Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 108
Hintertürchen
Von Till Briegleb
STREITFALL Hamburgs große Museen plagen immense Finanzprobleme - nun ist eine erhitzte Debatte über mögliche Verkäufe von Depotstücken entbrannt
Die Situation ist absurd. Da ist ein Museum einer der größten Leihgeber für eine spektakuläre Schau in London und kann es sich trotzdem nicht leisten, diese Ausstellung zu übernehmen.
Für den Epochenüberblick "Postmodernism", der im Victoria & Albert Museum 2011 ansteht, gibt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe etliche Exponate. Die 200 000 Euro, die eine Tourneestation in Hamburg kosten würde, entspricht aber dem kompletten Ausstellungsetat des Museums.
Dass Direktorin Sabine Schulze die Schau in ihrem Haus absagen muss, obwohl sie in zwei Jahren vielleicht Sponsoren und riesigen Zuschauerzuspruch finden und das Geld wieder einspielen würde, hat einen spezifischen Grund: Risiko kann sich in Hamburg gerade keiner leisten.
Im Dezember 2007 sind die damals hoch defizitären städtischen Museen mit 13,6 Millionen Euro entschuldet und ihre Betriebskostenzuschüsse leicht angehoben worden, in der Hoffnung, sie perspektivisch zu sanieren.
Zwei Jahre später stehen bereits wieder 6,3 Millionen Euro neuer Schulden zu Buche.
3,15 Millionen Euro davon entfallen auf die neu gegründete Stiftung Historische Museen Hamburg, in der eigentlich zur Effizienzsteigerung vier stadtgeschichtliche Museen vereinigt wurden, 2,3 Millionen Euro auf die Hamburger Kunsthalle.
Will man nicht populistisch stänkern, die Künstler könnten eben nicht mit Geld umgehen, dann findet man sich bei der Ursachenforschung schnell in einem Dickicht aus Schuldzuweisungen, Unfällen, Strickfehlern und Bürokratie wieder, wo niemand dem anderen an den Karren fahren möchte. Ausfall von Sponsorengeldern, falsche Berechnungsgrundlagen, unwillige Mitarbeiter, mangelnde Kontrolle und falsche Besuchererwartungen addieren sich zu hohen Mehrkosten, aber auch zu gegenseitigem Verständnis für die Probleme einer Museumsführung, die mit Strukturen einer Behörde wie ein Wirtschaftsunternehmen funktionieren soll. Auf einen Hauptgrund für die chronische Krankheit des Hamburger Museumssystems aber können sich alle einigen:
Die Institutionen sind selbständige Stiftungen, besitzen aber nur ein Kapital von 51 Cent.
Während andere Stiftungen von den Erträgen ihres Kapitals leben, dieses aber auch beleihen können, besitzen die Hamburger Museumsstiftungen nichts. Ihre Werte, die Kunstschätze, gehören weiter der Stadt, deren Zuwendungen reichen nur für die laufenden Betriebskosten, ihren Mitarbeitern, weiter halbe Staatsangestellte, dürfen sie nicht kündigen, Mittel für Ausstellungen müssen sie woanders einwerben.
Und "woanders" ist im Moment ein Wort aus dem Abrakadabra.
Das Einwerben von Drittmitteln (bei Sponsoren und Stiftungen) sei jetzt meist "entwürdigend und fruchtlos", so ein Museumsverantwortlicher.
Die Wirtschaftskrise nimmt die Museen von drei Seiten in die Zange.
Der Stadtstaat muss wegen Ausfällen 710 Millionen Euro bei den Ausgaben einsparen und verlangt von den Museen, Personal abzubauen und sich in der Wirtschaft Geld für Ausstellungen zu besorgen. Die Wirtschaft hat gerade andere Sorgen. Und die Zuschauer zahlen nicht mehr zehn Euro Eintritt allein für den Besuch der Sammlung.
Es ist also kein Wunder, dass Sabine Schulze offen und ihre Hamburger Kollegen verdeckt einen Tabubruch fordern. Verkauf von nie gezeigten Depotstücken und Doubletten zum schrittweisen Aufbau eines Stiftungskapitals scheint ihnen eine vernünftige Option, damit die Museen kreative Flexibilität entwickeln können. Obwohl es auf diesen Vorstoß zunächst nur Dementis hagelte, stecken diese voller . Denn kategorisch abgelehnt werden von Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck wie auch von angesprochenen Direktoren und Geschäftsführern nur Verkäufe zum Stopfen von Haushaltslöchern.
Alles andere kann "geprüft" werden. Diese weiche Haltung hat gute Gründe, denn die Situation, wie sie ist, ist extrem risikobehaftet, wie das Beispiel Hamburger Kunsthalle zeigt. Das Millionendefizit von 2009 ist dort größtenteils durch abgesprungene Sponsoren entstanden.
Die Highlights von 2010, eine Ernst-Ludwig-Kirchner- und eine Philipp-Otto-Runge- Ausstellung, sollen aber wieder Sponsoren finanzieren. Will man aus dieser fatalen Abhängigkeit raus, brauchen die Museen eigene Mittel, sprich: Stiftungskapital.
Ein Blick in den Keller sollte da vernünftig erwogen werden dürfen. TILL BRIEGLEB
