Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 106-107
Zeit für Ruhe und Alpträume
Von Undine Von Rnn
VORSCHAU Gleich zwei Ausstellungen beschäftigen sich mit der Doppeldeutigkeit der Nacht in der zeitgenössischen Kunst
Nachtdarstellungen in der Gegenwartskunst Städtische Galerien, Delmenhorst/Bietigheim-Bissingen, 15.1.-5.4./24.10.-10.1.2010
UNDINE VON RÖNNDie Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Für alle, die ihre Gedanken nicht nur träumend ihren Kissen anvertrauen wollen, öffnet sich nach Anbruch der Dunkelheit ein anderer Zeitraum. In der Nacht erfährt die Tageswelt eine Spiegelung und einen Kommentar", schreibt Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen (siehe auch Gespräch in art 3/2009). Nach der großen Ausstellung "Die Nacht" im Münchner Haus der Kunst 1998/99, die Nachtdarstellungen vom 15. bis ins 20. Jahrhundert zeigte, wird nun in der Städtischen Galerie Delmenhorst eine Schau zum selben Thema zu sehen sein, mit dem Unterschied, dass es sich hier um Werke der zeitgenössischen Malerei handelt.
Auch nach der Erfindung des elektrischen Lichts bleibt die Ambivalenz der Nacht:
Einerseits bietet sie Ruhe und Geborgenheit, ist die Zeit des Nachsinnens und In-sich- Kehrens, andererseits sowohl die Zeit für Wunschträume und Fantasien des Schönen als auch die der Alpträume und der Melancholie.
Barbara Alms, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst, hat zehn Künstler - darunter Armin Boehm, Rosa Loy, Heribert C. Ottersbach und Daniel Richter - eingeladen, sich mit der Doppeldeutigkeit der Nacht auseinanderzusetzen.
Rund die Hälfte der Bilder sind eigens für die Ausstellung (Katalog: Hachmannedition, mit Texten von Thomas Wagner und Dominikus Müller, 19 Euro) entstanden.
Während Maler wie Otto Dix, George Grosz oder Ernst Ludwig Kirchner in ihren Nachtbildern Gesellschaftskritik übten und sich an der Scheinheiligkeit bürgerlicher Moralvorstellungen oder den Gewaltexzessen der beiden Weltkriege abarbeiteten, sind es heute eher räumlich und zeitlich weniger fassbare Themen der globalisierten Welt:
Bei Heribert C. Ottersbachs Bildern "Flucht" oder "Nachtfahrt" erinnern die in der Dunkelheit nur silhouettenhaft zu erkennenden Menschen, die in kleinen Booten aufs Meer hinausfahren, an Migranten, die sich im Schutz der Nacht auf eine gefahrvolle Reise in eine möglicherweise bessere Zukunft machen, Ausgang ungewiss. Armin Boehms in Grauschattierungen gehaltene, düstere Kellerräume, von Neonröhren spärlich beleuchtet, sind beklemmende Orte, die an Foltergefängnisse erinnern, "an faschistische, gewalttätige Regime", wie Barbara Alms meint. Rosa Loy dagegen malt surrealistisch wirkende Traumwelten, die durch Märchen inspiriert scheinen und gleichsam idyllisch und unheimlich anmuten.
Ebenfalls mit dem Thema Nacht beschäftigt sich die Ausstellung "Es werde Dunkel!" in der Städtischen Galerie Bietigheim- Bissingen (bis 10. Januar, danach:
Stadtgalerie Kiel, 30. Januar bis 14. März, Katalog: 15 Euro), die neben Gemälden auch Fotografien, Filme und Installationen von 20 zeitgenössischen Künstlern zeigt (sowohl in Delmenhorst als auch hier vertreten: Karin Kneffel und Norbert Schwontkowski) und untersucht, in welcher Form die Tradition des Nachtstücks weiterlebt. Zu sehen sind Landschaftsbilder ebenso wie solche von hell erleuchteten Großstadtnächten oder nur vom Mond begleitete Autofahrten.
Bildunterschrift:
Putzig und unheimlich zugleich: "Cazareta" von Daniel Richter (2009, 60 x 80 cm, Öl auf Leinwand)
"mk2", Öl auf Leinwand (2001, zweiteilig, je 150 x 220 cm), gemalt von Frank Bauer, der nebenbei auch als Diskjockey arbeitet Thomas Zipp: "GO TO MT. PATTEX 4" (2009)
