Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 73

Es lebe die Kreativwirtschaft

Von Thomas Wagner

In Krisenzeiten beschwören die Politiker mal wieder Kunst und Kreativität als Motor des Fortschritts, bemerkt . Doch Kulturschaffende sollten sich vor solchen Lippenbekenntnissen besser in Acht nehmen

Endlich etwas Positives in diesen krisengrauen Zeiten: Wir sind Kulturhauptstadt! Vor allem aber: Wir sehen Licht am Ende des selbst gegrabenen Tunnels. Erst waren wir exportweltmeisterlich deprimiert, dann erinnerungsstolz ein Volk, nun aber werden wir alle kreativ. Das heißt, genau genommen sind wir es schon seit den neunziger Jahren, werden es nun aber erst recht, weil wir jetzt einen offiziellen Auftrag dazu haben - von der Politik und der Zukunft. Wir, wohlgemerkt! Der Politiker an sich, das verblüfft immer wieder, hat eine wunderbare Fähigkeit:

Er weiß, was wir sind und was wir brauchen. Dafür lieben wir ihn.

Und so wird endlich deutlich, welch wunderbare Zeiten Kunst und Kultur bevorstehen.

Um genau zu verstehen, was wir demnächst sein werden und was wir zu tun haben, hören wir einfach auf die frohe Botschaft, die uns Ende letzten Jahres in einer Verlagsbeilage der "F.A.Z." mit dem Titel "Kreativwirtschaft" erreichte: "Weltweit", schrieb dort (oder ließ von Kreativen schreiben) gleich auf der ersten Seite NRWMinisterpräsident Jürgen Rüttgers, "werden die Karten neu gemischt.

In der Wirtschaftskrise wird neu entschieden, wo in Zukunft die besten Autos der Welt gebaut, wo die Spitzentechnologien der Zukunft entwickelt, wo der Wohlstand der Zukunft erarbeitet wird. Diesen Wettlauf wird gewinnen, wer die kreativsten, die klügsten Köpfe aus aller Welt für sich gewinnen kann." Applaus, Applaus! Und für alle, die es nicht glauben wollen, noch einmal zum Nachsprechen: "Denn Kunst und Kultur sind nicht nur um ihrer selbst willen wichtig. Sie sind Motor für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts." Was wollen wir mehr, ist doch wunderbar.

Endlich sagt uns einer, wie wichtig wir sind. Wir sind der Motor!

Heißt: Ohne uns läuft nichts. Das geht jedem im Kulturbetrieb runter wie Öl.

Oder fängt man mit Speck nicht nur Mäuse, sondern auch Kulturbetriebsblinde?

Wo Karten gemischt werden, meint Rüttgers, finde ein Wettlauf statt, den gewinnt, wer andere gewinnt, die gute Ideen haben, die man selbst nicht hat. Richtig? Im Zweifel sind wir natürlich immer für die kommenden Generationen - gegen die kann doch niemand etwas haben. Deshalb brauchen wir auch weiterhin Spitzentechnologien, aber eben auch deren nutzerfreundliche Gestaltung oder vor allem deren Einbettung in ein "kulturelles Umfeld". Maschinenbau, Kohlekraftwerke, alles "embedded".

Und schon machen wir mittels Kunst- und Kreativwirtschaft aus Problembezirken kleine Sohos und Notting Hills. Denn was in New York und London funktioniert hat, das funktioniert auch in Dortmund oder Oberhausen. Ach, mögen die frommen Wünsche Wirklichkeit werden. Doch wenn uns - im Artikel daneben - der Musik- und Medienmanager Dieter Gorny, der als "Künstlerischer Direktor" bei "Ruhr.2010" für "Kreativwirtschaft" zuständig ist, belehrt: "Eine zukunftsorientierte Kulturpolitik muss nicht nur die subventionierte Kultur, sondern auch die Kultur beziehungsweise ihre Produzenten akzeptieren und beachten, die nicht subventioniert werden", erwachen wir aus den Träumen. Es geht, da hat Rüttgers recht, um die Zukunft. Fragt sich nur, wer über diese bestimmt und wer am Ende als Verlierer dasteht, wenn die Zukunft, die hier beschrieben wird, tatsächlich eingetreten ist.

Nüchtern betrachtet ist die Tatsache, dass Kultur nun politisch und ökonomisch ernst genommen wird, zumindest zweischneidig.

Schließlich geht es nicht um die Zukunft der Kultur, sondern um die der Wirtschaft. In die wird investiert, nicht in Kultur. Deshalb gibt es für diese "zukunftsorientierte Kulturpolitik" nur Habenichtse und Erfolgreiche, Subventionsempfänger und solche, die Arbeitsplätze und Gewinn versprechen. Kreativität ist im Verständnis einer solchen Politik die billige Würze, die aus faden Objekten erfolgreiche Produkte macht, Kreativwirtschaft eine geschickte Verpackung für eine Umverteilung der Mittel. Wenn wir nächstes Jahr nicht mehr Kulturhauptstadt sind, wird so mancher bemerken, wer die Zeche zahlt. Denn was nicht in die Kategorien der Kreativwirtschaft fällt, nicht robust und massentauglich genug ist, um sich auf dem Markt zu behaupten, das ist eben nicht kreativ genug. Das hat einfach keine Zukunft.

ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art

Bildunterschrift:

Kreativität ist im Verständnis vieler Politiker nur die billige Würze, die aus faden Objekten erfolgreiche, massentaugliche Produkte machen soll