Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 109

"Etwas mehr Realitätssinn täte gut"

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Sind Verkäufe für Museen eine Lösung?

Friedrich Loock, Professor für Kulturmanagement in Hamburg, bezieht Stellung: art: Um die Museen zu sanieren wird in Hamburg darüber diskutiert, ob Teile der Bestände verkauft werden dürfen, um fehlendes Stiftungskapital aufzubauen.

Wie bewerten Sie die Idee?

Man sollte sie nicht reflexartig mit Tabu belegen. Es muss eine angemessene, kritisch geführte Diskussion über eine Entwicklung geben, die wir nicht aufhalten können. Je aktiver wir uns der Situation stellen, umso besser können wir sie lenken.

Was wären die Kriterien für Verkäufe?

Es kann bei Veräußerungen nicht um Spitzenwerke oder Leihgaben gehen. Aber unter den mehreren hunderttausend Stücken, die etwa das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe besitzt, gibt es Objekte, die nicht unter die Kriterien der Unverkäuflichkeit fallen.

Kunsthallen-Leiter Hubertus Gaßner hat erklärt, so lange er Direktor sei, werde kein Werk verkauft.

Wenn er vom Stiftungsrat den Auftrag erhält, eine Liste von möglichen verkaufbaren Werken zu erstellen, so muss er dies tun. Emotional kann ich seine Reaktion nachvollziehen, doch sollten wir in der Diskussion kühlen Kopf bewahren. Angemessener wäre es, die Diskussion intern mit dem Stiftungsrat und nicht vor versammelter Presse zu führen. Übrigens: Im Dezember wurden in Leiden in Holland Teile der japanischen Sammlung des Völkerkundemuseums versteigert. Der Erlös wird für Neuankäufe verwendet. Das erscheint mir vernünftig.

Verkaufsgegner befürchten einen Verlust des kulturellen Erbes.

Ein Verkauf ist nicht immer automatisch ein Verlust, manchmal kann er auch eine Wohltat sein. Unabhängig davon sehe ich auch in dem Dogma "Bewahren, nicht verkaufen" eine solche Gefahr. Wenn wir alles bewahren, was wir haben, können wir angesichts schrumpfender oder fehlender Ankaufsetats irgendwann keine neuen Exponate mehr erwerben. Folglich könnten auch zeitgenössische Künstler ihre Werke nicht mehr Museen übereignen. Somit würden wir jungen Künstlern die Chance nehmen, Teil des kulturellen Erbes von heute zu werden.

Die Reaktionen auf die Idee waren trotzdem überwiegend negativ.

Insgesamt täte den Museen etwas mehr Realitätssinn gut. Denn in nahezu allen Beständen gibt es Werke, die strahlen, und andere, die das nicht mehr tun. Natürlich könnte es sein, dass sie irgendwann neu bewertet werden, aber wir können nicht rein optional leben. Wenn wir alles mit dem gleichen Bann belegen, tun wir unseren Kindern und Kindeskindern keinen Gefallen. Wir sollten also weniger über das "Ob" und mehr über das "Wie" diskutieren.

Bildunterschrift:

Im Depot des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg (links) herrscht Gedränge. Gleichzeitig fehlt dem Institut (ganz oben) wie auch der Kunsthalle mit der Galerie der Gegenwart dringend Geld - diskutiert wird deshalb der Verkauf von Depotstücken