Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 16

Wie wird man Mumienzeichnerin in Ägypten?

Von

INTERVIEW MIT DER ARCHÄOLOGISCHEN ZEICHNERIN SUSAN OSGOOD

Schon als kleines Mädchen war es mein Traum, in ferne Länder zu reisen. Nach Abschluss des Studiums an der Rhode Island School of Design habe ich nach einem Weg gesucht zu reisen, Geld zu verdienen und dabei noch Kunst zu machen - und nach einigen Jahren bekam ich tatsächlich einen Job am Orientinstitut der University of Chicago in Luxor, die mich 1985 zu meinem ersten Einsatz vermittelte.

Wie ist es, in einer jahrtausendealten Grabkammer zu arbeiten?

Es ist eine sehr besondere Stimmung. Die Sarkophage in KV63, der 2005 zuletzt im Tal der Könige entdeckten Grabkammer, waren schwarz von den Abbauprodukten, die Millionen von Termiten hinterlassen haben. Und sie waren so fragil, dass selbst ein Atemhauch reichte, um Teile zerstauben zu lassen. Natürlich darf ich bei der Arbeit nichts berühren, obwohl ich viel Maß nehmen muss.

Warum ist es wichtig, die Fundstücke zu zeichnen? Sind Fotos nicht genauer?

Wir denken nur, dass ein Foto ein exaktes Bild ist! Aber das ist es nicht. Unsere Augen sehen anders als Fotoapparate. Ich vermesse die Gegenstände aus allen möglichen Winkeln, die Ergebnisse übertrage ich Punkt für Punkt aufs Papier, und dann verbinde ich sie. Wir sehen einen Gegenstand automatisch aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig, mit einem Fotoapparat müsste ich viele einzelne Bilder machen und die später zusammensetzen - und selbst dann könnte ich nicht die Exaktheit erreichen, mit der unser Auge Details wie Materialbeschaffenheiten erschließt. Mit dem Bleistift hingegen geht das! Das kann man gut anhand der Ausstellung meiner Zeichnungen im Ägyptischen Museum in Bonn nachvollziehen. Sie ist noch bis Juni 2010 zu sehen.

Bildunterschrift:

Susan Osgood bei der Arbeit im Grab