Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 108
Von Florenz nach Istanbul
Von
DURCH DEN MONAT MIT: CAREN MIOSGA
M eine kleine Winterreise führt mich zuerst in die Wiener Kunsthalle - zu Martin Parr. Ich liebe seine erbarmungslosen Fotografien von sonnenverbrannten Rentnern oder die appetitzügelnden Detailaufnahmen von Frittentellern.
In Wien ist Parr Teil der Gruppenausstellung "1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?" Vielleicht zeigt er mir diesmal die Ästhetik ostdeutscher Jogginganzüge - oder Sarkozy läuft mit einem Hämmerchen durchs Bild. Als Fotografie-Fan bin ich begeistert von Franz Gertschs Gemälden. Der Schweizer hat den Fotorealismus mit erfunden, für einige seiner Bilder braucht er Jahre.
In Burgdorf zeigt Gertsch seinen Gemäldezyklus "Die neuen Jahreszeiten", der mir einiges abverlangt: üppiges, wild wucherndes Grün im "Sommer", schneebedeckte kahle Zweige im "Winter", und alles von atemberaubender Detailversessenheit.
Noch detaillierter geht Willard Wigan zu Werke: Seine winzigen Skulpturen aus Teppichfasern und Sägespänen liegen in seiner Londoner "Little Eye Gallery" unter Mikroskopen. In einem Interview erzählte er kürzlich, er könne nur zwischen zwei Pulsschlägen arbeiten. Eine Skulptur hat er eingeatmet.
Im Münchner Lenbachhaus freue ich mich dann auf Erwin Wurm - einen Künstler, der zum Umfallen komisch sein kann. Wer Einfamilienhäuser kopfüber auf Museumsdächer montiert, Autos krümmt und in pinkfarbene Fettringe kleidet, der spielt einfach grandios mit unserer Wahrnehmung. Etwas getragener dürfte es bei Sandro Botticelli im Frankfurter Städel-Museum zugehen. Ich wüsste gern etwas über sein Verhältnis zu Frauen, denn so widersprüchlich wie er hat kaum ein Maler weibliche Wesen dargestellt - schon gar nicht im Florenz der Frührenaissance.
Aber selbst wenn die melancholischen Madonnen und nackten Engelchen heute wirken wie überdimensionale Lackbilder aus dem Poesiealbum:
Sie bleiben echte Meisterwerke. Von Frankfurt nach Berlin: Hier lasse ich mir "Istanbul Next Wave" nicht entgehen - die größte Ausstellung moderner türkischer Kunst, die jemals außerhalb der Türkei gezeigt wurde. Für den ersten Überblick empfehle ich "Istanbul Modern Berlin" im Martin-Gropius-Bau, weil dort die türkische Kunst der letzten 100 Jahre eingeordnet wird. Ich mache mich auf einige Überraschungen gefasst - auf die Nacktmodelle des Malers Ibrahim Çalli etwa oder die von politischer Gewalt geprägten Filme Gülsün Karamustafas.
Bildunterschrift:
Die Journalistin Caren Miosga, 40, moderiert seit Juli 2007 die "Tagesthemen" der ARD
