept war für die Zeit einzigartig und sah die Errichtung einer Mustersiedlung mit bleibenden und temporären Bauten vor. Zu diesem Anlass wurde das Ernst-Ludwig-Haus als gemeinschaftliches Ateliergebäude und geistiges Zentrum der Künstlerkolonie errichtet.

Zudem entstanden vollständig eingerichtete Wohnhäuser, die mit Ausnahme des - allerdings hoch gelobten - Hauses Behrens sämtlich von Olbrich entworfen wurden. Die schmucken Villen waren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der Künstler.

Vor allem waren sie aber auch exemplarische Beispiele für reformiertes Bauen. Einige von ihnen existieren heute noch - darunter Olbrichs eigenes Haus.

Für viele war diese Ausstellung geradezu eine Erleuchtung. Alfred Lichtwark, 1901 Direktor der Hamburger Kunsthalle, konstatierte etwa eine völlig neue Art des Wohnens:

Hatte bis dahin "absolute Banalität" geherrscht, "eins wie das andere für die nackte Nothdurft eingetheilt", so sei hier jeder Raum "für einen ganz bestimmten Zweck in Höhe und Breite zugeschnitten, in Farbe und Einrichtung durchgearbeitet".

Zentrum der Kolonie war das 55 Meter breite, flache, fast schmucklose Ernst-Ludwig- Haus. Nur das von einem Rundbogen überspannte, omegaförmige Portal wies dekorative Elemente auf: Es wurde von zwei Figuren des Bildhauers Ludwig Habich flankiert, in der Nische befanden sich vergoldete Pflanzenornamente.

Zu einem weiteren Meilenstein in der Geschichte der Kolonie wurde die "Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst 1908". Hier wurde erstmals eine Kleinhäuserkolonie realisiert: Der "Ernst- Ludwig-Verein, Hessischer Zentralverein zur Errichtung billiger Wohnungen" hatte die Aufgabe gestellt, Arbeiterhäuser zu entwerfen, die samt Inneneinrichtung nicht mehr als 5000 Mark kosten durften. Von Olbrich stammten die Einfamilienhäuser für Arbeiter der Firma Opel. Er verzichtete erstmals auf die in den Unterkünften der Werktätigen übliche Wohnküche. Statt dessen übertrug er die Idee des dem Großbürgertum vorbehaltenen großen Wohnraums auf die Kleinwohnung. Revolutionär war auch, dass neben zwei Schlafzimmern ein separates Badezimmer existierte.

Der architektonische Höhepunkt der Ausstellung war der markante "Hochzeitsturm".

Der Turm, laut dem Kunsthistoriker Georg Dehio (1850 bis 1932) eine "Inkunabel der Moderne", ist ein 48,5 Meter hoher Bau aus roten, leicht versetzt angeordneten Klinkern, was dem Turm eine lebendige Textur verleiht. Gekrönt ist er von fünf hohen, abgerundeten, zu einer Kaskade gestaffelten Zinnen, die wie die Finger einer Hand in den Himmel gereckt sind. Der Turm trägt die Inschrift: "Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut, das Neue zu wagen. Bleibe treu der eigenen Natur und treu den Menschen, die du liebst." Er war Olbrichs letztes Werk. Der an Leukämie erkrankte Universalkünstler starb wenig später im Alter von nur 40 Jahren.

Ausstellung: Joseph Maria Olbrich 1867-1908.

Architekt und Gestalter der frühen Moderne.

Mathildenhöhe, Darmstadt, 7. Februar bis 24. Mai.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro.

Literatur: "Joseph Maria Olbrich. Ausstellungsarchitektur um 1900". Deutscher Kunstverlag, 2006; "Joseph M. Olbrich 1867-1908", Mathildenhöhe, Darmstadt, 1983

Bildunterschrift:

Der Architekt und Entwerfer Joseph Maria Olbrich, aufgenommen um 1901

Olbrichs Eingangsportal des Ernst-Ludwig-Hauses in Darmstadt, Skulpturen von Ludwig Habich

Für den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss war die Mathildenhöhe ein "neues Mekka", eine "individualistische Rebellion"

Entwurfszeichnung des Treppenaufgangs zur Piazza des Hauses Olbrich

1908 errichtete Olbrich in Darmstadt das Ensemble aus Ausstellungsgebäude und Hochzeitsturm

Noch heute eine Attraktion: das Haus Olbrich auf der Mathildenhöhe, rechts der Eingang

Eine Ikone des Jugendstil-Bauens: die Spitze des Darmstädter Hochzeitsturms, eingeweiht 1908

Ernst Mays architektonische "Traumvisionen" wurden durch die Bauten von Olbrich "Wirklichkeit in Stahl, Holz, Stein und Eisen"

"Chaos von Ideen": Skizzen von Olbrich zum Gebäude der Wiener Secession

Detail der Verzierung auf dem Türsturz über dem Eingang zum Wiener Secessionsgebäude

U-Bahnstation am Wiener Karlsplatz, die Blumenornamente (rechts) stammen von Olbrich

Eines der schönsten Jugendstilgebäude weltweit: die Wiener Secession, eröffnet 1898

Die Fachwelt bewunderte Olbrichs Secessionsgebäude, der Volksmund aber verhöhnte es als eine "assyrische Bedürfnisanstalt"

Entwurf für einen ovalen Tisch

"Mand-Olbrich-Flügel" (um 1901), Holz mit Intarsien aus gefärbten Edelhölzern

Waschtischgarnitur

(um 1902) Steingut

Briefkasten für das Haus Bahr (1900)

Kathedrale des Konsums: großer Lichthof im Warenhaus Tietz, Düsseldorf (1908)