Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 74-79

Reisende zwischen den Welten

Von Kerstin Schweighfer

Mit eindringlichen Filmporträts schlägt Fiona Tan Brücken zwischen Raum und Zeit. 2010 hat die hoch gelobte Videokünstlerin gleich drei große Ausstellungen

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Regungslos sitzt das Mädchen auf der Bettkante, zwischen sorgfältig drapierten Tüchern und Decken.

Auch das Licht, das schräg von hinten hereinfällt und seinen Rücken zu streicheln scheint, erinnert an die Gemälde holländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert.

In Gedanken versunken starrt es vor sich auf den Fussboden, so wie die jungen Frauen auf den Werken von Jan Vermeer oder Gerard Dou, die gerade einen Liebesbrief bekommen haben. Nur die Finger seiner rechten Hand, die über die Strumpfhose streichen, verraten, dass es bei diesem Ausschnitt aus "Provenance" nicht um ein Foto geht, sondern um einen Film.

"Wenn ich filme, bin ich auch am Fotografieren", sagt Fiona Tan. Die 43-jährige Künstlerin lässt die Grenzen zwischen Film und Fotografie verschwimmen. "Ich bin eine filmende Fotografin - oder eine fotografierende Filmemacherin", erklärt die zierliche Frau mit den wachsamen hellbraunen Augen und begibt sich ans andere Ende ihres weiträumigen Amsterdamer Ateliers, um eine Kanne Tee zu kochen.

Die Tochter eines chinesischen Vaters und einer australischen Mutter, die in Indonesien geboren und in Melbourne aufgewachsen ist, lebt seit mehr als 20 Jahren in Amsterdam und gehört zu den besten Videokünstlern der Welt. Mit ihren gefilmten Porträts von Passanten, Freunden oder Bekannten schlägt sie Brücken durch Raum und Zeit.

Oft kombiniert sie diese Porträts mit Aufnahmen von selbst inszenierten Stillleben oder Filmmaterial aus Archiven. In ihrer Arbeit "Rise and Fall" sind sowohl Aufnahmen einer alten Frau zu sehen, die über ihr Leben nachdenkt, als auch Bilder von aufgewühlten Ozeanen. In "Disorient" tauchen Landschaften aus jenen Ländern auf, die Marco Polo einst bereiste, während auf einer zweiten Leinwand ein Stillleben voller exotischer Waren zu sehen ist, auf die er während seiner Reisen traf. Und für "Provenance", einer Auftragsarbeit für das Amsterdamer Rijksmuseum, tauchte Fiona Tan monatelang ab in die Depots des Instituts, um dann Menschen auf den Werken alter niederländischer Meister ins 21. Jahrhundert zu holen. Dazu filmte sie sechs Personen aus ihrer Umgebung - darunter ihren türkischen Gemüsehändler, eine Schülerin, ihren kleinen Sohn Niels und ihre Schwiegermutter - im Stil der niederländischen Porträtmalerei des Goldenen Zeitalters: Haltung, Komposition und Lichteinfall sind so, als hätten Rembrandt oder Vermeer Regie geführt.

"Provenance" war zusammen mit "Disorient" und "Rise and Fall" auf der letzten Biennale in Venedig zu sehen, wo Tan die Niederlande vertrat. Die drei Filme dauern zusammen immerhin gut eine Stunde, doch viele Besucher im niederländischen Pavillon nahmen sich diese Zeit. Tans Beitrag wurde mit Lob überhäuft. Museen wie die Tate Modern in London, die Pinakothek der Moderne in München und das Amsterdamer Stedelijk haben Werke von ihr angekauft.

Bereits 2002 war sie auf der Documenta 11 vertreten und hatte Einzelausstellungen in New York, Los Angeles, Montreal, Tokio und Berlin. Für 2010 plant sie mehrere Ausstellungen, darunter große Schauen im Aargauer Kunsthaus, im Arnheimer Museum für moderne Kunst und in der Sherman Contemporary Art Foundation in Sydney.

Auf Bestellung zu arbeiten, fällt ihr allerdings schwer. Oft vergehen Monate oder Jahre, bis sie überhaupt soweit ist, dass sie eine Idee fassen kann. In dieser Inkubations zeit, wie sie es nennt, taucht sie monatelang in Archive und Bibliotheken ein, um sich von Büchern und Dokumenten inspirieren zu lassen. Dann sucht die kosmopolitische Künst lerin nach Querverbindungen und Anknüpfungspunkten. Wie ein Fischer wirft sie ihre Angel aus und beginnt zu ziehen, so bald sie Widerstand spürt. So stieß sie zu den Vorbereitungen von "Provenance" auf Rembrandts Tochter Cornelia, der sie das Mädchen auf der Bettkante gewidmet hat:

"Ich habe herausgefunden, dass Cornelia mit 16 nach Indonesien auswanderte, wo sie drei Söhne bekam - da bin ich geboren!" Oder die reiche Amsterdamerin Margaretha de Geer, die im 17. Jahrhundert mehrfach porträtiert wurde. Von ihr ließ sich Tan beim Filmen ihrer Schwieger mutter inspirieren.

"Margarethas Söhne ließen in Amsterdam das Trippenhaus bauen, wo ich eine meiner ersten Ausstellungen hatte. Vielleicht hing ihr Porträt dort, wo 400 Jahre später meine Arbeiten zu sehen waren. Das ist doch frappant!" Noch mehr persönliche Parallelen ent deckte sie bei Marco Polo. Der war 42, als er von seinen Reisen zurückkehrte, und 17, als er Europa verließ: "Ich war 42, als ich mit ‚Disorient' begann, und 17, als ich aus Australien nach Europa kam, um Kunst zu studieren!" Das tat sie zunächst ein Jahr lang in Hamburg an der Fachhochschule für Gestaltung.

"Dann wollte ich weiter nach London, aber das Geld reichte nicht." Bei einer Tante in Amsterdam, wo sie unterm Dach schlafen konnte, blieb sie hängen und besuchte die Rietveld-Akademie. Sie liebäugelte mit der Fotografie, "aber es war eine Hass-Liebe-Beziehung. Ich entschied mich für die Malerei und rührte konsequent keine Kamera mehr an." Bis ihr einer ihrer Dozenten in Amsterdam eines Tages mit den Worten "Nimm das mal übers Wochenende mit nach Hause, und spiel damit" eine Videokamera in die Hand drückte: "Seitdem tue ich eigentlich nichts anderes mehr!" Ihre Stimme ist leise und bedacht, auch ihre Bewegungen sind langsam und gleichmäßig.

Fiona Tan strahlt dieselbe Ruhe aus wie ihre Filme. Eine kleine Bewegung mit dem Finger, ein Augenzucken - das ist oft alles, was darin passiert. Umso heftiger ist der Effekt: intensive Momente der Spannung, in denen das Verstreichen von Zeit manchmal geradezu schmerzlich spürbar wird. Die Menschen halten still wie für ein Foto. Doch sie werden gefilmt, die Momentaufnahme hört nicht auf. Die Kamera läuft und läuft und läuft. "Dann gucke ich, was passiert", erklärt Fiona Tan mit einem kleinen Lachen, das durch ihre gelassene Ruhe bricht wie die Sonne durch eine Wolkendecke:

"Ich gucke, wie wir gucken!" Der Betrachter wird bei Tan schnell zum Voyeur. Etwa bei dem Film "Facing Forward", der ihr 1999 den Durchbruch bescherte: Dazu montierte sie enzyklopädisches Archivmaterial von Naturvölkern aus der Stummfilmzeit, das Kamerateams der Kolonialmächte in aller Welt versammelt hatten, aneinander. Gleichermaßen hilf los wie erwartungsvoll lässt sich eine Gruppe von halbnackten Papuas beäugen und starrt den Betrachter aus einer fernen Vergangenheit an - bis dieser geneigt ist, beschämt den Blick abzuwenden. Dieses Archivmaterial faszinierte Tan ganz besonders, denn es wurde noch mit der Hand gedreht: "Die Technik stand damals buchstäblich auf der Grenze von Foto und Film.

Eigentlich ist die Arbeite eine lange Aneinanderreihung fotografischer Momente." Was allen ihren Arbeiten gemein ist: Sie machen uns bewusst, wie sehr die Kamera unseren Blick auf die Wirklichkeit beeinflusst:

"Objektiv sehen ist eine Unmöglichkeit", betont die Künstlerin. "Dazu wird unser Blick zu sehr beeinflusst von allem, was wir gelesen oder gehört haben." Dass er sich darüber hinaus im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert hat, demonstriert die Arbeit "Disorient", die speziell für die Biennale entstand. Auf einer ersten Leinwand ist eine Art Roadmovie zu sehen, auf einer zweiten eine Wunderkammer. Das Road movie entführt uns anhand aktueller Aufnahmen nach China, Irak, Indien oder Afghanistan - alles Länder, durch die Marco Polo gereist ist. Die Wunderkammer präsentiert die Schätze, auf die er dort traf:

Teppiche, kostbare Stoffe, Gold, Silber, Vasen und Lampen. "Er war vor allem Kaufmann", so Tan. "Handel und Waren interessierten ihn viel mehr als Menschen." Wie materialistisch er eingestellt war, bezeugen seine vor 700 Jahren verfassten Reisebeschreibungen.

Passagen daraus sind in "Disorient" zu hören, vorgetragen von der fiktiven Stimme Marco Polos, der so zum Reiseleiter wird.

Das Asienbild Europas hatte sie 2007 bereits in "A Lapse of Memory" thematisiert, einer Arbeit, die bis zum 28.

März im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist. Diesen Film drehte sie in England in einem mehr als 200 Jahre alten Gebäude, mit dem sich König Georg IV., der nie in Asien war, sein Idealbild von China hatte realisieren lassen: "Es stimmt hinten und vorne nicht - eine Art Disneyland auf Chinesisch, aber so kitschig, dass es fast schon wieder schön ist." Bei Arbeiten wie diesen tritt die Chinesin in Fiona Tan in den Vordergrund: "Es hat mich immer mit ganz besonderem Stolz erfüllt, dass auch chinesisches Blut in meinen Adern fließt", sagt sie und hätte fast wieder ihr kleines Lachen auf ihr Gesicht gezaubert.

"Verrückt, oder?" Schließlich ist sie in Australien aufgewachsen, spricht kein Chinesisch, sieht auch nicht chinesisch aus - und fühlt sich nach mehr als 20 Jahren in Amsterdam manchmal holländischer, als ihr lieb ist.

Bester Beweis: das "bakfiets" vor der Ateliertür, ein so genanntes Wannenrad, in dem auch sie, wie es sich für Amsterdams Mütter gehört, gleich ihre beiden Kinder von der Schule abholen wird. Ihretwegen versucht sie, möglichst wenig auf Reisen zu gehen.

Am liebsten würde sie sie jedes Mal mitnehmen.

So wie in Venedig im letzten Sommer:

"Da haben sie eine Woche schulfrei bekommen!" Wie sie es geschafft hat, Presserummel, Präsentationen, Partys und Familie unter einen Hut zu kriegen? "Ganz einfach", schmunzelt Fiona Tan. Da ist es wieder, ihr zauberhaftes, kleines Lachen: "Es gibt ja zum Glück noch Großeltern! Die haben ihren traditionellen Jahresbesuch von Amsterdam nach Venedig verlegt und auf die Kinder aufgepasst."

Ausstellung: "Rise and Fall", 30. Januar bis 18. April, Aargauer Kunsthaus, Aarau; weitere Stationen: Vancouver und Washington DC; "Disorient", 28. März bis 10. Juni, Museum voor Moderne Kunst, Arnheim; "Coming Home", 19.

März bis 12. Juni, SCAF, Sydney Literatur: Kehrer Verlag, 34 Euro. Galerie: Frith Street Gallery, London, www.frithstreetgallery.com

Bildunterschrift:

Für Filmprojekte vergräbt sie sich oft monatelang in Depots und Archiven: Fiona Tan in einer Rikscha im Tropenmuseum Amsterdam

Auf den Spuren von Marco Polo:

Filmstills aus den Videoinstallationen "Disorient" (2009) und "Provenance" (2008, rechts)

"Ich bin eine filmende Fotografin - oder eine fotografierende Filmemacherin"

In Fiona Tans Filmen ist das Verstreichen von Zeit manchmal geradezu schmerzlich spürbar

Intensive Momente der Spannung: Stills aus der Zweikanal-Videoarbeit "Rise and Fall" (2009)