Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 81

Die große Verknotung

Von Thomas Wagner

Auch wenn sich die Hauptstadt noch im Glanz des wieder eröffneten Neuen Museums sonnt, in der Berliner Museumspolitik gibt es noch riesige Fragezeichen - und kaum kluge Lösungsansätze, klagt

Der Mensch ist doch viel bescheidener, als man denkt. So ganz im Allgemeinen zumindest. Nehmen wir zum Beispiel Berlin und seine Kunst- und Museumsszene. Da wurde eben noch aus geräumigen Charlottenburger Stuben gegiftet und ellenbogenbreit gefordert, all die weltberühmten Berliner Künstler, die überall auf der Welt ausgestellt würden, nur nicht in Berlin, wo sie doch in Berlin weltberühmt geworden seien, müssten unbedingt in Berlin ausgestellt werden - und dazu bräuchte man unbedingt eine Berliner Kunsthalle, wenigstens eine temporäre.

Und? Kaum ist sie da, schon kräht kein Hahn mehr nach der wenig ansprechenden Kunsthallenkiste und ihrem Programm. Nun wird, Udo Kittelmann sei Dank, Thomas Demand mit seinen fotografierten Papierkulissen gleich in der Neuen Nationalgalerie als neuer Nationalkünstler, gleichsam als ultimatives Deutschlandgerät, gefeiert. Also: Warum nicht gleich so!

Auch auf der Museumsinsel geht es voran. Dort wurde gerade erst das Neue Museum mit Nofretete und Schliemann feierlich wie dereröffnet, was endlich wieder zu langen Besucherschlangen führte und der Bundeskanzlerin - Aug in Aug mit Nofretete - Gelegenheit bot, deutliche Worte zu sprechen: "Auf den Beschluss des Bundestages", sagte sie, "ist Verlass." Das hat uns beunruhigt, hatten wir doch gehofft, der erschöpfte Neoklassizismus des Entwurfs von Franco Stella für das wieder aufgebaute Berliner Stadtschloss, das ja Humboldt-Forum heißt, würde vielleicht doch noch ...

Nicht nur an der Architektur des Schlossersatzes, mehr noch an dessen Nutzungskonzept zeigt sich, wie fatal die Folgen der Berliner Verknotung von Politik und Kultur sind. Seit Hermann Parzinger vor gut eineinhalb Jahren als Nachfolger von Klaus-Dieter Lehmann das Amt des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übernommen hat, wiederholt er gebetsmühlenartig, wie wichtig und notwendig das Humboldt-Forum sei. Das war's dann auch schon. Denn außer dass hier Teile der bisher in Dahlem untergebrachten außereuropäischen Sammlungen zusammenkommen sollen, bleibt alles im Dunkeln. Multikulti im Schloss, für Touristen aus aller Welt. Dagegen wird das viel geschmähte, in seinem Sammlungszusammenhang aber gewachsene Dahlemer Quartier ein wahres Weltmuseum gewesen sein.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass sich - abgesehen von der Insel - in der Berliner Museumspolitik derzeit wenig bewegt.

Es fehlt an Ideen und an Durchsetzungsvermögen. War in den Zeiten, als Peter-Klaus Schuster noch Generaldirektor war, von einem großen Verschiebebahnhof die Rede, auf dem gedanklich komplette Sammlungen, ob nun privat oder öffentlich, hin und her geschoben wurden, so gleicht die Situation jetzt einem ganz wunderbarem Gerät: einer "What Happens Next Machine", wie sie der flinke Reporter Kermit in der Sesamstraße einmal präsentiert hat.

Wie in der Apparatur, die dazu dienen soll, einen Radioapparat aus einiger Entfernung einzuschalten, so ist auch im Fall der Staatlichen Museen zu Berlin alles mit allem verbunden. Auch hier wird stereotyp erklärt, wie es funktionieren könnte.

Tatsächlich aber hängt es hier und hakt es dort, und nichts klappt.

Was wird beispielsweise aus dem Standort Dahlem, wenn Teile der Völkerkunde ins Humboldt-Forum wandern?

Keine Ahnung. Wie geht es auf dem Kulturforum rund um die Neue Nationalgalerie und die Gemäldegalerie weiter? Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie muss dringend renoviert werden, der Eingangsbau zur Kunstbibliothek und zur Gemäldegalerie ist nach wie vor verunglückt und das Kunstgewerbemuseum trotz toller Sammlung nicht zu gebrauchen. Hört man dazu irgendetwas aus dem Büro des Präsidenten der Stiftung? Oder: Wie soll - langfristig - mit den Beständen der Kunst des 20. Jahrhunderts umgegangen werden?

Ist es sinnvoll, die Werke der Neuen Nationalgalerie zusammen mit Teilen der Sammlung Marx langfristig in den Räumen der heutigen Gemäldegalerie zu zeigen? Wenn schon ein Schloss gebaut wird, ist die neue Gemäldegalerie dort nicht am besten aufgehoben? Solche Fragen werden überhaupt nicht mehr öffentlich diskutiert. Und der Generaldirektor? Der will das Denken erst anfangen, wenn es wieder Geld für den Neubau einer Gemäldegalerie gibt.

ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art

Bildunterschrift:

In der Architektur des Schlossersatzes und dem Nutzungskonzept zeigt sich, wie fatal die Folgen der Verflechtung von Politik und Kultur sind