Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 111

Zieht der Staat sich zurück?

Von Heinz Peter Schwerfel

MUSEUMSSTREIK In Frankreich geht es um weit mehr als nur um Stellenabbau

Der Streik an verschiedenen staatlichen Museen in Paris sorgte vor Weihnachten für Schlagzeilen. Anlass der Auseinandersetzung ist ein Sozialplan der Regierung von Präsident Sarkozy, der obligatorischen Stellenabbau im öffentlichen Dienst vorschreibt.

Für jeweils zwei angestellte Staatsdiener, die altersbedingt in Pension gehen, soll nur ein Posten wieder besetzt werden, so würden 33 754 Stellen gestrichen. Vor allem für das Centre Pompidou, in dem 40 Prozent aller Angestellten über 50 Jahre alt sind, eine düstere Zukunftsperspektive.

Während andere Häuser schon nach wenigen Tagen wie der öffneten, spitzte sich der Streik am Centre Pompidou entsprechend zu - die Gewerkschaften setzten Wachen gegen Streikbrecher ein, und die Behörden reagierten spät. Knapp vier Wochen dauerte es, bis das Museum pünktlich vor den Weihnachtsferien den Arbeitskampf beendete, ohne dass etwas über das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Kulturministerium bekannt geworden wäre.

Der Präsident des Centre, Alain Seban, hielt sich auffällig zurück und begnügte sich mit dem Hinweis, dass jeder Streiktag sein Haus 40 000 Euro koste. Diese Zurückhaltung wird als Anzeichen dafür gewertet, dass mehr auf dem Spiel steht als nur Stellen - es geht um den befürchteten Rückzug des Staates aus jener zentralistischen Kulturpolitik, um die Frankreich oft beneidet wurde. Denn noch schützt der Staat seine Museen vor großer Abhängigkeit von Sponsoren, Publikumsgeschmack und Privatsammlern.

Patenschaft des Staates oder Rückzug aus der politischen Verantwortung, Kultur und Bildung als gesellschaftspolitische Notwendigkeit oder Spielplatz marktwirtschaftlicher Interessen - darum ging es im Centre Pompidou.

Bildunterschrift:

Streikende Museumsmitarbeiter vor dem Centre Pompidou in Paris