Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 93

Hors d'oeuvre

Von Michael Kohler

Hors d'oeuvre

KRITIK Eine Ausstellung über die Verbindung von Essen und Kunst mit teilweise geringer Haltbarkeit

Eating the Universe. Vom Essen in der Kunst Kunsthalle Düsseldorf, 28.11.-28.2.2010

Kurz nach Eröffnung riecht die gesamte Kunsthalle wie ein umgekipptes Gewürzregal.

Schuld ist Zeger Reyers' rotierende Küche, in der zum Einstand noch für das Publikum gekocht worden war. Seitdem dreht sie sich schleichend um die eigene Achse und zerstört sich in immer neuen Schräglagen unaufhaltsam selbst. Man lernt daraus, dass Reyers offenbar eine Vorliebe für Currygerichte hat und dass spektakuläre Fortschritte in der Ingenieurskunst nicht zwangsläufig zu neuen Erkenntnissen führen:

Schon vor über 30 Jahren leimte Daniel Spoerri Geschirr und Essensreste auf Tischplatten fest und hängte diese als Fanale der Überflussgesellschaft senkrecht an die Wand.

Spoerri tischte in seinem Düsseldorfer Restaurant am Burgplatz als erster die moderne "Eat Art" auf und brachte damit klassische Motive der Kunstgeschichte wie die Vergänglichkeit des Lebens oder die Stofflichkeit der Kunst neu ins Gespräch. Schon des wegen macht die Ausstellung "Eating the Universe" (Katalog: DuMont Buchverlag, 29 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro) vor Innsbruck (Galerie im Taxispalais, 24.4.- 4.7.2010) und Stuttgart (Kunstmuseum, 18.9.2010-9.1.2011) in der Düsseldorfer Kunsthalle Station. Im interessanteren Teil der Schau wird diese regionale Gründungsphase mit Stücken von Spoerri, Dieter Roth oder Joseph Beuys knapp, aber eindrucksvoll rekonstruiert.

Die jüngeren Positionen zum Thema Essen in der Kunst scheinen dafür teilweise von geringer Haltbarkeit. Natürlich gibt es schöne Arbeiten wie Judith Samens minimalistische Reibekuchenwand oder Hinterlistiges wie Carsten Höllers Konsumfallen, in denen Süßigkeiten ihre kindlichen Opfer ins Verderben locken. Insgesamt gilt jedoch: Mehr Hors d'oeuvre als Chef d'oeuvre, was auch daran liegen könnte, dass sich die Kuratoren weniger für die Metaphern des Essens als für die soziale Komponente der (Wohn-)Küche interessieren. In diesem Kunstfeld lässt sich Erstaunliches entdecken, vor allem aber so lange um die Ecke denken, bis man sich im Beliebigen verliert.

Bildunterschrift:

Zeger Reyers' "Rotierende Küche" (2009) neben Judith Samens "Reibekuchenwand" (2002, rechts)