Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 22-31
"Ich bin ein nervöser Typ"
Von Claudia Bodin
Kunst macht Dennis Hopper, der Star aus Kinoklassikern wie "Easy Rider", noch länger als Filme. Ein Bildband mit frühen Fotografien des inzwischen 73-Jährigen feiert die Ära der sechziger Jahre und seine alten Künstlerfreunde. art-Korrespondentin traf ihn zum Gespräch
art: Herr Hopper, sind Sie es eigentlich manchmal leid, der ewige Außenseiter und Rebell zu sein?
Dennis Hopper: In meinem Leben war ich in vielen Dingen sehr naiv - und in anderen, Gott sei Dank, sehr stur. Zwar hatte ich früher keine Ahnung, in welche Richtung ich losstürmte. Aber dafür war ich nicht aufzuhalten.
Das erste Mal in 16 Jahren habe ich jetzt die Finanzierung für einen neuen Film zusammen, in dem ich Regie führen werde.
Ein wunderbares Gefühl. Der Film wird hohe Wellen schlagen.
Bei Ihrem neuen Bildband mit Fotografien aus der Zeit von 1961 bis 1967 handelt es sich um eine eher sentimentale Reise in die Vergangenheit.
So viele Leute auf den Fotos leben nicht mehr. Die Bilder sind Geschichte. Dass ein Künstler seine Zeit repräsentiert, ist meiner Meinung nach wichtig. Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen, seit ich den Kurator Walter Hopps gemeinsam mit meinem Galeristen Tony Shafrazi in Houston traf. Walter verwaltete all meine Negative. Damals fing Tony an, an dem Buch zu arbeiten.
Warum besaß der mittlerweile gestorbene Walter Hopps überhaupt Ihr Archiv?
Ach, er hatte mich damals mit dem Fotografen William Eggleston in Taos, New Mexico, besucht. Ich rannte mit Waffen herum, schoss wie wild um mich und war dermaßen betrunken, dass ich den Verstand verloren hatte. Durch die Schießerei war so viel Staub aufgewirbelt worden, dass niemand etwas sehen konnte. Was natürlich total verrückt war, ich hatte sogar ein Maschinengewehr.
Aber dann wurde ich bewusstlos.
Hopps nahm mir die Waffen ab, um sie unter seinem Bett zu verstecken. Am nächsten Tag beschloss er, dass es besser sei, mir meine Bilder ebenfalls wegzunehmen.
Was denken Sie heute über diese Zeit?
Ich war auf Kokain und Alkohol, eine explosive Mischung. Aber weil ich ziemlich entspannt war, war es o.k., mich ein wenig hochzutreiben. Bis ich es zu weit getrieben habe. Heute rauche ich nur noch Gras.
Arbeiten Sie bei Ihren Fotografien konzeptionell oder eher aus dem Gefühl heraus?
Wenn ich fotografiere, denke ich automatisch über die Komposition nach. Meine Bilder beschneide ich nicht, ich arbeite immer mit dem kompletten Negativ. Aber ich bin ein nervöser Typ. Gib mir eine Kamera, und ich fange sofort an loszuschießen.
Was bedeutet Ihnen die Fotografie?
Als ich die Bilder des Buchs fotografierte, beschäftigte mich niemand als Schauspieler.
Denn ich war dafür bekannt, zu viel Ärger zu machen. Es war eine finstere Zeit in meinem Leben, bevor ich zum Film zurückkehrte und in "Easy Rider" Regie führte. Ich dachte damals: Wenn schon nichts anderes passiert, dann fotografiere ich wenigstens.
Schließlich wollte ich etwas nach meinem Tod hinterlassen.
Das dachten Sie schon damals?
Ich hatte den Ehrgeiz, Künstler zu sein und etwas Bleibendes zu schaffen. Es war ja nicht so, dass mich irgendjemand beauftragte. Ich fotografierte, wen und was ich wollte: Martin Luther King, Leute aus der Biker-Szene, Künstler in ihren jungen Jahren. Aufnahmen von anderen Stars gibt es nicht viele.
Heute wünschte ich, dass ich Fotos von Leuten wie Bob Dylan oder Marlon Brando geschossen hätte, mit denen ich viel Zeit verbrachte. Aber ich als Schauspieler wurde ja selbst viel fotografiert, das wollte ich den anderen nicht zumuten. Es hätte sich so angefühlt, als ob ich Ihnen die Privatsphäre rauben würde.
Bei all den Künstlern in Ihren Fotos wie Ed Ruscha, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Jasper Johns oder Andy Warhol hatten Sie keine Skrupel?
Die wollten es, das war ein anderer Deal.
Mit den meisten waren Sie obendrein befreundet und zählten zu ihren frühen Sammlern.
Mein Wissen basiert auf Freundschaften.
Wenn ich im Riviera Country Club in Los Angeles sitze und mich mit anderen Mitgliedern unterhalte, erzählen sie mir, dass sie in Harvard, Yale oder Princeton studierten.
Ich sage dann immer: Mein Studium habe ich bei Warner Bros. absolviert, wo ich mit 18 unter Vertrag genommen wurde. Ich hatte Glück, denn das ermöglichte mir ein Leben voller Kultur. Damals traf ich neben Walter Hopps diese enormen Typen wie George Herms, Wallace Berman und Edward Kienholz. Walter organisierte 1963 in Pasadena die erste große Retrospektive von Marcel Duchamp. Irving Blum stellte Warhols Suppendosen aus.
Sie gehörten zu den ersten, die eines von Warhols Suppendosenbildern kauften.
Für 75 Dollar. Irving Blum zeigte mir damals ein paar Dias, darunter ein Bild aus der Campbell's-Soup-Serie, und einen Lichtenstein.
Vor Aufregung sprang ich herum und sagte: Das ist es! Das ist die Rückkehr zur Realität, von der die Kritiker sprechen! Einen Tag später flog ich nach New York und traf Henry Geldzahler, der am Metropolitan Museum of Art war und mich Roy Lichtenstein, Rosenquist, Jasper Johns und Warhol vorstellte. Warhol war ein reizender Mann.
Ich verbrachte viel Zeit in der Factory und war bei einigen seiner ersten Filme wie "The Thirteen Most Beautiful Boys" dabei. Warhol setzte uns einfach vor die Kamera und verschwand. Fabelhafte Arbeiten.
Zählte Ihr Warhol zu den Werken, die in Ihrer Villa in Los Angeles verbrannt sind?
Der Brand war bereits früher, 1961. So tragisch es war, dass ich all meine Gemälde und Schriftstücke verlor - mit dem Geld, das ich von der Versicherung bekam, fing ich an, Pop Art zu sammeln. Ehrlich gesagt, habe ich mehr Tauschhandel mit meinen Fotos betrieben, als gekauft. In den achteinhalb Jahren, in denen ich mit der Schauspielerin Brooke Hayward verheiratet war, habe ich 22 000 Dollar für Kunst ausgegeben. Die Sammlung ging mit der Scheidung weg.
Wert wäre sie heute so an die 100 Millionen Dollar, denke ich. Der Lichtenstein (Sinking Sun"), den ich für 1100 Dollar gekauft hatte, wurde für knapp 16 Millionen Dollar versteigert. Ich hatte ein hervorragendes Auge und gute Beratung. Dass sich die Malerei nach dem Abstrakten Expressionismus verändern würde, war mir klar.
Die Abstrakten Expressionisten scheinen Sie bei Ihrer eigenen Malerei sehr geprägt zu haben.
Allerdings, ich male immer noch abstrakt, so bin ich aufgewachsen. Aber ich wusste ebenfalls, dass man einen anderen Weg finden muss, wenn man zu der dritten Generation von irgendetwas gehört.
Welcher Künstler hat Sie am meisten beeinflusst?
James Rosenquist, wir haben uns nächtelang unterhalten. 1963 nahm ich ihn mit zu einer Billboard-Company, um ihn dort zu fotografieren. Die riesigen Plakatwände haben mich schon immer fasziniert. Seit wir in der digitalen Welt leben, gibt es noch drei Leute in Los Angeles, die Billboards bemalen.
Vor Jahren habe ich angefangen, meine Fotos wie Werbetafeln auf große Leinwände malen zu lassen. In L. A. sind die Blickpunkte Palmen, Graffiti und Billboards. Der Rest sieht so aus, als ob er nach dem letzten Erdbeben niedergerissen wurde.
Warum hat es Sie trotzdem so lange in L. A. gehalten?
Ich habe an allen möglichen Orten in der Welt gelebt: in Taos, zwei Jahre in Paris, in Mexiko-Stadt, in London. In Deutschland verbrachte ich viel Zeit, als ich mit Wim Wenders "Der amerikanische Freund" (1977) drehte.
Ist Ihnen die Kunst oder Ihre Arbeit beim Film wichtiger?
Als Schauspieler verdiene ich mein Geld, meine Kunst hat mich nur Geld gekostet.
Allerdings war ich immer in der guten Position, dass ich sie nicht verkaufen musste.
Bevor ich mit 17 Jahren anfing, Fotos zu machen, habe ich bereits gemalt. Die Fotografie war meine Rettung, weil ich mich durch sie kreativ ausdrücken konnte.
Was hat Sie als junger Mensch dazu getrieben, sich ausdrücken zu wollen?
Das war mein ganzes Leben so. Ich weiß wirklich nicht, woher dieses Verlangen kommt. Ein visueller Mensch war ich schon immer. Als wir in Kansas City lebten, nahm ich im Nelson-Atkins Museum of Art an einem Programm für Kinder teil. Wir malten, mich zog es in das Theater, um die Schauspieler zu skizzieren.
Was empfanden Sie, als Sie mit 18 das erste Mal auf einem Filmset standen?
Dass es die vollkommene Kunstform war.
Es vereinte sich alles, was ich unter Kunst verstand: das Schreiben, das Set-Design, die Kostüme, das Licht, die Arbeit mit der Kamera.
Jedenfalls ist das der Fall, wenn man einen wirklichen Film dreht und nicht bloß mit der Kamera herumrennt.
Ihr Galerist Tony Shafrazi erzählt gern, dass der Tod von James Dean Sie gerettet hat.
Lass ihn denken, was er will. James Deans Tod war ein tragischer Verlust für mich. Wir arbeiteten gemeinsam in "Denn sie wissen nicht, was sie tun" und in seinem letzten Film "Giganten", so dass wir im letzten Jahr seines Lebens fast jeden Tag miteinander verbrachten. Enge Freunde waren wir nicht.
Ich war damals gerade erst 18 Jahre alt, James Dean 23 - er hatte all diese Affären und ging mit Ursula Andress aus. Aber er interessierte sich für meine Schauspielerei.
Ich hatte Shakespeare studiert und sagte damals brav meine Texte auf. James Dean war der erste Schauspieler, den ich improvisieren sah. Er riet mir, die Dinge wirklich zu tun, anstatt sie vorzuführen. Es ging darum, den Moment zu leben.
Diesen Ratschlag haben Sie dann befolgt.
Und handelte mir damit viel Ärger ein.
Fünf Ehen, vier Kinder und mehr als 130 Filme sprechen für ein bewegtes Leben.
Es war schon ganz o.k. Aber es wäre einfacher gewesen, wenn da nicht dieses Verlangen gewesen wäre, etwas Kreatives zu machen. Und wenn ich nicht immer diese Unruhe in mir gehabt hätte, ob ich die Chance dafür bekomme. Die Schauspielerei ist ein sonderbarer Beruf.
Hat es Sie damals überrascht, dass Sie mit "Easy Rider" Filmgeschichte machten?
Es war der einzige Film, für den Peter Fonda und ich überhaupt Geld bekamen. Leider hat sich niemand sonst mit den Hippies beschäftigt. Der "Summer of Love" war vorbei - und das Thema vom Tisch. Ich wollte, dass "Easy Rider" so etwas wie eine Zeitkapsel sein sollte.
Vermissen Sie die alten Zeiten?
Wir leben wieder in einer derart konservativen Welt! Wie kann es sein, dass sich die Leute darüber aufregen, wenn Janet Jackson beim Super-Bowl der Busen aus dem Oberteil fällt? Was ist aus freier Liebe und all diesen Ideen geworden? Die Hippies beschäftigten sich mit Umweltfragen, mit alternativen Heilmethoden. Sie lebten in Gemeinschaften und betrieben biologischen Anbau. Erwähnt wird das nie. Vielleicht funktionieren diese Ideen diesmal, weil die Leute anständige Haarschnitte haben.
Sie gehörten seit Ronald Reagan für lange Zeit der Partei der Republikaner an, was viele Leute nach wie vor überrascht.
Reagan war weder ein guter Schauspieler noch ein guter Präsident. Damals habe ich ihn gewählt, um einen Wechsel einzuleiten.
Meine ganze Familie sympathisiert mit den Demokraten. Doch ich war müde, der Partei dabei zuzusehen, wie sie das Land in einen Wohlfahrtsstaat verwandelte. Während der beiden Bush-Präsidenten blieb ich bei den Republikanern. Aber dann lernte ich Barack Obama kennen, für den meine Frau fünf Millionen Dollar für den Wahlkampf eingetrieben hat. Es ist wieder Zeit für einen Wechsel, das Land ist in einer miesen Verfassung. Obama halte ich für einen genialen Mann.
Verfolgen Sie die junge Kunstszene?
Ich sehe einfach nicht genügend. Je älter man wird, desto mehr versucht man, mit seiner eigenen Arbeit hinterherzukommen.
Während ich wieder Fotos aus den Sechzigern zeige, habe ich meine digitalen Bilder aus den letzten 15 Jahren bislang nur in Russland ausgestellt. Mein 19 Jahre alter Sohn hat mir nach der Eröffnung meiner Ausstellung in New York erzählt, dass er begriffen hat, wie die Sache läuft. Kunst wird draußen auf der Treppe gemacht, meint er.
Und dann bringt man sie in eine Galerie, und aus ihr wird kommerzieller Unsinn, ein Geschäft. Wahrscheinlich hat er Recht.
Kasten:
Gerade erschienen: das Buch "Dennis Hopper:
Photographs 1961-1967", Tony Shafrazi (Hrsg.), Taschen Verlag, in Deutsch, Englisch, Französisch; mit einer Auflage von 1500 Exemplaren, limitiert, nummeriert und signiert, 500 Euro; mit einer Auflage von 100 Exemplaren, limitiert, nummeriert, signiert und einem signierten Print, 1250 Euro.
Galerie: Tony Shafrazi Gallery, www.tonyshafrazi gallery.com
Bildunterschrift:
"Andy Warhol (in der Factory)" von 1963 - schon früh hatte Dennis Hopper Bilder von ihm gekauft
Westernhelden: "John Wayne und Dean Martin (drehen ,Die vier Söhne der Katie Elder')", 1965
Schauspieler, Fotograf, Künstlerfreund: Dennis Hopper, fotografiert von Terry Richardson
Der Meister der Comic-Adaption auf dem Höhepunkt seines Ruhms: "Roy Lichtenstein in seinem Atelier" (1964)
Den kalifornischen Maler Ed Ruscha porträtierte Hopper 1964 vor einem Fernsehfachgeschäft
Natürlich war Dennis Hopper auch im Sommer der Liebe vor Ort: Er fotografierte den Drogenguru Timothy Leary 1967 in San Francisco
"Niemand beschäftigte mich als Schauspieler. Ich war bekannt dafür, Ärger zu machen"
George Herms im Jahr 1962: Der Künstler war damals mit Assemblagen berühmt geworden
Die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle traf Hopper 1963 in ihrem Atelier
Symbolfigur des amerikanischen Aufbruchs: der Bürgerrechtler Martin Luther King 1965
In der Pop Art war Claes Oldenburg (hier im Jahr 1966) für einprägsame Skulpturen zuständig
"Als ich Warhols Suppendosenbilder sah, wusste ich: Das ist die Rückkehr zur Realität!"
Robert Rauschenbergs Zunge trägt einen Stempel: "Hochzeits-Souvenir, Claes Oldenburg" (1966)
Dennis Hopper war häufiger Gast in Andy Warhols Factory; hier ein Gruppenbild von 1963
Mit ihm war Hopper eng befreundet: der Maler James Rosenquist im Jahr 1964
"Die Nachrichten kommen wieder täglich" - Straßenszene im New Yorker Stadtviertel Harlem, 1962
Werbetafeln sind ein typisches Motiv in Los Angeles: "Fragmentierte Frau" von 1964
Zweifache Perspektive: aus dem Auto schoss Hopper 1961 das Bild "Doppelter Standard"
"Wir leben in einer derart konservativen Welt! Was ist aus den Ideen geworden?"
