Ausgabe: 12 / 2010

Wer hat Angst vor Ratte und Bär? - Tierversuche

Seit über 30 Jahren schlüpfen Peter Fischli und David Weiss in die Rolle von Ratte und Bär. Auch für Katzen, Hunde und Schweine hat das Künstlerduo eine Vorliebe. Zeit, den animalischen Obsessionen auf den Grund zu gehen

BIRGIT SONNA

Alles begann mit einem Kostümverleih auf der Melrose Avenue.

David Weiss, der sich 1979 eine Auszeit von der Schweizer Kunstszene in Los Angeles gönnte, hatte in einem Schaufenster die Ganzkörpermaske eines Affen entdeckt.

Und als sein frischgebackener künstlerischer Mitstreiter Peter Fischli aus Zürich zugereist kam, begann man in dem offenbar für Hollywood-Komparsen geschaffenen Laden "Western Costumes" herumzustöbern. Fischli und Weiss wurden schnell fündig. Aus einer Nische zogen sie das altmodische Plüschkostüm einer Ratte sowie das eines Pandabären hervor. Die Verteilung der polar angelegten Rollen war schnell klar. Weiss (Jahrgang 1946) schlüpfte in die dicke Kunstfellhaut des Bären, während Fischli (1952) sich das Rattenkostüm überstreifte. Ein Starduo der Kunst und eine Legende waren geboren - nicht zuletzt dank der neu entdeckten Tiermaskeraden.

Das seit 1979 unter dem Doppelnamen Fischli/Weiss firmierende Kunstpaar sollte unter dem Deckmantel von Ratte und Bär noch etliche Abenteuer bestehen. Die am Wanst dick ausgebeulten Tierkostüme wurden jedenfalls fester Bestandteil im Kunstgepäck der beiden launigen Schweizer.

Part I der mittlerweile drei Teile umfassenden famosen Filmreihe zu Ratte und Bär nahmen Fischli/Weiss dann noch in Los Angeles in Angriff. Ohnehin hatte David Weiss dort einen Film drehen wollen, es fehlte ihm letzten Endes aber das entsprechende Budget.

So machten sich die beiden mittellosen Kunstschwerenöter in dem Super-8-Film parodistisch daran, ihre finanzielle Schieflage zu korrigieren.

Ratte und Bär alias Fischli/Weiss treffen sich auf der Brücke über einem Highway zu einem Ganovencoup in der Kunst- und Finanzwelt: "Wir steigen ganz groß ein, und zwar vorne, und starten senkrecht. Pffft!! Wir verstehen zwar nichts davon." "Noch nicht!" "Aber das wird sich schnell und gründlich ändern." In dem 1981 fertiggestellten Film "Der geringste Widerstand" sieht man das tapsige Tierpaar schließlich auf einer "Bildungsreise". Abenteuerlich aufgelegt, kutschieren Bär und Ratte wie in einem Roadmovie durch die Prärie, fläzen sich dann wieder faul am Swimmingpool einer kalifornischen Villa. Zwischenzeitlich geschieht ein Mord: Der Körper einer ausgestopften Puppe findet sich brachial in einer Galerie niedergestreckt. Ratte und Bär geraten über die Aufklärung der Gewalttat in Streit, versöhnen sich am Ende aber auf einer Metaebene in kunstphilosophischem Wohlgefallen. Abgründiger Tiefsinn und kurioser Blödsinn überblenden sich von da an bei Fischli/Weiss bis zur vollkommenen Indifferenz.

Fischli/Weiss haben sich in der Zürcher Punkszene Ende der siebziger Jahre gefunden. Nicht zuletzt wegen ihrer subversiven Nonsens-Botschaften gehören sie heute zu den gefragtesten "Konzeptartisten" der Gegenwart. Mit ihren Filmarbeiten treiben sie den auf Läuterung angelegten Fabelgeschichten langsam, aber sicher jede Moral aus. Hatte bei Jean de La Fontaine, dem französischen Meister der Tierfabel, der anschauliche Lehrcharakter absolute Priorität, so entleeren Fischli/Weiss sogenannte höhere Weisheiten bis zur absurden Banalität. Ihre Vorliebe für Tiere ist seit dem Los- Angeles-Abenteuer jedenfalls ungebrochen. Ein veritabler Zoo von Knet- und Schnitztieren füllt mittlerweile das OEuvre der beiden Schweizer. In dem berühmten Werk "Plötzlich diese Übersicht" (1981), mit dem Fischli/Weiss letztlich der Durchbruch gelang, tummeln sich auf wechselseitiger Augenhöhe - also in wahnwitzig gleichgeschalteter Größe - Maus und Elefant, Schweine und Raubvögel, vermenschlichte Tiere und animalisierte Humanwesen. Eine fantasmenhafte Fauna aus ungebranntem Ton. Und mit den heute von Assistenten in dem Zürcher Atelier geschnitzten Hartschaumtieren aus billigem Polyurethan ließe sich mittlerweile eine kleine Arche Noah ausstatten. Hier trifft man auf die naturalistisch vor der eigenen Ferkelbrut flachgelegte fette Muttersau ebenso wie auf das vermenschlichte Rudel und verschwörerisch zusammengerottetes Nagegetier. Ganz zu schweigen von den unsichtbaren, sprich den verwursteten Tieren, die sich in Form von Mortadellascheiben, Cervelatwurststücken und Wiener Würstchen in Fischli/Weiss' "Wurstserie" zu regelrechten Stadtlandschaften auftürmen. Auch eine Modenschau en miniature haben die beiden bereits kindgerecht mit zerlegter und wieder delikat arrangierter Metzgerware bestritten. Todschick im wahrsten Sinne des Wortes dieser Laufsteg des zermalmten Fleisches. "Tiere essen wir, aber gelegentlich fressen sie auch uns", lautet eine Fischli/Weiss-Weisheit.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Als ausgesprochene Tierliebhaber kann man Fischli/Weiss eigentlich nicht bezeichnen. Weder besitzen sie selbst Haustiere noch neigen sie zum radikalisierten Vegetarier- oder Tierschützertum dieser Tage. Und im Grunde genommen geht es den beiden mit Parzival vergleichbaren vertrottelten Glückssuchern Ratte und Bär in ihren allegorischen Rollenspielen auch mehr um den Zweibeiner als den Vierbeiner. Um die lachhafte Hinfälligkeit allen Lebens, aber auch die liebenswerten Koinzidenzen zwischen Kreatürlichem und Kultiviertem, Instinkt und Intellekt, Subjektivem und Objektivem.

In diesem Sinne sind Ratte und Bär Stellvertreter von polaren Charakteren der Menschheit. Während der Bär gerne den freizeitbetonten, lässigen Hedonisten gibt, sucht die kunstphilosophisch gestimmte Ratte unter anderem nach dem Zusammenhang zwischen Wahrheit und Schönheit. Jedwede Übereinstimmungen mit ihren eigenen Persönlichkeiten seien rein zufälliger Natur, behaupten Fischli/Weiss. Überhaupt handle es sich bei den Plüschmonstern auch um Mischwesen. Oder wann hätte man je eine derart tropfnasige Ratte oder einen derart frackmäßig gezeichneten Pandabären gesehen? Sich Tiere als Menschen und Menschen als Tiere zu denken, sei immerhin seit dem griechischen Dichter Äsop ein Riesenthema in der Philosophie. Diese Imagination gehört laut Fischli/Weiss zu einem Grundmuster des Erkennens, was das Menschsein denn nun eigentlich ausmache.

Gut, aber wodurch zeichnet sich der Mensch nun im Spannungsfeld von Zivilisation und Natur aus? Fischli/Weiss setzten 1982/83 die Suche nach ihrer höheren Berufung mit ihrem Film "Der rechte Weg" fort. Teil zwei ihrer Expedition von Ratte und Bär spielt folgerichtig im Schweizer Hinterland. Die beiden Kunsttiere wandern auf den Spuren von Nietzsche, Hölderlin & Co schließlich durch eine verschneite Gebirgslandschaft, proben dort eine Art Urbrummton: "Das ist tief! Das geht noch tiefer!", spornen sie sich gegenseitig zur esoterischen Erkundung des eigenen Inneren an.

Beim bizarren Lagerfeuer mitten in der vereisten Gebirgsnacht schlagen sie rhythmisch mit Stöcken, blasen in alphornähnliche Instrumente. Es ist, als träfe sich das Schamanentum mit Voodoo und Almdudler. "Ich selbst komme aus einer großen, dicken Wurzel", sagt die Ratte, "du wahrscheinlich auch." In der Sammlung Goetz, wo die beiden Schweizer derzeit eine Einzelausstellung haben, kann man neben der heiter verspielten "Wurstserie" nun erneut das zweiteilige Filmepos von Ratte und Bär aus dem Reich der Tiere von Fischli/Weiss bestaunen.

Unendlich viel ist über den Erfolgskurs des nonchalanten Paars Fischli/Weiss geschrieben worden - sie rangieren laut Kunstmarkt- Kompass des Magazins "Capital" derzeit auf Platz 11 der 100 größten lebenden Künstler der Welt. Und auf der "Power 100"-Liste des britischen Kunstmagazins "ArtReview" landeten sie gerade auf Platz 31. Bei allen gekonnten Auslegungsversuchen zu ihrem Spagat zwischen Hoch- und Trivialkunst blieb seitens der Rezensenten ein Rest Verwunderung über das kapriziöse Duo, das zwischen Fotografie, gefundener Werbung, Filmhandlungen, Skulpturen in dilettantisch modellierter sowie perfekt geschnitzter Form scheinbar unbekümmert hin- und herschlendert. Eigentlich muss man nur die durchgehende Metamorphose zwischen Tier und Mensch in ihrem OEuvre etwas näher in Augenschein nehmen. Auf diesem Sektor kommt man den beiden gerissenen Nihilisten wohl mehr auf die Schliche, als wenn man konzentriert einzelne Werkgruppen unter die Lupe nimmt.

2001 zeigten Fischli/Weiss auf der Riesenleinwand des New Yorker Times Square nichts als den Videofilm einer Katze, die genüsslich das Milchschälchen vor ihren Tatzen ausschleckt. Und auch sonst kommen Katze und Hund in ausgesucht trivialen Bildern immer wieder in ihrem Werk zu Ehren - auch in Fotografien von berückend kitschiger Sentimentalität, die mehr oder weniger entfernt an das tierliebende Herz von Zoohandlungskunden appellieren.

Im Gegensatz zu dem Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher hätten sie keine Angst vor Stimmungen, betonen Fischli/Weiss süffisant. Quälend ungelöste Fragen wie "Was denkt mein Hund?" rührten schließlich an den Grundfesten des Menschseins.

Fischli/Weiss toben in der ironischen Tiermaske von Ratte und Bär ihr Unwesen aus, indem sie tatsächlich kindergleich die Grenzen zwischen Wissen und Experiment, Leben und Kunst torpedieren. Dass viel von ihrem jeweiligen Naturell in der Figur von Ratte und Bär steckt, davon kann man trotz anderslautender Behauptungen der Künstler ausgehen. Ein Fall für den Analytiker?

Es sei überhaupt erstaunlich, wie wenig ein Kostüm das Wesen einer Person verstecken könne, geben die beiden dann doch zu. Generell entziehen sich Fischli/Weiss dem Medienzugriff: Interviews geben sie so gut wie nie, zitieren darf man sie allenfalls in der indirekten Rede. Stattdessen hat man ihren wie eine Aphorismensammlung angelegten Fragenkatalog, der in Leuchtschrift an die Wand geworfen wird und unter dem Titel "Findet mich das Glück?" auch in Buchform erschienen ist. Im O-Ton lauten die doppelbödigen Fragen der Hasardeure: "Steht Herr Wahnsinn vor der Tür?", "Soll ich meinen Sorgen weniger Beachtung schenken?" oder "Kommen Meinungen von selbst?" Das Versteckspiel hat bei Fischli/Weiss jedenfalls Methode. Nur zu gerne würde man Mäuschen spielen, um sie in ihrem Atelier am Stadtrand von Zürich beim Aushecken neuer Pläne zu erleben. Aber vermutlich wäre dann der ganze Zauber dahin.

Kluge Narren sollte man ihre Kapriolen einfach ausleben lassen, erst dann entfaltet der (Un-)Sinn seine ganze ambivalente Wucht.

Die Trilogie von Ratte und Bär findet nach einer Drehpause von über 20 Jahren nun mit einem noch unvollendeten Mailand-Kapitel einen Abschluss - einen vorläufigen, wie die beiden Künstler meinen.

Nach der amerikanischen Hollywood-Groteske, nach dem existenziellen Höhenrausch in den Bergen schleusten sich Ratte und Bär vor zwei Jahren anlässlich eines Ausstellungsprojekts von Fischli/ Weiss mit der Fondazione Nicola Trussardi in den Palazzo Litta ein.

Thema ist diesmal die elitäre Kultur. Und dem Tierpaar gefiel die Möglichkeit, in dem Palazzo des 17. Jahrhunderts ein Spektakel zu inszenieren. Atmosphärisch bekomme man den Eindruck, es lebte in dem verschlissenen Gemäuer noch jemand aus einem verarmten Adelsgeschlecht. Nur so viel sei noch verraten: Das unzertrennliche Tierpaar ist größenmäßig etwas eingegangen und begegnet seinem völlig geschrumpften Ahnenabbild in den antiquierten Vitrinen der Sammlung. Dass Ratte und Bär sich demnächst erneut zu einem Abenteuer aufmachen, wollen Fischli/Weiss nicht ausschließen.

Wäre auch zu schade um die Fortsetzung der Antimoralgeschichte.

Oder um es mit einem Buchtitel von Robert Gernhardt, dem von Fischli/Weiss geschätzten, vor vier Jahren verstorbenen Schriftsteller, zu sagen: "Ein gutes Schwein bleibt nicht allein."

Ausstellung: Peter Fischli/David Weiss, bis 12. März 2011, Sammlung Goetz, München.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro. Literatur: Peter Fischli, David Weiss:

Are Animals People?, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid 2009; Fischli Weiss. Fragen & Blumen. Eine Retrospektive, JRP Ringier Kunstverlag, 2006; Peter Fischli, David Weiss: Findet mich das Glück?, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2002. Galerie: Sprüth Magers, Berlin, London

Bildunterschrift:

Ratte und Bär (I): Stills aus dem neuesten Film von Fischli/Weiss, "Parts of a Film with Rat and Bear", in dem die plüschigen Protagonisten im Mailänder Palazzo Litta unterwegs sind (2008/10, 54 Min.). Links: Still aus dem Film ohne Titel (Mobile Video), 2008/09, 35 Min. Die Zitate auf dieser und den Folgeseiten stammen aus dem Künstlerbuch "Findet mich das Glück?" (2002)

Ratte und Bär (II): Stills aus dem zweiten Film "Der rechte Weg", in dem die Kunsttiere auf den Spuren von Nietzsche und Co durchs Schweizer Hinterland wandeln (1982/83, 16 mm, 55 Min.)

Ratte und Bär (III): Stills aus "Der geringste Widerstand", dem ersten Film des Schweizer Duos in Tierkostümen, in dem Ratte und Bär sich zum Ganovencoup in Los Angeles treffen (1981, 16 mm, 30 Min.)

Hunde: Still aus "Hunde"-Video, 2003, 30 Min. (1); "Beliebte Gegensätze: echt oder falsch" (2), Objekt aus ungebranntem Ton, Teil der aus 180 Skulpturen bestehenden Arbeit "Plötzlich diese Übersicht" von 1981

Katzen: Skulptur "Büsi" (3) aus der 180-teiligen Arbeit "Plötzlich diese Übersicht" (1981); Still aus dem Video "Büsi" (2000, 6 Min.), das 2001 auf dem New Yorker Times Square lief (4); Detail eines Objekts ohne Titel (Big Table) aus der Serie der Polyurethanobjekte von 1992 (5); Katzenfutterreklame, Detail aus "Sonne, Mond und Sterne" (6), 797 Faksimile-Reprints von Anzeigen, die in 38 Vitrinen präsentiert wurden (2007/08); Detail aus "Fotografías" (7), 2004/05, 108 Schwarzweiß-Fotografien, je 10 x 15 cm

Schweine: Kondomreklame (1), Detail aus "Sonne, Mond und Sterne", 797 Faksimile-Reprints von Anzeigen (2007/08); "Obersau" (2), aus der 180- teiligen Tonarbeit "Plötzlich diese Übersicht" (1981); Detail aus der Serie "Fotografías" von 2004/05 (3)

Ratten: Detail aus "Fotografías" von 2004/05 (4); "Der Untermieter" (5) aus der 180-teiligen Tonarbeit "Plötzlich diese Übersicht" (1981)

Vögel: Schmuckwerbung (6), Detail aus "Sonne, Mond und Sterne" mit 797 faksimilierten Anzeigen (2007/08); Still aus "Videos für Venedig" (7) von 1994/95

Die Künstler David Weiss und Peter Fischli und (ganz oben) ihr Alter Ego in einer Installation ohne Titel von 2008/09 (Ratte und Bär, schlafend), in der zwei Stoffpuppen mit Atemmaschinen ausgestattet sind

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