Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 99
Ikonen der Leere
Von Sandra Danicke
KRITIK Radikaler als Warhol: In einer faszinierenden Doppelausstellung ist der jung gestorbene Künstler als Vorreiter der Pop Art wiederzuentdecken
Peter Roehr. Werke aus Frankfurter Sammlungen Museum für Moderne Kunst /Städel-Museum, Frankfurt, 28.11.-7.3.2010
Als Andy Warhol 1962 das vervielfältigte Bild einer Suppendose auf Leinwand druckte, presste Peter Roehr einen Drucksache- Stempel 627 Mal auf ein Stück Papier.
Auch 1964, als Warhol aus vier verschiedenen Zeitungsfotos von Jackie Kennedy den Siebdruck "Sixteen Jackies" kreierte, wählte Roehr eine radikalere Methode: Er schnitt 21 Maxwell-Kaffeedosen-Fotos aus Werbeprospekten und setzte sie zu einem vibrie renden Ornament zusammen, das man zunächst als Ganzes wahrnimmt und erst auf den zweiten Blick als Summe identischer Teile erkennt.
Anders als Warhol blieb Peter Roehr, der 1968 mit nur 23 Jahren an Krebs starb, dem breiten Publikum unbekannt. Dabei schuf er in seiner kurzen Karriere ein bemerkenswert konsequentes OEuvre. So elegant die Ergebnisse anmuten, so simpel ist die Vorgehensweise:
Der Frankfurter Künstler konfrontierte Bilder und Slogans aus Werbung und Spielfilm schlicht mit sich selbst. Und zwar genau so häufig, dass das Einzelbild als solches präsent bleibt, zugleich in der Masse auf geht und ein mysteriöses Gleichgewicht zwischen Positiv- und Negativformen entsteht.
Sein Konzept der seriellen Montage von Streichholzschachteln, Werbebildern, Bierdeckeln oder Schreibmaschinenbuchstaben ist umso bemerkenswerter, als es in einer Zeit entstand, in der die individuelle Geste den Kunstmarkt beherrschte. Roehr hingegen machte die Hierarchie- und Bedeutungslosigkeit der einzelnen Formen zu seinem Prinzip; seine Bilder und Filmloops kennen kein Zentrum und keinen Spannungsbogen.
Gesammelt wurden die Werke Roehrs vor allem in seiner Heimatstadt, vornehmlich vom Museum für Moderne Kunst (MMK), aber auch vom Städel und diversen Privatsammlern, deren Schätze jetzt in einer faszinierenden Doppelausstellung zu sehen sind (Katalog: Michael Imhof Verlag, 24,90 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro). Während im MMK aus Werbematerial geschaffene Foto- und Filmmontagen Roehr als Vorreiter der Pop Art präsentieren, zeigt ihn die Schau im Städel-Museum eher als Protagonisten von Minimal Art und Konzeptkunst.
Zentrum sind hier die unlängst erworbenen, aus unbeschrifteten Preistafeln zusammengesetzten "Schwarzen Tafeln": und des Warenalltags, Bilder von geradezu hoheitsvoller Schlichtheit und Stringenz.
Bildunterschrift:
Blick auf einige der seriellen Bilder von Peter Roehr im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt
