Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 74-80

Wahrheiten über Afrika

Von Adrienne Braun

Die Berliner Künstlerin Peggy Buth kombiniert in ihren aufwändigen Recherchearbeiten zum Thema Kolonialismus verschiedenste Medien und Materialien zu einem Gesamtkunstwerk - und entlarvt dabei Wissen und Wahrheit als trügerisch

Es geschah im Dienste der Forschung.

In Afrika bekam Henry Morton Stan ley einen Sklaven geschenkt, einen jungen, hübschen Burschen mit samtener Haut. Stanley nahm ihn als Pagen mit nach Europa. Er ließ ihn vor Kollegen tanzen und singen und fotografierte ihn in kuriosen Kostümen, als sei er ein exotisches Tierchen. Alles zu Forschungszwecken? Bei Peggy Buth kann man Zweifel bekommen.

Sie hat sich die Novelle "My Kalulu, Prince, King and Slave" (1874) vorgenommen, in der der Afrikareisende Stanley von der Freundschaft zwischen dem arabischen Sklaven Selim und dem afrikanischen Prinzen Kalulu erzählt. Auch wenn Novelle und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind, liegt der Verdacht nahe: Den walisisch-amerikanischen Journalisten Stanley (1841 bis 1904), der im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. den späteren "Unabhängigen Kongostaat" kartografierte und dort Straßen bauen ließ, trieb nicht nur nüchternes Forscher interesse nach Afrika, sondern auch homoerotisches Begehren.

Die Berliner Künstlerin Peggy Buth hat Stanleys Novelle in ihrer Ausstellung "Desire in Representation" aufgearbeitet - auf ihre ganz eigene, schwierige Weise. Denn Peggy Buth kombiniert Videoarbeiten, historische Fotografien, Installationen, Bilder, Soundinstallationen, Möbel und Bücher. Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart präsentiert derzeit ihre erste große Ausstellung.

Sie wird bestimmt von der alten Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk. Buth hat elf Räume inszeniert, die assoziativ um die Themen Kolonialisierung und das Anderssein kreisen.

Am besten lässt sich der Besucher wie ein Flaneur durch diesen visuellen Essay treiben und verlässt sich auf die eigenen Empfindungen und Assoziationen. Peggy Buth hat eine knappe Formel gefunden für ihre Versuchsanordnung:

"Eine Idee wird in verschiedene Medien transformiert - und die verschiedenen Teile werden schließlich wieder im Raum zusammengebracht." Das sagt sich leicht, aber auch für sie ging eine extrem lange Zeit des ziellosen Experimentierens mit verschiedenen Materialien und Medien voraus - ohne Orientierung, ohne erkennbaren Zusammenhang.

Als Peggy Buth 1994 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ein Studium der künstlerischen Fotografie begann, merkte sie bald, dass sie "das nicht zu frieden stellt", dass sie "anderen Input" will. Also geht sie nach London, aber auch da stattet sie dem Saint Martins College of Art and Design nur selten einen Besuch ab, ist eineinhalb Jahre meist in der Stadt unterwegs, fotografiert und zeichnet. Zurück in Leipzig geht sie in die Klasse für bildende Kunst von Astrid Klein, ein "ziemlich bunter Haufen von Malern, Medienkünstlern und Designern".

Aber wieder nur eine ernüchtern de Bilanz: "Keine zündende Zeit." Peggy Buth ist eine leise, ernsthafte Person.

Sie ist vorsichtig und kontrolliert.

Eine Eigenbrötlerin, eine, die nirgendwo richtig reinpasst und stoisch ihren Weg geht, auch wenn sie über Jahre am wenigsten weiß, wohin sie eigentlich will. Während eines Stipendiums in Maastricht besucht Buth 2005 das Königliche Museum für Zentralafrika im belgischen Tervuren. Unter dem skeptischen Blick der Mitarbeiter fotografiert sie Ausstellungsstücke und Vitrinen, Trophäen, Bronzeskulpturen von Eingeborenen mit gezückten Waffen, aber auch Umbauten in der neoklassizistischen Architektur, die erkennen lassen, wie Repräsentation im Museum funktioniert. Monate lang fotografiert sie mit einer Analogkamera, "eine lange Angelegenheit, sehr beschwerlich", erinnert sie sich. Schwerer aber wiegt die bohrende Frage: "Warum tust du das?" Eines ist aber sicher: Das Interesse an der Fremde hängt mit ihrer Biografie zusammen.

Peggy Buth, 1971 geboren, ist in der DDR aufgewachsen - begleitet von der steten Sehnsucht nach der weiten Welt. "Ich denke, dass die Arbeit, die man macht, immer mit einem zu tun hat" sagt sie, "selbst wenn man das nicht wahrhaben will." Als Kind liest sie begeistert "Männliches, Abenteuerbücher, Trivialliteratur, Schundliteratur".

Im Laufe der Jahre ist eine beträchtliche Bibliothek angewachsen, die sie nun ebenfalls in die Ausstellung integriert hat und hinter Glas in einem Regal präsentiert.

Die Buchtitel erzählen vom Mythos der Fremde und von Abenteuerlust - sei es Luis Trenkers "Leuchtendes Land" oder Nico Backés "Gerd schafft's in Afrika". Aber sie spiegeln auch die Arroganz der westlichen Kolonialherren: "Afrika - nackt und angezogen" oder "Als deutscher Arzt unter schwarzen Medizinmännern".

Bei ihrer Recherche stößt Peggy Buth immer wieder auf das Thema "Männer auf Europaflucht" und auf Männer, die in die Fremde gehen, um dort ihre homosexuellen Wünsche ausleben zu können. In diesem Zusammenhang entdeckt sie auch die Novelle von Stanley, liest seine Tagebücher, beschäftigt sich mit Kolonialgeschichte und der Frage, wie Museen das Fremde präsentieren und bewerten. Sie macht gemeinsam mit dem Gestalter Till Gathmann das zweibändige Künstlerbuch "Desire in Representation" (2008), das nicht linear konzipiert ist, sondern eher wie eine Wucherung: Historische Fakten, Stanleys Expeditionen und seine Novelle, Fotografien und Bilder werden mittels Querverweisen in Zusammenhang gebracht und zeigen, wie ein Archiv funktioniert und Wahrheit konstruiert.

Parallel dazu entstehen in ihrem Berliner Atelier Skulpturen und Bilder - häufig spielerisch aus einer Laune heraus. "Ich mache viel spontan", sagt Buth. So entdeckt sie eher zufällig eine Technik, mit der sie in Teppiche, billige Auslegeware von der Rolle, Zeichnungen fräst - zur Methode gefragt, sagt sie nur so viel: Es wird mechanisch Wärme erzeugt, "um das Material an seine Grenzen zu treiben". Aus zähem, klebrigem Teer macht sie halbabstrakte Landschaftsbilder.

Und als sie mal wieder zwischen diesen vielen verschiedenen Arbeiten steht, ist ganz unerwartet die Antwort da: "Ich muss in den Raum gehen, das ist das Entscheidende." Denn im Zusammenspiel mit dem Raum entstehen Bezüge und neue Bedeutungen. In einer Diaprojektion kontrastiert Buth einen kitschigen Sonnenuntergang mit Fotografien einer Urwaldexpedition im Jahr 1942. Es folgen die Fotografien aus dem Museum in Tervuren. Sukzessive wird das eurozentristische Weltbild freigelegt, und man begreift, wie der westliche Blick Wirklichkeit interpretiert und als gültig darstellt. Bei den Installationen "listeners & typewriters" hat Buth Kinostühle und alte Olympia- und Triumph-Schreibmaschinen aufgereiht, und man hört nun förmlich, wie mit schweren Tasten Kulturgeschichte aus westlicher Perspektive festge schrieben und der Öffentlichkeit verkündet wird.

Wie eine blutige Trophäe eines Forschungsreisenden erscheint nun plötzlich auch die rote Auslegeware an der Wand. In einem riesigen, satt mit Schellack überzogenen Schreibtisch spiegelt sich die Arroganz des - vermeintlich - wissenden Experten. Die Liebesgeschichte zwischen Selim und Kalulu hat Buth in Videosequenzen inszeniert und auf mehrere Räume verteilt.

In brillanten Bildern zeigt sie das Ritual der Blutsbrüderschaft oder eine Jagdszene, wobei die unübersehbar im Studio gedrehten Szenen auf Motive der Kunstgeschichte wie der christlichen Ikonografie verweisen. "Ich wäre dumm, das nicht zu verwenden", sagt Buth, "weil wir darüber interpretieren." Das ist ihr eigentliches Thema: den Horizont zu öffnen. Vermeintlich festgezurrte Bedeutung zu relativieren und neue Lesarten zu ermöglichen und immer wieder zu hinterfragen: Wer spricht hier eigentlich?

Welche Autorität steckt dahinter? Wie verlässlich ist eine Quelle? Das, was als gesichertes Wissen gilt, lässt sich durch den neuen Kontext in der Ausstellung plötzlich anders lesen; so entpuppt sich die romantische Männerliebe als Macht- und Kulturkampf.

"Ich will keine erneute Festschreibung, sondern die Öffnung von ehemals festgelegten Bedeutungen", sagt Buth. Deshalb soll jeder Besucher der Ausstellung seine eigene "Leserichtung" wählen, Objekte, Bilder, Installationen nach eigenem Gusto zusammenbringen - ob bewusst oder assoziativ.

Und wie geht es weiter? Fließend. Die Stuttgarter Ausstellung versteht Buth nicht als Arbeit, "die man so konservieren muss", sondern sie wird die einzelnen Werke in späteren Präsentationen vielleicht neu arrangieren - oder auch verkaufen.

Selbst wenn sich über den Kontext neue Sinnzusammenhänge erstellen lassen, begreift Buth die einzelnen Werke als autonom.

"So wie ich mit Arbeiten umgehe, spricht nichts dagegen, dass Sammler einzelne Arbeiten kaufen", sagt sie, wobei sie die Werke nicht gern in die Fremde entlässt.

Aber: "Mit Einzelstücken kann nicht so viel Unsinn getrieben werden", sagt sie, "obwohl sie ihre Brüderchen und Schwesterchen im Geist vermissen."

Kasten:

Ausstellung: "Desire in Representation", Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, bis 3. Januar 2010, www.wkv-stuttgart.de Galerie: Klemm's, www.klemms-berlin.com

Bildunterschrift:

Installation "listeners & typewriters" (2009) und die rote Teppicharbeit "fireworks on the day of their arrival, after the welcoming speech" (2007) im Württembergischen Kunstverein, Stuttgart

Am besten lässt man sich wie ein Flaneur durch Peggy Buths visuellen Essay treiben

In der Ausstellung präsentiert Buth auch eine Auswahl ihrer Büchersammlung zum Kolonialismus in einem Regal hinter Glas

Das Interesse an der Fremde hängt auch mit Buths Jugend in der DDR zusammen

In Teer geritzt: "a lion shot at midnight" (2005, 125 x 110 cm)

In brillanten Bildern entpuppt sich romantische Männerliebe als Macht- und Kulturkampf

Stills aus Buths fünfteiliger Videoarbeit "O, My Kalulu" (2009), in der sie Szenen aus einer Novelle des Afrikaforschers Henry Morton Stanley inszeniert

Peggy Buth vor ihrer Skulputur "Monument" (2005; Foto: Niels Schubert)