Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 96

Die Renaissance eines Malers

Von Kerstin Schweighfer

VORSCHAU Die manieristische Malerei der langgestreckten Figuren und ungewöhnlichen Proportionen des Spaniers El Greco feiert Triumphe

El Greco BOZAR, Brüssel, 4.2.-9.5.2010

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Selbstbewusst schaut er den Betrachter an, mit prüfenden Augen hinter runden Brillengläsern, elegant gekleidet im braunen Jackett mit leuchtend blauer Krawatte: So sieht der Mann aus, der nicht nur dafür gesorgt hat, dass Spanien so genannte Paradores bekommt, Luxusherbergen in historischen Bauten, sondern 1910 auch ein El- Greco-Museum in Toledo. Ein Porträt von Benigno Marqués de la Vega Inclán, dem ersten königlichen Kommissar für Tourismus, darf auf der El-Greco-Schau im Brüssler Palast für Schöne Künste nicht fehlen (Katalog: BAI Verlag in Französisch und Niederländisch). Denn der leidenschaftliche Kunstsammler ist eine von drei Schlüsselfiguren, die den heute so berühmten spanischen Altmeister um 1900 aus der Vergessenheit geholt haben - und dieses Männertrio steht im Zentrum der Ausstellung, die anlässlich der spanischen EU-Ratspräsidentschaft stattfindet: Kunsthistoriker Manuel Bartolomé Cossío, der 1908 mit seiner aufsehenerregenden Monografie von El Greco die Wiederentdeckung des Künstlers in Gang setzte, Fotograf Mariano Moreno, der die dafür nötigen Bilder machte, und de la Vega Inclán, der das nötige Kleingeld hatte.

Neben 40 Meisterwerken von El Greco aus Toledo und Madrid, die eine Übersicht über seine künstlerische Entwicklung und einen Einblick in sein Atelier geben, wird deshalb anhand von Fotos und Dokumentationsmaterial auch die Renaissance des manieristischen Malers nach 1900 rekonstruiert.

Heute wird El Greco, um 1541 als Domenikos Theotokopoulos auf Kreta geboren, als einer der aussagekräftigsten Maler überhaupt gefeiert. Er war seiner Zeit weit voraus und gilt als Vorläufer von Expressionismus und Kubismus. Doch nach seinem Tod 1614 geriet Europa in den Bann der Caravaggisten.

El Grecos dramatischen, aber wenig realistischen Bilder mit den für ihn so typischen lang gestreckten Figuren, die alle klassischen Proportionsregeln auf den Kopf stellten, galten bald als altmodisch.

Zu Lebzeiten allerdings hatte er große Erfolge gefeiert. Seine Karriere begann um 1565 als Schüler Tizians in Venedig. Fünf Jahre später eröffnete er in Rom ein eigenes Atelier und arbeitete für Kardinal Alessandro Farnese. Aber schon bald wurde Italien, das noch immer im Zeichen von Michelangelo und Raffael stand, dem eigenwilligen, innovativen Künstler zu klein: El Greco ging nach Toledo, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Hier entwickelte er seinen visionären Stil, und hier entstanden auch die großen Meisterwerke wie die "Entkleidung Christi", der "Heilige Petrus in Tränen" oder das "Begräb nis des Grafen Orgaz".

Sie fehlen in Brüssel ebensowenig wie sein künstlerisches Vermächtnis, die zwölf Apostel - zweifellos der Höhepunkt der Ausstellung.

Alle sind zu sehen, auch die unvollendeten wie der heilige Matthäus, dessen linke Hand El Greco nicht mehr ausarbeiten konnte.

Bildunterschrift:

El Greco: "Das Schweißtuch der Veronika" (um 1580, 91 x 84 cm). Rechts: "Der heilige Matthäus" (um 1610/14, 92 x 77 cm)

Porträt des Mäzens: Joaquín Sorolla y Bastide malte 1910 Benigno Marqués de la Vega Inclán