Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 100-101

Mach dich nackig!

Von Sara Maria Manzo

VORSCHAU Seit jeher steigen die Menschen ins Wasser, um Körper und Seele zu reinigen. Eine umfassende Ausstellung beschäftigt sich nun mit dem Baden in der Kunst

intimacy! Baden in der Kunst Kunstmuseum Ahlen, 31.1.- 25.4.2010

Die Gäste des Badehauses saßen wie immer in den Wasserbottichen, aßen, tranken und turtelten. Von Kleidern, Schmutz und Schweiß hatten sie sich befreit und mit jedem Schluck Wein auch von den Hemmungen. Im Mittelalter badeten die Menschen gern in öffentlichen Anstalten, und das Bad diente oft nicht nur der Körperpflege, sondern auch der Körpernähe.

Die Kirche verdammte die Badehäuser als Bordelle und versuchte, mit Verboten gegen die Lustbäder anzugehen. Künstler wie Albrecht Dürer nutzten die Badeszenen, um den nackten Frauenkörper darzustellen, der ihnen sonst verborgen blieb.

Das Kunstmuseum Ahlen widmet sich vom 31. Januar an für rund drei Monate dem Baden in der Kunst. Unter dem Titel "intimacy!" will die Sonderausstellung einen umfassenden Überblick zur Geschichte der Badekultur geben. Sie beginnt im 15.

Jahrhundert, unternimmt Ausflüge in den Orient und nach Japan, um schließlich in die Gegenwart zu gelangen.

Das Museum hat 140 Ölgemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen (Katalog:

Wienand Verlag, zirka 48 Euro) zusammengetragen.

Die Kuratorin Martina Padberg vereint in der Schau die Arbeiten von 90 Künstlern. Zu ihnen gehören Pierre Bonnard, Edgar Degas, Xenia Hausner, Ernst Ludwig Kirchner, Joseph Beuys, Mary Kelly und Norbert Tadeusz. Berühmte Geschichten aus der Bibel und der antiken Mythologie ranken sich um das Motiv des Badens, verbunden mit der Erotik dieses intimen Moments. Deutlich wird dies zum Beispiel bei "Bathseba im Bade", die heimlich von König David beobachtet wird, oder bei "Susanna im Bade", der sich lüsterne Greise nähern.

In den gezeigten Werken spiegeln sich die verschiedenen Vorstellungen von Körper, Schönheit und Privatsphäre wider. Genauso zeugen sie von Traditionen, Bräuchen und dem Wandel der Badekultur.

Denn als im Mittelalter die Seuchen Syphilis, Pest und Cholera über Europa wüteten, wurden die Menschen wasserscheu.

Nach und nach schlossen bis Ende des 16.

Jahrhundert die öffentlichen Anstalten - zu groß war die Angst, sich mit einer der unheilbaren Krankheiten anzustecken. Das Badevergnügen geriet in Verruf, das 17. und 18. Jahrhundert zum Zeitalter der Katzenwäsche.

Die Menschen rieben ihre Körper bloß trocken ab, puderten sich, übertünchten Schweißgeruch mit Duftwässerchen und setzten auf Fuß- statt Vollbad. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Baden wieder in Mode.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen beschäftigt sich auch mit der Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit, die sich in der Kunst schon früh etwa im Bild des Jungbrunnens ausdrückt. Denn im Wasser badet auch der Geist, reinigt sich die Seele: bei der Taufe, beim rituellen Fuß- und Handwaschen genauso wie in den Wellnessoasen dieser Tage.

Der schutzlose, nackte Körper und die eigene Vergänglichkeit stehen im Vordergrund vieler moderner Arbeiten. Was gilt als Schönheitsideal, fragt die Gegenwartskunst, wo liegen die Moralvorstellungen? Wo lassen sich Grenzen überschreiten und Tabus brechen?

Bildunterschrift:

Von der "Schule von Fontainebleau" inspiriert: "Dupond & Dupont" (2003, 120 x 160 cm) von Qingsong Wang.

Rechts: Studie zu "Mann, der sich das Bein abtrocknet" (1884, 100 x 125 cm) von Gustave Caillebotte

Werkstatt Gerard van Honthorst: "Tod des Seneca" (1623/27, 205 x 264 cm)