Ausgabe: 12 / 2010

Wir Hingucker

Eine erotische Geschichte der Kunst

Lust & Tabu

Seit der sexuellen Revolution in den sechziger Jahren scheint die Epoche totaler Freiheit angebrochen zu sein: Provokateure haben Mühe, überhaupt noch Skandale auszulösen. Künstler werden zu Schaustellern ihrer Intimität. Und der Betrachter gewöhnt sich an seine Rolle als Voyeur

ALMUTH SPIEGLER

Was haben "Gangbang-Parties" und "Domina-Kammern" nur mit Kunst zu tun? Über diese deftige Frage stritt sich im Frühjahr ganz Wien. Schließlich ging es für zwei Monate nächtens drunter und drüber im Keller einer der renommiertesten Kulturinstitutionen der Stadt, der Secession, vom Boulevard schnell in "Sexession" umbenannt.

Der bisher in Kunstkreisen wenig bekannte "Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer" - genauer gesagt, der Swingerclub "Element6" - hat die Einladung des Schweizer Künstlers Christoph Büchel angenommen und ist temporär in den Jugendstiltempel übersiedelt: Jetzt konnte auf einem Matratzenlager unterm Beethoven-Fries von Gustav Klimt endlich tatsächlich dem gefrönt werden, was der Maler und Erotomane über hundert Jahre zuvor hier allegorisch schon verkündet hatte: "Sündhafte Leidenschaften" - ein Skandal bereits bei der Erstpräsentation 1902. Anno 2010 musste das von Klimt hier angestrengte Schiller- Motto natürlich überboten werden: "Diesen Kuss der ganzen Welt"? Diesen Fick der ganzen Welt! Damit gelang Christoph Büchel der jüngste Wiener Skandal um Kunst und Sex. Immerhin.

Denn diese zu jeder Erregung augenblicklich bereite Stadt hat schließlich schon einiges gesehen. Und betatscht. VALIE EXPORTs Brüste zum Beispiel, die sie 1968 in einem vor den Oberkörper geschnallten Kino-Kasten zu Markte trug. Zwölf Sekunden lang durfte jeder, der wollte, seine Hände ins schummrige Dunkel stecken und das nackte Klischee des weiblichen Objekts, das sonst über die Leinwand flimmert, leibhaftig spüren. EXPORTs "Tapp- und Tastkino" gilt heute als eine Ikone feministischer Körperkunst.

Wie so vieles in Sachen Sex und Kunst bereits endgültig in den wilden sechziger und siebziger Jahren definiert wurde.

Können Künstlerinnen und Künstler dem heute noch etwas hinzufügen? Die junge Performerin Marlene Haring versuchte es 2009 zur Eröffnung der Ausstellung "The Porn Identity" in der Wiener Kunsthalle: Ihr "Kasten" war allerdings nicht mehr wie bei EXPORT auf den eigenen Körper beschränkt, sondern sozusagen auf Familiengröße angewachsen.

Die Künstlerin suchte - mit dem Aufkleber "Show Me Yours, I'll Show You Mine" ausgestattet - Freiwillige, die mit ihr in einen beichtstuhlartigen Verbau schlüpften.

Und dort die Hosen runterließen. Oder, man glaubte es kaum, um dort Sex zu haben.

An diesem Abend sollen es drei Paare getan haben. Einmal will Haring dabei sogar zugesehen haben: "Es war sehr gut", resümierte sie in einer Wiener Stadtzeitung.

Der Sex in der Kunst ist seit den sechziger Jahren nicht weniger geworden. Auch nicht mehr. Und radikaler schon gar nicht. Dafür in der Darstellung oft expliziter und inhaltlich verspielter - sprich: politisch harmloser.

Mit Gesellschaftskritik oder Feminismus muss der exponierte Körper nicht unbedingt mehr etwas zu tun haben. Setzte sich 1975 Marina Abramovi´c in Amsterdam noch ins Rotlicht-Fenster und ließ statt ihrer die Prostituierte zur Vernissage in die Galerie gehen, stellt heute die ehemalige Prostituierte Annie Sprinkle als Post-Porn- Modernistin in diversen Kunsthäusern aus.

Lag Vito Acconci 1972 in der New Yorker Sonnabend Gallery noch unterm doppelten Bretterboden und masturbierte, nahm Elke Krystufek 1994 bei der Eröffnung der Ausstellung "Jetztzeit" in der Kunsthalle Wien öffentlich ein Bad und befriedigte sich danach selbst. Vor aller Augen - und der Fotokamera ihrer Mutter! Der in New York lebende "Asianpunkboy" Terence Koh verarbeitet in seinen Objekten gerne Sperma und verkauft auf seiner Homepage seine Unterwäsche - je gebrauchter, desto teurer.

Ganz lieb!

Solche Aktionen umweht der altmodisch gewordene Glaube an die Provokation als künstlerische Strategie. Doch die bestellte Empörung bleibt immer öfter aus. Längst wird derlei als Methode betrachtet, in die Medien zu kommen und Aufmerksamkeit zu erregen - die Zeit, in der die Kunst tatsächlich an Tabus rühren konnte, scheint vorbei. Der Kunstmarkt trägt seinen Teil dazu bei, indem er jegliche Anstrengung in diese Richtung genüsslich aufsaugt. Eine Ewigkeit scheint vergangen, seit Jeff Koons in den neunziger Jahren mit seiner Serie "Made in Heaven" durchstartete; heute wirken die kitschigen Pornobilder, die er gemeinsam mit seiner Kurzzeit-Ehefrau Cicciolina (Ilona Staller) produzierte, plüschig wie Parfümwerbung.

Vor einem halben Jahrhundert war es noch einfach, die Grenzen zu erweitern und Barrieren niederzureißen: Das Bild des nackten Körpers wirkte wie Sprengstoff in den Nachkriegsgesellschaften Europas und der USA. Sie waren geprägt von bürgerlichchristlichen Moralvorstellungen, und ein sekundenlanger Auftritt der nackten Hildegard Knef im Film "Die Sünderin" genügte 1951 für einen Skandal.

Heute bietet sich die öffentlich gemachte Sexualität als offenes Feld dar. "Die Men- schen begegnen immer mehr Menschen", schreibt Sven Hillenkamp in seinem kulturkritischen Essay "Das Ende der Liebe". "Sie sind frei, zu wählen. Sie wissen, was sie wollen.

Kein gesellschaftlicher oder kultureller Unterschied scheint für die Liebe noch ein Hindernis aufzurichten. Nicht nur die Männer, auch die Frauen leben ihre sexuellen Bedürfnisse frei aus. Die gewerbsmäßige, zur Industrie gewachsene Partnervermittlung über das Internet erzeugt eine größtmögliche Auswahl von Sex- und Lebenspartnern, ermöglicht eine maschinelle, computergestützte Suche." Wo alles möglich ist, erscheint die Sinnfrage mit neuer Dringlichkeit. "Identität" ist zum Zauberwort postmoderner Selbsterkundung geworden. Wer alles darf, muss wissen, was er möchte - und wer er ist beziehungsweise: sein will. Der Künstler erklärt sich selbst zum exemplarischen Menschen, dessen Geschlechtsrolle nicht feststeht, sondern verhandelbar ist. Die Modeformel "Sich neu erfinden" wird auf das eigene Leben und den eigenen Körper angewendet, die früher so fixiert scheinende "sexuelle Identität" wird zum Baukasten. Die Eindeutigkeit der Zuschreibungen "männlich" und "weiblich" ist nicht länger zu halten.

In der amerikanischen Kunst hat sich das changierende Geschlechterbild besonders früh und besonders deutlich abgezeichnet.

Andy Warhol kürte in seiner Factory am laufenden Band neue androgyne "Superstars" und ließ sich selbst wahlweise als cooler Bursche oder Drag Queen porträtieren.

Cindy Sherman erkundete in endloser Maskerade die Möglichkeiten, als Frau Objekt fremder Blicke zu sein - sie trieb die Entfremdung von sich selbst so radikal ins Extrem, dass eine ganz eigene Kunst dabei herauskam. Und Robert Mapplethorpe brachte in seinen glasklaren Schwarzweiß- Fotografien jahrhundertealte Darstellungskonventionen ins Fließen, indem er anmutig geschwungene Männerkörper und angespannt-athletische Frauenkörper nebeneinanderstellte.

"Queer" würde man diese eigentlich utopische Sehnsucht nach einem einheitlichen Geschlecht heute nennen - die Erforschung dieser Subkultur ist eine der Richtungen in der zeitgenössischen Kunst, in der Sex bzw. der Körper an sich noch eine größere Rolle spielen.

Und so hat es seine eigene Logik, dass sich zumindest am High-End-Kunstmarkt eher die weiblichen und homosexuellen Künstler am Thema Sex abarbeiten: Ihre Bilder, Selbstbilder und Phantasien waren in der Kunstgeschichte nahezu nicht repräsentiert.

Dem "männlichen Blick" etwas entgegenzusetzen ist eines der großen Projekte der zeitgenössischen Kunst. Exemplarisch führte Elke Krystufek vor: Im Österreich- Pavillon der vorigen Biennale Venedig drehte sie den Spieß - etwas naiv vielleicht - einmal um. Ihr Projekt: ein männliches Aktmodell so zu benutzen, wie weibliche es jahrhundertelang wurden. Sie "beutete" seinen nackten Körper für ihre Bilder aus. Und ließ gerüchtehalber sogar im Raum stehen, ob es im Atelier zu mehr gekommen ist als zu einer künstlerischen Annäherung. "Tabou Taboo" hieß die Installation.

Der nackte Mann als Objekt des "weiblichen Blicks" - die Konstellation gibt es bei Künstlerinnen noch relativ selten. Auffällig häufig steht die Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen Intimleben im Mittelpunkt der Werke von Frauen; ein Hang zum Exhibitionistischen ist unverkennbar, der Betrachter wird zwangsläufig zum Voyeur.

Meisterin der neuen Schlüsselloch- Strategie ist die Engländerin Tracey Emin, die alles Intime zur Sache der Kunst erklärt.

1995 nähte sie alle Namen derer, mit denen sie geschlafen hatte, auf ein Zelt - und das waren eine ganze Menge, wie man auch ihrer Biografie "Strangeland" entnehmen kann. Mit ihrem ungemachten Lotterbett gewann sie zwar nicht den Turner Prize, aber die volle Aufmerksamkeit. Nicht weniger exhibitionistisch ging die junge Amerikanerin Alex McQuilkin vor, als sie sich im Jahr 2000 beim - wohl gespielten - Sex filmen ließ: Man sieht das Gesicht der Künstlerin, die sich während des Akts zu schminken versucht. Ihre Landsfrau Andrea Fraser behandelte unter Einsatz des eigenen Körpers das Thema Prostitution: Sie zeigte schlichten Sex zwischen Mann und Frau als Video. Interessant war das allerdings nur für Insider, denn es ging bei "Untitled" (2003) um pure Institutionskritik. Frasers Galerie hatte für sie einen Sammler gesucht, der mit der Künstlerin ins Bett stieg, sich dabei filmen ließ - und das Video anschließend auch noch kaufte.

Auch in der ehemals heterosexuellmännlich besetzten Gattung der Malerei sind die Stars auf dem Gebiet der erotischen Kunst heute Frauen. Marlene Dumas ist die Ahnfrau dieser jüngeren Generation, die sich teils ironisch dem Thema annähert. Hat Dumas 2000 noch eine Serie von Stripperinnen als Metapher für die Rolle der Künstlerin am Markt gemalt, ist bei den expliziten Gemälden von Cecily Brown oder Lisa Yuskavage wenig Gesellschaftskritisches mehr zu bemerken. Bei Yuskavage bleibt dem ersten Blick nicht viel verborgen:

Dem Betrachter quellen penetrant pralle Atomhintern und Silikonbrüste entgegen, alles getaucht in Zuckerlfarben und Pralinenbild- Ästhetik. Bei Brown gibt der zweite Blick erst Klarheit: Ihre expressiven erotischen Suchbilder bewegen sich am Rande der Abstraktion, in ihrem Farbgewühl wälzen sich die Leiber nur so ineinander.

Sex in der Kunst ist selbstverständlich geworden, manchmal geradezu niedlich.

Ob es wirklich um Identitätssuche geht oder aber nur um das Spiel mit starken visuellen Reizen, das ist oft nicht mehr auszumachen.

Häufig erweist sich die Kunst hinter der provokativen Geste als erstaunlich harmlos und bieder.

Eine der zurzeit spannendsten jungen Künstlerinnen beweist, dass es auch den umgekehrten Weg gibt: Ihre Arbeiten wirken auf den ersten Blick niedlich und auf den zweiten voller Abgründe. Nathalie Djurberg knetet sexuelle Grenzgänge aus kindlichem Plastilin. Schändungen jeglicher Abartigkeit, Sodomie, Perversionen - all das kommt bei der jungen Schwedin erst einmal als drolliger Animationsfilm daher. Bis sich einem das Herz zuschnürt angesichts der Grausamkeiten.

"Unverklemmte Filme" heißt das dann etwa in den Medien. Bei der vorigen Venedig-Biennale wurde Djurberg als beste Nachwuchskünstlerin mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Ihre Arbeit zeigt, dass wir das freie Feld des Sexuellen noch längst nicht als Idylle betrachten dürfen.

Kasten:

TEIL 1: Das Zeitalter der Erotik TEIL 2: Die Befreiung des Körpers TEIL 3: Die Epoche totaler Freiheit

Kasten:

Die Pornos und die Kunst Schon auf antiken Vasen finden sich deutliche Darstellungen des Geschlechtsverkehrs.

Doch die Pornografie, wie wir sie heute verstehen, entstand erst nach der Erfindung der Fotografie. Im 19. Jahrhundert zirkulierten Bilder von meist nackten Frauen im Untergrund, im 20. Jahrhundert kamen das Pornokino und die VHS-Kassette "für Erwachsene". Heute ist das Internet zum bevorzugten Medium für ein riesiges Angebot visueller Sexprodukte geworden, inklusive illegaler Ware wie Kinderpornografie.

Pornobilder sind funktional: Sie sollen den Betrachter direkt erregen; die Kunst, der es um Vieldeutigkeit geht, ist sozusagen ihr natürlicher Gegner. Seit den neunziger Jahren haben Künstler steigendes Interesse an dieser Auseinandersetzung entwickelt, grob gesagt gibt es zwei Richtungen: Sie haben sich entweder selbst pornografisch inszeniert, von Jeff Koons über Elke Krystufek bis Natacha Merritt, Letztere wurde regelrecht zur Hardcore-Queen. Oder sie haben sich distanziert-forschend mit Pornos beschäftigt:

Wie Thomas Ruff, der Sexbilder aus dem Netz verfremdete, oder der Fotograf Larry Sultan, der Porno-Sets während der Drehpausen dokumentierte. Immer ist ein Unbehagen zu spüren gegenüber Bildern, die auf ganz andere Weise als die Kunst wirkungsmächtig und populär geworden sind.

Bildunterschrift:

Do it yourself: Elke Krystufek masturbiert während ihrer Performance "Satisfaction" 1994 in der Wiener Kunsthalle

Linke Seite: das Gemälde "The Redhead" (2009, 196 x 140 cm) von Cecily Brown. Oben: eine Arbeit von Tracey Emin (2007, 114 x 183 cm)

Tabubruch?

Der Kunstmarkt saugt jegliche Anstrengung in dieser Richtung genüsslich auf

Die Videoarbeiten der schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg wirken durch den drastischen Widerspruch zwischen Form und Inhalt: Knetfiguren werden in Gewalt und Sex verstrickt, hier im Film "The Prostitute" von 2008

Es hat seine eigene Logik, dass sich heute eher weibliche und homosexuelle Künstler am Thema Sex abarbeiten: Ihre Bilder und Selbstbilder sind in der Kunstgeschichte kaum repräsentiert

Sexy Blumenbilder: Der Fotograf Robert Mapplethorpe feiert den Eros in "Jack in the Pulpit" (1988, links) und "Orchid" (1989)

Vieles in Sachen Kunst und Sex wurde bereits in den wilden sechziger Jahren endgültig definiert

Ikone feministischer Kunst: das "Tapp- und Tastkino" von VALIE EXPORT aus dem Jahr 1968

Würden Sie sich dieser Frau nackt zeigen? Marlene Haring bat 2009 Besucher zum Striptease

Der Swingerclub als Installation: Christoph Büchel holte "Element6" in die Secession

Marlene Dumas setzte sich früh mit Porno-Ästhetik auseinander: "Stripper" (1999, 50 x 60 cm)

Thomas Ruff: "nudes fj 23" (2000, 122 x 139 cm)

1975 tauschte Marina Abramovi´c die Rolle mit einer Prostituierten in Amsterdam

"Fucked" ist der Titel von Alex McQuilkins Videoarbeit aus dem Jahr 2000; es zeigt die Künstlerin beim Versuch, sich während des Aktes zu schminken

Der Mann als Objekt des "weiblichen Blicks" - diese Konstellation gibt es bei Künstlerinnen relativ selten

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