Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 98

Die Schönheit des Eros

Von Michael Kohler

VORSCHAU Eine Retrospektive zeigt die gesamte Bandbreite des Fotografen, dessen Motive Akt, Porträts und Stillleben umfassen

Robert Mapplethorpe NRW-Forum, Düsseldorf, 6.2.-15.8.2010

Beim Anblick einer Blüte denken wohl die wenigsten daran, dass sie eigentlich ein Geschlechtsorgan betrachten. Im Angesicht eines Stilllebens von Robert Mapplethorpe kommt man um diesen Gedanken hingegen kaum herum. Der 1989 gestorbene Fotograf inszenierte Blüten so kunstvoll, wie er es auch mit den Penissen seiner Aktmodelle tat, und entdeckte in beidem sowohl die Schönheit des Eros wie auch dessen unendliche Vielfalt. Im Zuge eines neuen homosexuellen Selbstbewusstseins machte sich Mapplethorpe das florale Formenspiel selbst dort zum Verbündeten, wo er Sadomaso- Praktiken ins Bild setzte. Seht her, bedeutete er dem Publikum, was ihr abartig nennt, ist natürlich und schön! In den USA allerdings wurden bis zum Ende des 20.

Jahrhunderts Ausstellungen seiner Fotografien boykottiert, zensiert oder geschlossen.

Kunstgeschichtlich gesehen ist es ja fast ein Kalauer: Mapplethorpes in formaler Hinsicht wichtigster Wegbereiter, Edward Weston, verhalf in den dreißiger Jahren der "straight photography" - einer sachlichen Fotografie, die ohne technische Manipulationen die Realität abbilden wollte - zu Popularität.

"Straight" ist bei Mapplethorpe inhaltlich vor allem die Beschränkung auf die Themenkreise Akt, Porträt und Stillleben sowie die formale Meisterschaft, mit der er Oberflächen in feine Schattierungen zerlegt und Körper mit dem Lichtstrahl aus dem Dunkel meißelt. Offenkundig "gay" sind hin gegen seine Objekte: muskulöse Männer leiber, explizite Sexualpraktiken, die entblößen de Selbstdarstellung als Akt der Emanzipation.

Nach seinem Tod wurde Mapplethorpe des wegen als Chronist einer dem Untergang geweihten Schwulenszene betrauert, und dann, mit etwas zeitlichem Abstand, als Bewahrer eines antiken Schönheitsideals gefeiert. Im Düsseldorfer NRW-Forum (Neuauflage: The Black Box. Schirmer/Mosel Verlag, 29,80 Euro) ist nun die ganze Bandbreite seines Werks zu sehen: Die Auswahl von 150 Bildern stammt aus der New Yorker Robert Mapplethorpe Foundation und setzt mit den Polaroids ein, die der Kunststudent in der ersten Hälfte der siebziger Jahre schoss.

Neben Ikonen wie dem späten "Selbstporträt mit Totenkopf" werden zahlreiche bislang nie oder nur selten veröffentlichte Arbeiten gezeigt.

Bildunterschrift:

Zeugnis homosexuellen Selbstbewusstseins: "Lowell Smith" (1981). Rechts:

"Papageientulpen" (1988)