Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 71-72

"Der Charme des Ungeschickten"

Von Barbara Hein, Ute Thon

Wie naiv ist eigentlich die zeitgenössische Kunst? Ein Gespräch mit Walter Grasskamp, Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste München und einer der profiliertesten Kunstkritiker des Landes

BARBARA HEIN\UTE THON

art: Wann haben Sie zuletzt ein naives Bild im Museum gesehen?

Walter Grasskamp: Der Begriff der naiven Kunst ist selber naiv! Schon Rousseau benutzte Fotos und Stiche aus Zeitschriften als Vorlagen - moderne Medien waren in seinen Gemälden präsent; das gilt auch für andere Künstler dieser Richtung. Sie wurden übrigens zunächst nicht als "naïf" bezeichnet, sondern als "primitif". Weil die moderne Kunst noch andere Quellen anzapfte, darunter die "primitiven" Stammeskulturen Afrikas, veränderten sich die Begriffe.

Was naive Kunst sein soll, ist aber nie ganz klar: In der Sowjetunion hieß es "Kunst von Volksschaffenden", bei den Amerikanern "folk art". Geht es um Folklore, Laienkunst, Sonntagsmaler, Autodidakten, Dilettanten, um Outsider Art oder um Art Brut?

Was wäre ein neutraler Begriff?

Vielleicht "unakademisch"?

Das wirft neue Probleme auf: Im 18. Jahrhundert konnte der Dilettant ein souveräner Gegenspieler des Akademikers sein; aber diese Dualität hat sich gewandelt. Mit der Radikalisierung der Moderne begann der Kult um Authentizität als ein Widerstand gegen den Akademismus des 19. Jahrhunderts.

Die Künstler verlernten bewusst das handwerklich Perfekte, das als blutleer galt.

Da konnte jemand wie Rousseau ihre Aufmerksamkeit finden. Aber später lernte man auch an den Akademien, Authentizität zu produzieren, etwa das von Werner Haftmann boshaft akzentuierte "akademische Informel". Und gerade der unermüdliche Akademielehrer Beuys verkündete, jeder Mensch sei ein Künstler. Aber nicht jeder ist auch ein passabler Maler! Wenn wir von naiver Malerei reden, dann geht es doch wohl um den Charme des Ungeschickten, der lange als spontan und ehrlich angesehen wurde, aber auch nur eine Masche wurde.

Das heißt, dass naiv anmutende Bilder gezielt eingesetzte naive Gesten sind?

Es ist ein eigenes Genre des Putzigen und Idyllischen entstanden, in dem Formeln des anrührend Unbeholfenen und effektvoll Vermurksten fortgeschrieben wurden. Die Ausrede, naive Malerei sei handwerklich nicht so gut, dafür aber unverbildet und heilsam, ist selber ein Klischee, war es schon, als man von den Malern des "heiligen Herzens" oder des Paradieses fabulierte.

Die naive Malerei ist also heute so etwas wie ein Supermarkt der Motive. Hat sich das Sortiment in den Jahrzehnten verändert?

Es sind meist Zitate ihrer selber, von einer Malergeneration an die nächste weitergegeben - die sehen sich ja an, was ihre Kollegen im "Schattenkabinett der Moderne" machen, wie es Jürgen Hohmeyer einmal genannt hat. Bei der Art Brut - der Kunst von Internierten, die man früher als Geisteskranke etikettierte - sieht das manchmal anders aus, wenn sich ihr Manierismus rigoros verselbständigt und visuell herumorgelt.

Aber ihr Propagandist Jean Dubuffet hatte wiederum eine Akademie besucht.

Wir möchten mit Ihnen ein paar Künstler besprechen, die mit naiven Elementen arbeiten:

Dana Schutz zum Beispiel.

Hier finden sich ganz unterschiedliche Anklänge an die Kunstgeschichte, und das scheinbar Naive und auch das Ruppige wirken eher elegant. Was sie macht, erinnert mich an die Gruppe Normal, zu der auch Jan Knap gehörte - der ist ein interessanter Fall! Er malt diese ikonenhaften Bilder, so süß, dass einem die Zähne wehtun. Aber bei ihm kommt man ins Zweifeln, ob das nicht ernst gemeint sein könnte und er sich als religiöser Maler versteht, ganz ohne ironische Brechung. Und dann weiß man nicht so genau, wie man damit umgehen soll.

Was sagen Sie zu Gert und Uwe Tobias, die sich frei an den folkloristischen Motiven ihrer siebenbürgischen Heimat bedienen?

Das erscheint mir wie eine neue Spielart der Appropriation Art, die in der eigenen Folklore wildert oder sie neu erfindet - wie könnten wir das als Außenstehende entscheiden?

Sie wird ja nicht dort zu Markte getragen, wo ihre Quellen sprudeln.

Ist jetzt gerade die Zeit für künstlerisch aufgemotzte Provinzfolklore?

In der angeblichen World Art und ihrem Global Museum geht viel durcheinander, dass es einem die Begriffe verschlägt. Die Künstler der Klassischen Moderne haben eine normale kolonialistische Verwertung betrieben, was afrikanische Masken oder Südsee-Schnitzwerke anging - der Brücke- Expressionismus ist ja im Dresdner Völkerkundemuseum herangereift. Jetzt erleben wir, dass Länder, die sich auf dem internationalen Kunstmarkt ins Spiel bringen wollen, mit ihren eigenen Klischees antreten und ein interkulturelles Crossover als globale Pop Art simulieren, wie man es auch in der Kunst aus chinesischen Bilderfabriken häufiger zu erkennen meint.

Hier sind ein paar düstere Arbeiten von Andreas Hofer.

Hofer ist ein vielsprachiger Künstler, sowohl was Gattungen angeht als auch Bildsprachen; das ist gut studierte Kunst, die unstudiert aussehen will und das auch ganz gut hinkriegt. Das hat aber mit naiver Kunst nichts zu tun; Film, Comics oder Fotografie sind hier ebenso präsent wie Bildsprachen der Klassischen oder späten Moderne.

Und Jonathan Meese?

Ist das mehr als ein dämonisierter Kindergeburtstag?

Oder nur ein weiterer der "gelernten Dilettanten", die Walter Bachauer in den achtziger Jahren charakterisiert und Wolfgang Ullrich als neuen Typus des Akademikers ausgemacht hat?

Kann ein akademisch ausgebildeter Künstler überhaupt naiv an Sujets herangehen?

Werden naive Elemente übernommen, stehen sie im Verdacht einer attitudenhaften Authentizität. In der Moderne gibt es keine unschuldigen Bilder. Jedes Bild ist immer auch ein Bild über andere Bilder: gesehene, vergessene, halberinnerte, verdrängte. Man kann bereits vorhandene Bilder wegmalen, wie Asger Jorn oder Arnulf Rainer es versucht haben, oder "thrift store paintings" ausstellen, wie es Jim Shaw gemacht hat, oder Gemälde, die von verurteilten Mördern im Gefängnis gemacht worden sein sollen, wie es Mike Kelley getan hat. Und man kann sich so originell und skeptisch mit "Volkskunst" auseinandersetzen, wie es Dieter Hacker und Andreas Seltzer in den siebziger Jahren getan haben, wohlwissend, dass - nach Brecht - das Volk eben nicht tümlich ist.

Können Künstler auch im Nachhinein als naiv wahrgenommen werden?

War Franz Marc vielleicht ein naiver Maler?

Diese pantheistische Religiosität und nette Kreatürlichkeit, mit der seine Tierbilder daherkommen, machen einen modernen Idylliker aus ihm - übrigens auch als Erbe der akademischen Tiermalerei in München.

Idylle ist nicht gleich naive Malerei und umgekehrt, aber die Schnittmenge ist groß. Das gilt auch für die Andachtsveduten von Lyonel Feiniger, der immer brav die Kirche im Dorf gelassen hat; ein Maler, den ich trotzdem sehr liebe, zumal er einen eigenen Weg gefunden hat, Luft zu malen. War August Macke nicht eher einfach gestrickt? Zu Lebzeiten galten ihre Bilder als brisant, später als entartet, und daher hat man lange nicht darüber diskutiert, wie viel Naivität in der modernen Kunst steckt - nicht als Malweise, sondern eben als Schlichtheit des Geistes.

Ich fürchte, das wäre ertragreich. Marc hat auch Rousseau verehrt, der war ja zunächst ein Künstler für Künstler. So vieles scheint auf diesen malenden Kauz zurückzugehen, dass er dafür eigentlich Tantiemen verdient gehabt hätte!

INTERVIEW:

Bildunterschrift:

Jan Knap: Bild ohne Titel (80 x 65 cm, 1995)

"Die Ausrede, naive Malerei sei handwerklich nicht so gut, dafür aber unverbildet und heilsam, ist selber ein Klischee"

Dana Schutz: "Devourer" (2004)

Andreas Hofer: "American Monsters" (2003)

G. und U. Tobias: "The Devil is Not Mocked" (2004)

"Gert und Uwe Tobias betreiben eine neue Spielart der Appropriation Art, die in der Folklore ihrer siebenbürgischen Heimat wildert"