Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 115
Kein Grund, sich zu schämen
Von Gerhard Mack
DEBATTE Der renommierte Architekt und Pritzker-Preisträger Peter Zumthor bezieht Stellung zum Verbot von Minaretten in der Schweiz
art: Herr Zumthor, vor kurzem hat die Mehrheit der Schweizer dafür gestimmt, ein Verbot von Minaretten in die Verfassung aufzunehmen.
Wie erklären Sie dieses Ergebnis?
Peter Zumthor: Unsere Welt globalisiert sich, und Kulturen vermischen sich. Dadurch fühlen sich viele in ihrer Identität bedroht. Wir wissen ja, dass es viel Zeit braucht, bis Menschen herausfinden, dass sie ein Stück von ihrer Freiheit hergeben müssen, damit sie danach auch einen Teil Freiheit behalten können.
Darum geht es für mich in der Diskussion, die sich an diesem baulichen Detail entzündet hat. Nicht darum, ob jemand für oder gegen Minarette ist. Wir müssen herausfinden, wie Kulturen Toleranz entwickeln, vielleicht sogar Freude aneinander finden.
Warum hat sich die Diskussion an einem Baudetail wie dem Minarett festgemacht?
Daran wird die kulturelle Veränderung unseres Alltags nach außen sichtbar. Man kann einen Bau nicht wegdenken. Er steht in der täglichen Welt.
In der Schweiz schämen sich nun viele Bürger wegen der Abstimmung.
Die Schweizer müssen sich deswegen nicht schämen. Dank der direkten Demokratie ist wieder einmal ein in vielen Ländern virulentes Problem öffentlich sichtbar geworden, das man nun angehen kann.
Sie leben hier in Haldenstein, einem alten Dorf bei Chur. Würden Sie hier den Bau eines Minaretts befürworten?
Das weiß ich jetzt wirklich nicht.
Können Sie sich vorstellen, selbst eine Moschee zu entwerfen?
Aber selbstverständlich. Mich in diese Religion und ihren Ritus hineinzudenken, wäre eine wunderbare Herausforderung. Wir Menschen versuchen, uns die Welt zu erklären, dabei gehen wir verschiedene Wege. Wir fragen uns, ob es noch etwas außerhalb dieser materiellen Welt gibt. Das tun alle Religionen, das interessiert mich sehr.
Dass ein Teil der Moslems extrem militant ist, würde Ihre Neugier auf den Islam nicht beeinträchtigen?
Man muss dabei doch die Relationen wahren.
Der allergrößte Teil der Moslems ist meines Wissens nicht militant. Erst wenn ein Anspruch nach Ausschließlichkeit der Wahrheit dazukommt, wird es schwierig. Aber solche Probleme kennen wir doch auch vom Katholizismus, wenn er vorgibt, die allein seligmachende Lehre zu sein und alle anderen im Vorhimmel stehen lässt. Das komplette Interview finden Sie auf www.art-magazin.de/Zumthor
Bildunterschrift:
Peter Zumthor - Schweizer, die gegen das Minarett- Verbot protestieren
