Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 56-61
Bilanz 2009: Politik ist in!
Von
Sozialforschung auf dem Balkan, Kalter Krieg, feministische Körperkunst - bei den Ausstellungen des letzten Jahres gab es eine Rückkehr zum Politischen, belegt unsere große Kritikerumfrage
1 Welche Ausstellung des Jahres 2009 war für Sie die wichtigste und warum?
2 Welche Ausstellung des Jahres 2009 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum?
3 Welche/r Künstlerin/Künstler, deren/dessen Werk Sie 2009 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert ?
Philippe Dagen, "Le Monde", Paris 1 Die Istanbul-Biennale: Sehr kohärent um politische und soziale Fragen bemüht, erlaubte sie es, Werke aus dem Nahen Osten, Zentralasien, der ehemaligen UdSSR und dem Balkan zu entdecken. Von den Biennale-Kommissaren wurde bei der Auswahl und der Orchestrierung der Schau echte Forschungsarbeit geleistet.
2 Die Venedig-Biennale: Inkohärent, mit sehr wenig Entdeckungen, vielen schon sehr bekannten Arbeiten, glich sie mehr einer Ausstellung für eine Auktion als einer Biennale für lebendige Kunst. Überstrahlt wurde sie zudem von der neuen Präsentation der Sammlung Pinault in der Punta della Dogana.
3 Eine sehr junge französische Künstlerin, die sich mit Malerei und Graffiti beschäftigt:
Raphaëlle Ricol. Sie entwirft Bilder von beunruhigender Gewalttätigkeit mit einer formalen Leichtigkeit, die ebenfalls sehr beunruhigend ist.
Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1 Es gab viele gute Ausstellungen, Roman Ondák im MoMA, Sergej Jensen in den Kunst-Werken in Berlin - aber die wichtigste findet im Weißen Haus statt: Die Obamas schreiben dort die amerikanische Kunstgeschichte neu und lassen aus den Depots der großen Museen all jene afroamerikanischen Künstler und Künstlerinnen an die Wände des Amtssitzes bringen, die von der weißen, männlichen Kunstgeschichtsschreibung bisher marginalisiert wurden.
2 Erstens: Die Temporäre Kunsthalle in Berlin (bis zum Personalwechsel im Sommer, nach dem vieles besser wurde) - langweilige Architektur, biederes Programm, das dem Kunstlaien so weit entgegenkam, dass er auch gleich zuhause bleiben konnte. Das tat er dann auch. Zweitens: "Die Kunst ist super!" im Hamburger Bahnhof in Berlin. Künstlerischer Deportationskitsch von Robert Kusmirowski in der großen Halle, nebenan die Flick- Kollektion mit ihrer unseligen Vorgeschichte: alles eher nicht so super.
3 Chu Yun, der die unterschwellige Ikonographie des neuen Chinas auseinandernimmt wie sonst kaum einer. Thea Djordjadze, die in ihren minimalistischen Skulpturen die Utopien, Brüche und Ruinen der Moderne rettet und weiterspinnt. Und: Sou Fujimoto Architekten, die mit ihrem Haus in Kumamoto, in dem es keine Möbel, keine Wände, sondern nur eine labyrinthische Wohnspirale gibt, eine der besten Skulpturen des ausgehenden Jahrzehnts gebaut haben.
Barbara Basting, Radio "DSR 2", Zürich 1 "Ai Weiwei: So sorry" im Haus der Kunst, München.
Ai Weiwei kennt die Sprache totalitärer Propaganda und wendet sie mit List für seine aufklärerischen Zwecke an - um uns, ein satt und schläfrig gewordenes westliches Publikum, daran zu erinnern, dass Kunst gerne auch einmal der Kommunikation eines wirklich wichtigen Inhalts dienen darf.
2 Die Eröffnungsausstellung der Sammlung François Pinault in der Punta della Dogana und im Palazzo Grassi, Venedig. Die klotzige Präsentation offenbarte die traurige Fratze des Sammlertycoons: erst viel Geld raffen, dann Hitlisten-Kunst en gros einkaufen - ging es hier um etwas anderes als die pure Demonstration von Macht?
3 Arbeiten des jungen Schweizer Künstlers Kilian Rüthemann waren mir schon seit einiger Zeit aufgefallen - seine minimalistischen, so präzisen wie poetischen Installationen in den Räumen des Kunsthauses Glarus haben mein Interesse an seinem Werk noch verstärkt.
Hanno Rauterberg "Die Zeit", Hamburg 1 Viele große, viele gute Ausstellungen in diesem Jahr. Besonders wichtig: "Kunst und Kalter Krieg - Deutsche Positionen 1945-1989", erst in Los Angeles, später in Nürnberg und Berlin zu sehen.
Anders als die unsäglich bornierte "60 Jahre, 60 Werke"-Schau in Berlin durchkreuzte diese Ausstellung viele Ost-West-Vorurteile und entdeckte Gemeinsamkeiten, die so noch niemand gesehen hatte.
2 Die Istanbul-Biennale nahm Nachhilfe bei Bertolt Brecht und wollte den Kommunismus reanimieren. Heraus kam kaum mehr als billige Polit- Propaganda.
3 Für mich das eindrücklichste Kunstwerk des Krisenjahres 2009: "Constellation No. 3" des chinesischen Künstlers Chu Yun. Ein nachtschwarzer Raum, in dem grüne, gelbe, rote Lämpchen glimmen, lauter auf stand-by gestellte Kühlschränke, Telefone, Mikrowellen. Die Dunkelheit verwandelt die schnöde Technik - während die Geräte vor sich hindämmern, ist unsere Imagination geweckt. Und zumindest für einen Augenblick mögen wir daran glauben, auch die Finanzkrisendunkelheit könnte unsere Vorstellungen von Kunst und Welt verändern.
Peter Plagens, "Newsweek", New York 1 Bruce Naumans Installation "Days/Giorni" in zwei Universitäten auf der Biennale in Venedig. (Der Wahrheit halber: Ich schreibe gerade ein Buch über den Künstler.) Als Maler und Kritiker befähigte sie mich, die Qualitäten von "Sound Art" zu erkennen, gerade weil sie so gut gemacht war. Am anderen Ende des ästhetischen Spektrums ist mir eine Ausstellung in der inzwischen geschlossenen New Yorker Galerie Moti Hasson im Gedächtnis geblieben, die Ende 2008 stattfand, also eigentlich jenseits der Jahresvorgabe. Es war eine Schau mit abstrakter Malerei auf verschiedenen, miteinander kombinierten Tafeln von Joanna Pousette-Dart - die beste Galerieaustellung mit abstrakter Malerei, die ich seit langem gesehen habe.
2 "The Generational: Younger Than Jesus" im New Museum in New York.
Auch wenn man in großen anthologischen Ausstellungen oft nur wenig gute Werke sieht, war diese Schau besonders schlecht. Die Vorgabe (Künstler um die 30) war nicht aufschlussreich, die Präsentation mittelmäßig und das Gebäude, muss ich leider sagen, ist einfach schrecklich.
3 Schwierige Frage, weil ich allein auf der Venedig- Biennale so viele gesehen habe. Aber ein Künstler, der mich kürzlich bei einer Ausstellung der Matthew- Marks-Galerie in New York beeindruckt hat, war der Plastiker Vincent Fecteau. Seine Arbeiten sind trügerisch: ziemlich normale Größe, formalistisch und leuchtend bunt, aber wenn man ein bisschen genauer hinschaut und darüber nachdenkt, sind die Arbeiten geistreich und auf eine einfallsreichere Weise schön, als es auf den ersten Blick scheint.
Ulrike Knöfel, "Der Spiegel", Hamburg 1 Zuletzt schien die Biennale von Venedig mit ihrer Überblicksausstellung in dem glamourseligen Trubel unterzugehen, den sie selbst alle zwei Jahre verursacht. Die Schau von Kurator Daniel Birnbaum zwang das Publikum endlich, die Kunst als Kern der Veranstaltung wiederzuentdecken. Zu den ästhetisch bestechenden, zugleich uneitelsten Werken gehörte eine Arbeit der gestorbenen Brasilianerin Lygia Pape, welche die Beiträge einiger durchaus auch vertretener Szenelieblinge deutlich überstrahlte.
2 Wer versuchte sich noch nicht alles in der Bestandsaufnahme gegenwärtiger Kunst: In London illustrierte die Tate Modern die Vision einer "Altermoderne" - und lieferte ein angestrengtes Ausstellungsdurcheinander ab. Sammler François Pinault ließ in seinen nunmehr zwei venezianischen Privatmuseen einen doppelt langweiligen Parcours der teuren Trophäen einrichten. Gelungener wirkte da schon ein Experiment in New York, dort stellte das New Museum einfach jede Menge Künstler vor, die zu diesem Zeitpunkt "Younger Than Jesus" waren und durchaus eine Zukunft jenseits der 33 Jahre haben.
3 Der Iraner Shahab Fotouhi, Jahrgang 1980, pflegt seinen eigenen Dialog der Kulturen, denn er stichelt in alle Richtungen. In der Schweiz ließ er Leute die Nationalhymne seiner Heimat nachsingen (die Teilnehmer hielten die hübsch klingenden Strophen für Wiegenlieder), auf die vor einiger Zeit erwachte Gier westlicher Galeristen nach iranischer Kunst reagiert er mit Werktiteln wie "For Export Only".
Sein auf der Istanbul-Biennale 2009 ausgestellter Schutzraum vor Atomangriffen erschien manchem Besucher zwar zu bunt und plakativ, aber auf jeden Fall hat Fotouhi das Potential, weiterhin als Provokateur im Gespräch zu bleiben. Als Student der Frankfurter Städelschule kann er zudem an seinem Talent arbeiten. Aufgefallen sind außerdem diese Filmkünstler: Eindrucksvoll zeigt die Serbin Katarina Zdjelar in ihren Videos, wie leicht sich Sprache gegen den Sprechenden richtet. Das in London ansässige Duo Anja Kirschner und David Panos hat sich an einen Historienfilm gewagt, der auch die Gegenwart nicht besser aussehen lässt. Und die ebenfalls in Großbritannien lebende Österreicherin Ursula Mayer wird mehr und mehr zur Meisterin einer so eleganten wie angespannten Atmosphäre.
Matthias Dusini, "Falter", Wien 1 "Monument to Transformation" in der City Gallery in Prag: Auf die Best-of-Kulinarik westlicher Kollegen verzichtend, recherchierten die Kuratoren Vít Havránek und Zbyne?k Baladrán in den osteuropäischen Kunstszenen das Wendejahr 1989 und die Folgen. Ohne die notorische Tristesse des postkommunistischen Dokumentarismus erhellte die Schau die Nähe zwischen zivilgesellschaftlichem und künstlerischem Aufbruch.
2 Gruppenausstellungen wie "Chalo! India" betreiben unter liberalem Deckmäntelchen die Stereotypisierung von Kunstregionen. Russland, Balkan und China liegen hinter uns, der Iran ist als nächstes dran. Ohne psychotrope Substanzen war die Räucherstäbchenexotik dieser Schau kaum auszuhalten gewesen.
3 Ausstellungsbudgets gehen bei ihr für Sex mit Callboys drauf, man kann ihre Knutschflecken kaufen. In einem Kostüm aus Dichtungswolle mutiert die Österreicherin Marlene Haring zur Ganzkörperblondine. Feministische Körperkunst, humoristisch gegen den Strich gebürstet.
Richard Cork, "The Sunday Times" und "Financial Times", London 1 Obwohl wir immer noch in einer Periode der extremen wirtschaftlichen Krise stecken, ist Großbritannien in der glücklichen Lage, die Anthony d' Offay-Sammlung erworben zu haben. Vom Staat für einen Sonderangebotspreis von 27 Millionen Pfund gekauft, umfasst sie Hauptwerke von herausragenden Künstlern von Joseph Beuys bis Andy Warhol. Klugerweise wurde die Sammlung aufgeteilt in eine Serie von "Künstler-Raum"-Ausstellungen, die nun in Museen und Kunsthallen im ganzen Land gezeigt werden. Zu den besten dieser Ausstellungen gehörte eine Beuys-Schau in dem spektakulären De- La-Warr-Pavillon in Bexhill-on-Sea in East Sussex. Die exzellente Auswahl der Werke kulminierte in "Scala Napoletana", einer berührende und kraftvollen Arbeit, die nur wenige Monate vor dem Tod des Künstlers entstand.
2 Das lächerlichste, unsinnigste und ärgerlichste Buhei wurde im letzten Jahr im Prado in Madrid veranstaltet, als das Museum einen Wandtext zu Goyas berühmtem "Koloss" änderte. Nachdem das Bild 200 Jahre lang als eines seiner größten Werke bewundert wurde, hat man es jetzt neu zugeschrieben. Goyas Name wurde vom Wandtext entfernt, und ein Prado-Experte behauptet nun, der Koloss sei von Goyas Assistenten Asenio Julia gemalt worden. Aber die Wahrheit ist natürlich, dass sich das Werk dadurch gar nicht geändert hat. "Der Koloss" ist immer noch ein packendes Meisterwerk, wer auch immer es gemalt hat.
3 Nachdem er ganz auf sich gestellt drei Jahre lang in seinem Atelier in Manhattan gearbeitet hatte, präsentierte Charles LeDray sein erstes großes Projekt in Europa. Das Ergebnis, eine von Artangel in Auftrag gegebene Installation mit dem Titel "Men's Suits" , nahm den Raum einer ehemaligen viktorianischen Feuerwache in der Chiltern Street in London ein. Die drei Ensembles, die mit unglaublicher Sorgfalt hergestellt und angeordnet waren, bestanden aus Kleidungsstücken, die so klein waren, dass sie für Kinder gedacht hätten sein können. Ihr Besitzer schien verstorben zu sein und eine melancholische Installation zurückgelassen zu haben, die die Vergänglichkeit der Menschheit und all ihres Schmucks symbolisierte. Das Erlebnis war geheimnisvoll und unvergesslich.
Tim Sommer, "art - Das Kunstmagazin", Hamburg 1 "Kunst und Kalter Krieg": Nach vielen missglückten Versuchen bietet die Schau (noch bis 10. Januar 2010 im Deutschen Historischen Museum in Berlin) endlich einen klugen, diffenzierten und an vielen Stellen überraschenden Einblick in das Neben-, Mitund Gegeneinander der Kunst im geteilten Deutschland. Eckhart Gillen, der die Ausstellung gemeinsam mit Stephanie Barron vom LACMA in Los Angeles kuratiert hat, zieht hier Bilanz aus seiner jahrzehntelangen, immer neugierigen Beschäftigung mit dem Thema.
Die Schau ist so gut, weil ihm beides wichtig ist: der Eigenwert der Bilder und die Bedingungen ihrer Entstehung. Selten hat man die Verflechtungen von Kunst und Politik so gut herausgearbeitet.
2 "60 Jahre, 60 Werke", eine Ausstellung zum Jubiläum der Bundesrepublik im Berliner Martin-Gropius-Bau, so armselig und unreflektiert, dass man sie nur schnell vergessen möchte.
3 Ich weiß nicht, ob sich da ein Genie auf die Reise begibt, aber frappierend sind die Holz-und Linolschnitte von Sebastian Speckmann (Jahrgang 1982) allemal. Können, also Beherrschung des Materials, ist als Kategorie der Kunstbetrachtung ja aus der Mode - bei Speckmann ahnt man, was dadurch verloren geht.
Holger Liebs, "Süddeutsche Zeitung", München 1 Das Museum of Everything, gelegen in einem ausgedienten Nachtclub in Primrose Hill, London, vollgepflastert mit sogenannter "Outsider Art" von Morton Bartlett bis zum Reverend Howard Finster, ein Wirbelwind der Gesamtkunstwerkler zwischen Kirmes, Freakshow, Kapelle und Totemkult. Außerdem: Daniel Birnbaums kluge, historisch ausgreifende, aber immer den Zauber der Kunst bewahrende Schau "Weltenmachen" auf der Biennale in Venedig.
2 Von niederschmetternder Schlichtheit war die Bilderparade "60 Jahre, 60 Werke" im Martin-Gropius- Bau: Kunst von Beuys bis Tillmans, am Nasenring durch die Arena bundesrepublikanischer Zeithistorie gezogen und schwarzrotgold übermalt. Und das Schlimmste: Ostkunst vor 1989 fehlte völlig, weil mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Dann wäre wohl auch die Pracht absolutistischer Fürstenhöfe nicht museumswürdig, oder wie?
3 Der erst 29-jährige Franzose Cyprien Gaillard vereint in seinem Werk Ruinenästhetik, Land Art, die Megalomanien der Moderne, Vandalismus und Utopie:
Beispielhaft zeigt Gaillards retrofuturistische 16-Millimeter- Videocollage "Cities of Gold and Mirrors" (2009) verwirrende Korrespondenzen zwischen mexikanischem Mayakult und modernem Massentourismus.
Bildunterschrift:
Das "Final Wooden House" der japanischen Architekten Sou Fujimoto Architects in Kumamoto
Raphaëlle Ricols Gemälde "Sweet Suicide" von 2009
Installation "X" von Kilian Rüthemann, 2009 im Kunsthaus Glarus
"Constellation No. 3" von Chu Yun 2009 auf der Biennale in Venedig
Pappmachéobjekt ohne Titel von Vincent Fecteau
Shahab Fotouhis "Schutzraum vor der Atombombe" (2009)
Marlene Haring:
"Because Every Hair is Different" (2005-2009)
Detail aus Charles LeDrays Installation "Men's Suits" 2009 in London
Still aus Cyprien Gaillards 16- Millimeter-Film "Cities of Gold and Mirrors" (2009)
Sebastian Speckmanns Linolschnitt "Ausflug" (2007, 41 x 31 cm)
