Ausgabe: 10 / 2010

Tanz auf dem Vulkan

Zwischen Aufbruchseuphorie und Apokalypseahnung, Revolution und Krieg: Eine groß angelegte Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt fügt Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur der Jahre 1905 bis 1925 zu einem schwindelerregenden Gesamtkunstwerk Expressionismus zusammen

THOMAS WAGNER

Die Industrialisierung ist inhuman, die Großstadt anonym und der Mensch ohne Moral. Da helfen nur schrille Weckrufe - oder gleich ein Neuer Mensch. Der Expressionismus fällt in eine Zeit, in der das Alte stürzt und etwas unbestimmt Neues mit Macht und unter Schmerzen ans Licht drängt. Anders gesagt:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden die bürgerlichen Lebensformen zunehmend brüchig. Doch nicht nur die Hohlformen des Lebens werden fragwürdig, und das alte Ich zerfällt. Es zerbrechen auch die Zeilen, es verrenken sich die Glieder, es stürzen die Linien, es toben die Farben, und die Bilder werden dämonisch.

Wie im Kokainrausch, den Gottfried Benn 1917 besingt, wird mit einem Mal "die Kehle rauh", ist flugs "der fremde Klang an unerwähnten / Gebilden meines Ichs am Unterbau".

Tief in der Seele beginnt es zu gären.

Eben war die Welt noch geordnet, nun bekommt sie Schlagseite und kippt ins Wahnhafte.

Etwas später endet der womöglich falsche, weil allzu hoffnungstrunkene Idealismus im industrialisierten Krieg. Ist der halbwegs überstanden und das eben noch in Ekstase versetzte Ich wieder nüchtern, handelt man zweckmäßig und gibt sich betont sachlich. Lange hat das, wir wissen es, in Deutschland nicht gehalten. 1925 erscheint der erste Band von Hitlers "Mein Kampf".

Von nun an tritt der Wahn anders und gefährlicher hervor. Bald werden die wilden Expressionisten als "entartet" verfemt.

Was immer man sonst über sie sagen kann:

Die Zeit, in der - neben Dada, Futurismus, Kubofuturismus und Kubismus - vor allem in Deutschland der Expressionismus seine grellen Blüten treibt, ist randvoll mit Umbruch und Revolution, mit Hoffnung und Rausch. Politisch und sozial ebenso wie künstlerisch. Kaiserzeit, Russische Revolution, die Weimarer Republik und der Erste Weltkrieg sind nur einige Wegmarken einer fundamentalen Umwälzung, auf die zahlreiche Auf- und Ausbruchsbewegungen reagieren - auch der Expressionismus. Nicht nur Malerei und Plastik, sämtliche Kunstformen werden erfasst. Wie Flüssigkeit in einem Schwamm durchdringen expressionistische Visionen die feinen Kapillare nicht allein der deutschen Kultur. Denn am Ende geht es nicht nur um Formen, um spitze oder runde, kristalline oder organische.

Sondern es geht um Intensitäten, darum, wie sich intensiv leben lässt - in diesen haltlosen Zeiten.

Im Rahmen des Gesamtprojekts "Phänomen Expressionismus", in dem Kunst- und Kulturinstitutionen in der Rhein-Main-Region noch bis Februar 2012 vorzuführen versuchen, wie facettenreich das expressionistische Kunstschaffen war, macht es sich eine groß angelegte Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt zur Aufgabe, die künstlerische Quersumme aus diesem großen Marionettentheater zu ziehen. "Gesamtkunstwerk Expressionismus" heißt das Unternehmen, und es umfasst Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur der Jahre 1905 bis 1925. Man fragt sich unwillkürlich:

Weshalb geschieht dies erst jetzt?

Einige Gründe liegen auf der Hand. Der Expressionismus war, das glaubten zumindest viele Zeitgenossen, ein Kunststil, der in der Gegenwart zum Ausdruck verhelfen sollte, was in der mystisch tiefen Seele der Deutschen schlummerte. Aber er war eben auch ein vielfältiges, in sich widersprüchliches und, wie man heute sagen würde, hybrides Phänomen. Ein ganzer Kunstkosmos, der aus vielen Netzwerken bestand.

Hinzu kommt: Bis heute wird an der Trennung in "hohe" und "niedere", freie und angewandte Künste festgehalten, was den Blick zwar immer wieder auf Maler wie Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka oder Ludwig Meidner lenkt, aber selten auf Filme wie "Das Cabinet des Dr. Caligari", auf den Ausdruckstanz von Anita Berber, auf die Körpermasken von Lavinia Schulz, die Ausstattung von Künstlerfesten oder die Architekturfantasien eines Bruno Taut und seiner "Gläsernen Kette". Statt die künstlerischen Gattungen also abermals separat zu behandeln, betrachtet man in Darmstadt Wechselwirkungen und Parallelentwicklungen.

Und zeigt alles nebeneinander: Architekturmodelle und Bühnenbildentwürfe, Filme und Gemälde, Gedichte, Plakate, Masken und Skulpturen - montiert zu einem flirrenden Panorama der expressionistischen Epoche.

Aber ist der Expressionismus deshalb auch ein "Gesamtkunstwerk"? Geht es ums Ganze, weil in dem Gedicht "Weltende" von Jakob van Hoddis, das dieser erstmals 1911 im "Neopathetischen Cabaret" vorgetragen hat, ahnungsvoll festgestellt wird: "In allen Lüften hallt es wie Geschrei"?

Weil pathetisch gestimmte Dichter die Worte so verrenken wie Maler die Glieder der Menschen, die sie malen? Weil Architekten von einem Bauen träumen, in dem alles in einem klingenden Rhythmus vereint sein soll?

Oder weil der Doktor Caligari - als eine der vielen Tyrannenfiguren des Weimarer Kinos - in grotesk verzerrten Kulissen auf eine kollektive psychische Disposition verweist, die spätere Entwicklungen unbewusst vorwegnimmt oder gar herbeisehnt?

Der Begriff "Gesamtkunstwerk", Mitte des 19. Jahrhunderts von Richard Wagner gebraucht, um seine Vision der Vereinigung der Künste im "Kunstwerk der Zukunft" zu bezeichnen, lässt sich nur schwer definieren, also auch nur schwer anwenden.

Hier scheint er zu passen. Denn viele expressionistische Künstler zielen auf übergeordnete Zusammenhänge. Vor allem aber wollen auch sie die Grenzzäune zwischen dem ästhetischen Gebilde und der Realität niederreißen. Nicht nur, um Wahn und Illusion zu preisen, sondern um der Hoffnung auf eine kommende Versöhnung von Mensch und Natur aufzuhelfen, vertrauen sie auf das Schöpferische und zeigen sich gleichgültig gegenüber aller Zweckmäßigkeit und Ökonomie. "Steinhäuser machen Steinherzen", notiert Taut nicht von ungefähr auf einer Skizze. Alles soll wieder beseelt sein, auch wenn überall Dämonen ihr Unwesen treiben und man auf einem Vulkan tanzt, der unweigerlich ausbrechen wird.

Den Expressionismus als Gesamtkunstwerk zu betrachten öffnet für all das die Augen.

Sichtbar wird ein faszinierendes Pensum menschlicher Selbsterlösungsfantasien, die heftig zwischen Aufbruchseuphorie und Apokalypseahnung, Revolution und Krieg hin und her geschleudert werden. Kein Wunder, dass es hier noch viel zu entdecken gibt:

Pathos, Liebe, Lust und Mord, die alte gotische Seele, Bilder eines aufgewühlten Großstadtlebens voller Künstlerehrgeiz, jede Menge Weltbaumeister und Schlafwandler, allenthalben Dissonanzen und Formsprengungen, bis hin zu metaphysischen Spekulationen über das alles bestimmende irrationale Wesen der Ewigkeit.

Kasten:

Das Kulturprojekt: Phänomen Expressionismus Die Schau "Gesamtkunstwerk Expressionismus. Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925" auf der Mathildenhöhe Darmstadt (24.10.-13.2.2011, Katalog: Hatje Cantz Verlag, zirka 50 Euro) findet im Rahmen des groß angelegten Kulturprojekts "Phänomen Expressionismus" statt, zu dem sich mehr als 15 Kunst- und Kulturinstitutionen der Rhein-Main-Region zusammengetan haben. Was 2009 mit Ausstellungen wie "Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt" begann und mit der Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive des Städel-Museums in diesem Jahr einen ersten Höhepunkt erlebte, findet seine Fortsetzung in einer ganzen Reihe weiterer Ausstellungen.

So zeigt das Jüdische Museum in Frankfurt am Main "Else Lasker-Schüler - Die Bilder" (8.9.-9.1.2011), das Stadtmuseum Hofheim am Taunus "BRÜCKE und Blaues Haus - Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath" (14.10.-20.2.2011) und das Museum Wiesbaden die Schau "Das Geistige in der Kunst - Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus" (31.10.-27.2.2011). Die Altana-Kulturstiftung in Bad Homburg präsentiert "Christian Rohlfs - Musik der Farben" (20.11.-23.1.2011). Für November ist überdies ein Konzert des Ensemble Modern Orchestra unter der Leitung von Pierre Boulez in der Alten Oper Frankfurt geplant.

Bildunterschrift:

Plakat zu Robert Wienes Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" von Otto Arpke und Erich Ludwig Stahl (1919/20, 140 x 94 cm)

"Tobbogan Frau" und "Tanzbertchen" mit Masken von Lavinia Schulz auf Fotografien von Minya Diez-Dührkoop (beide 1924)

Otto Dix reagiert auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit einer Explosion der Farben und Formen ("Krieg", 1914, 99 x 70 cm)

Die Tänzer Anita Berber und Sebastian Droste (Foto von Dora Kallmus, 1922)

Dramatischer Auftritt für eine "Arga"-Glühbirne:

Plakat von Leo Gestel (um 1918) für die Firma Philips

Speisen in Kristallformen: das von Walter Würzbach und Rudolf Belling entworfene "Scala-Restaurant" in Berlin auf einem Foto von 1921

Spitze Winkel, stürzende Linien:

Fritz Högers Chilehaus (1922-24) in Hamburg; "Architekturphantasie" von Hans Scharoun (1919)

Düsterer Meilenstein der Filmgeschichte:

"Das Cabinet des Dr. Caligari" entfaltete 1919/20 in grotesk verzerrten Kulissen eine Geschichte von Wahn und Tyrannei, die sich als den Nationalsozialismus vorausahnende Gesellschaftsstudie deuten lässt

Ludwig Meidner malte 1920 den Schriftsteller Max Herrmann-Neiße (101 x 72 cm)

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