Ausgabe: 02 / 2010
Seite: 8-17

Studio

Von

SCHNELLDEUTUNG Perfekte Illusionen Trompe-l'oeil ist die Kunst mittels derer Maler seit Jahrtausenden den perfekten Schein erzeugen: vorgetäuschte Kuppeldecken, zum Anbeißen echt aussehende Früchte oder grandiose Panoramen.

Das Hamburger Bucerius-Kunst-Forum zeigt vom 13.

Februar bis 24. Mai in der Schau "Täuschend echt" Meisterwerke dieses Genres. Ein Bild erklärt Kuratorin Bärbel Hedinger hier ausführlich: "Samuel van Hoogstraten (1627 bis 1678) kann als Vater des Trompel'oeil in der Frühen Neuzeit gelten. Sein "Augenbetrüger"- Stillleben (1666/78) zeigt ein aus Holzpaneelen gebildetes Steckbrett, das zur Aufbewahrung von Briefen, Bildern und dekorativen Utensilien diente. Das Brett füllt die Leinwand aus und wird von einer gemalten Holzleiste gerahmt. Hinter zwei Haltebändern aus rotem Leder stecken 22 Gegenstände. Zu sehen sind von links nach rechts ein gerolltes Heft, eine Schere, eine Streubüchse, ein Pinsel, ein gerolltes Dokument, eine Gemme am Band, ein Kamm, eine Dose über einem Heft und einem Buch, eine Schreibfeder, ein Messer, ein rotes Büchlein, ein Rasiermesser, ein Kamm, eine Medaille, eine Goldkette, ein Brief, ein Umschlag, ein Stück Siegellack, eine Brille und eine Druckschrift. Anders als im gewöhnlichen Stillleben werden die Dinge nicht auf einem Tisch in tiefenräumlicher Staffelung dargeboten, sondern auf einer mit der Bildfläche zusammenfallenden Ebene. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Sammelsurium als ein geschicktes Selbstporträt: Van Hoogstraten lässt die Dinge von seinen Ambitionen, seinem Ruhm, seiner Tätigkeit als Schriftsteller und sogar seinem Aussehen sprechen. Die Darstellung ist von links nach rechts aufgebaut: Sie hat ihren Auftakt in Papier und Schere, führt über ein Schmuckstück und dem Handwerkszeug eines Autors sowie Instrumenten der Körperpflege weiter zu eigenen Schriften und Büchern vorbei an dem Goldmedaillon hin zu einem Schriftstück in der rechten oberen Ecke.

Im Siegelabdruck ist das Künstlermonogramm zu erkennen.

Im Brief schreibt der österreichische Literat Johann Wilhelm von Stubenberg ein hohes Lied auf die Malkunst:

Wer daran zweifele, dass solche Meisterschaft denkbar sei, der sehe sich den Hoogstraten an, der selbst den "Herrscher aller Welt durch seines Pinsels Kunst" habe täuschen können. Damit wird ein Bezug zum Medaillon des Kaisers Ferdinand III. hergestellt, das dieser dem Künstler 1652 persönlich als Anerkennung überreicht hatte."

EINE LISTE - AUSSTELLUNGSTITEL

Zeitenwende 2010

1. Somewhere North to the Future Startgalerie, Museum auf Abruf, Wien

2. Gesang von Abschied und Neubeginn Mayerei, Karlsruhe

3. Endlich beginnt Unendlichkeit Galerie Levy, Hamburg

4. The Good Times Are Killing Me Galerie Baer, Dresden

5. Changes Tony Wuethrich Galerie, Basel

6. One after another, a few silent steps Hamburger Kunsthalle

7. Cocker Spaniel and Other Tools for International Understanding Kunsthalle zu Kiel

8. Die Gegenstände ziehen sich zurück Galerie Barbara Thumm, Berlin

Die von dem Architekten Enric Ruiz Geli, dem Künstler Frederic Amat und dem Keramiker Toni Cumel la entworfene Villa Nurbs im spanischen Empuriabrava an der Costa Brava sieht aus, wie frisch zu Versuchszwecken der NASA aus dem Weltraum auf die Erde geholt. Wellenförmige Keramikplatten als Außenverkleidung sollen den Innenraum des Privathauses gegen Wettereinflüsse abschirmen. Die Elemente der Außenhülle können einzeln verstellt werden, um Licht und Luft einzulassen.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (15)

Mathilda, 6, über "Tod" (1938) von Max Beckmann Das Bild ist ganz schön dunkel! Vorne in der Mitte steht ein Mann in einem Kleid, der etwas in der Hand hält - vielleicht einen Stock. Oder Futter für dieses merkwürdige Tier, das falsch rum von der Decke hängt: ein Vogel mit Affenschwanz und Katzentatzen und einem großen gelben Schnabel. In der Mitte steht ein Schreibtisch, auf dem eine Frau liegt. Die hat ganz grüne Haut, und die Augen sehen komisch aus - als wären da gar keine. Ich glaube, sie ist gestorben. Vielleicht sind die Männer links in der Ecke deshalb auch so traurig. Und deswegen sind da auch die drei Engel, die verkehrt rum neben der Vogelaffenkatze baumeln. Die singen ein Lied für die tote Frau. Vielleicht ist das Verkehrtrumme der Himmel!

Und unten ist das Meer: Da liegt ein gestorbener Wal unter einer Decke. Das einzig Schöne auf dem Bild sind die zwei brennenden Kerzen.

Ich würde das Bild am liebsten in der Mitte auseinanderbrechen und nur die Hälfte mit den Kerzen behalten!

DIE ART-HOME-STORY (31)

Zu Gast bei John Bock Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Aromat Mich erinnert diese Gerüchebox an "Pharmacie" von Marcel Duchamp.

Gekauft habe ich das "Aromat"-Sortiment mal auf dem Flohmarkt, als ich noch Student war. Ein paar Düfte habe ich auch schon verwendet - etwa in meinem "Dandy-Film". Das war vom "Aromat" inspiriert. Objekte sind für meine Ideen wichtiger als Texte. Zuerst kommen die Objekte, die Texte kommen später. Die funktionieren eher wie ein Schmiermittel, das über die Objekte gegossen wird.

Turmobjekt Ein Fundstück - zu gut für die Kunst. Ich habe es vom Schrottplatz.

Dieses Ding ist deshalb nicht mehr zu verbessern, weil es in sich stimmig ist. Ich finde die funktionelle Anmutung gut, ohne dass die Funktion genau bestimmbar wäre. Es ist einfach da.

Magnet Ein Molekularobjekt.

Es könnte ein Haus sein mit Kammern. So etwas Ähnliches plane ich gerade für London: ein Haus mit Kammern, die - angetrieben durch einen Tretmechanismus - bewegt werden können, quasi Wohnzellen, bei denen man von außen die unterschiedlichen Räume und deren Funktion sehen kann. Ich fände das toll: ein Haus, dass sich fortbewegt, mit einem Tretraum, Schlafraum und so weiter.

Einflößspritze Diese Spritze ist ein Gerät für Jungtiere, bei dem es darum geht, ihnen in einem engen Gatter Medizin einzuflößen. Da muss man schnell sein. Die Spritze ist vom Bauernhof meines Vaters. Daher kommt auch meine Arbeitsweise: das Improvisierte, das Zusammengeflickte.

Wenn Bauern etwas reparieren müssen, dann gehen sie auf Ihren Schrottplatz oder ihren Holzplatz und suchen Material. Hinterher kann man dann meistens sehen, dass manche Teile nicht ganz genau passen.

Holzschnitzerei Ich kann nicht sagen, warum ich diese Skulptur mag - oder doch:

Ich mag Volkskunst, Secondhand- Kunst. Ich mag das Verfälschte: Das ist Mittelalterkunst, aber nachgemacht.

Sehr gut: dieses Krumme und dennoch Liebevolle in den Details.

REGIE- UND PRODUKTIONSDUO "FREIER.ECKERT" HAT EIN NENA-VIDEO NACH "THE WEATHER PROJECT" GEDREHT Nena und Olafur Eliasson - wie kam das?

Wir haben in art von dieser wahnsinnigen Sonneninstallation gelesen, die Eliasson 2003/04 in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern ausgestellt hatte. Als Nena dann ein Video zu ihrem neuen Lied "Wir sind wahr" machen wollte, haben wir ihr vorgeschlagen, etwas in so einem Raum zu machen - sie war sofort begeistert. Wir wollten in dieser besonderen Atmosphäre ein Happening veranstalten. Eine dynamische Meditation zu machen war Nenas Idee. Die meisten Darsteller sind Freunde, Bekannte und Familie von ihr. Wir haben einfach eine Stunde durchgefilmt.

Kann man so eine riesige Eliasson-Sonne einfach nachbauen?

Wir wollten das ja nicht eins zu eins kopieren, sondern nur diese besondere Atmosphäre erzeugen. Wir haben ein "space light" benutzt, das ist ein spezieller Leuchtballon mit fünf Metern Durchmesser, sieben Heliumflaschen lassen ihn aufsteigen, und innen sind vier 5000-Watt-Glühbirnen drin. Gedreht haben wir in einer leeren Kühlhalle im Hamburger Freihafen. Draußen stand ein LKW mit Generator, der den Strom lieferte.

Lassen Sie sich sonst auch von zeitgenössischer Kunst inspirieren?

Ja, in der Tat! Wir haben für die deutsche Hip-Hop-Band Blumentopf ein Video gedreht, bei dem wir Originalmaterial von Roman Signer benutzen konnten aus der Dokumentation "Signers Koffer". Wir finden es spannend, Gattungen und Genres zu mixen - gerade dann, wenn man die Kombi nicht erwartet, wie bei Signer und Blumentopf oder eben Eliasson und Nena. Beide Clips sind übrigens in voller Länge auf unserer Webseite www.freiereckert.de zu sehen. Der menschliche Bildspeicher ist voller toller Eindrücke, die man nur neu zusammensetzen muss.

Bildunterschrift:

Wie eine gigantische Tröte schmiegt sich Anish Kapoors nach sechs Jahren Bauzeit gerade fertiggestellte unbetitelte Arbeit für den neuseeländischen Unternehmer Alan Gibbs in die Hügel nördlich von Auckland. Gibbs sammelt seit den sechziger Jahren zeitgenössische Kunst, 1991 kaufte er 400 Hektar Land und versammelte dort nach und nach Großskulpturen bedeutender internationaler Künstler wie Richard Serra, Daniel Buren oder Sol LeWitt. Nicht zuletzt durch Kapoors 25 x 25 x 84 Meter messende Installation aus stoffbespanntem Stahl ist "The Farm" zum wichtigsten privaten Skulpturenpark des Inselreichs herangereift.

Täuschend echt:

Samuel van Hoogstratens "Augenbetrüger"- Stillleben (53 x 79 cm, 1666/78)

Türkei Niederlande

Das Gros der Menschen in den westlichen Industrienationen hat alles im Überfluss - nur eines nicht: Stauraum. Die chronische Unterversorgung macht sich besonders in produktreichen Umfeldern wie der Küche bemerkbar, wo Einbausysteme dafür sorgen, dass Putzzeug, Geschirr und Lebensmittel aus Sichtweite verschwinden. Der niederländische Fotograf Erik Klein Wolterink blickt in seiner Serie Keukens hinter die furnierten Fronten verschiedener Nationalitäten in Amsterdam und lichtet jedes Fach einzeln ab. Später setzt er alles am Computer wieder zusammen. Auf seiner Webseite www.erikkleinwolterink.nl können Fächer einzeln angeklickt und studiert werden. Dabei seien gar nicht die Unterschiede das Spannende, so Wolterink, sondern die Gemeinsamkeiten.

Surinam Pakistan

"Equestrian Portrait of King Philip II" (2009, 352 x 311 cm): Kehinde Wiley malte Michael Jackson auf dem Podest der Herrlichkeit

Mehr Infos zu diesem Einfamilienhaus auf www.villanurbs.com

Aktionskünstler und Bildhauerei-Professor John Bock, 44, auf Stelzen in seinem Berliner Atelier (Foto: Nina Lüth)

Matthias Freier, Alex Eckert

Frei nach Olafur Eliasson: Still aus dem Nena-Video "Wir sind wahr"